Notärzte fordern Kehrtwende bei Winterdienst

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Die Stadt Lindau soll den Winterdienst wieder ausweiten. (Foto: Niclas Scheiblich)
Schwäbische Zeitung
Jürgen T. Widmer

Der leitende Notarzt im Landkreis Lindau, Michael Brandt, hat in einem offenen Brief an Lindaus Oberbürgermeister Gerhard Ecker und die Stadträte die aktuelle Situation im Winterdienst als „unhaltbar“ bezeichnet.

„Die Nebenstraßen und zum Teil die Hauptstraßen waren am Wochenende spiegelglatt, so dass unfallfreies Fahren mit dem Notarzteinsatzfahrzeug trotz vorsichtiger Fahrweise zum Glückspiel wurde. Selbst das Laufen war für Gehgesunde fast unmöglich, geschweige denn für ältere Menschen oder Gehbehinderte. Der Notfallort konnten nur noch mit Mühe auf den eisglatten Straßen erreicht werden, ohne dass sich die Retter selbst gefährdeten“, schildert Brandt die Situation. Brandt appelliert an den Stadtrat, seine Entscheidung zu überdenken „und die Straßen an den wenigen Wintertagen durch einen umfangreicheren Winterdienst in Lindau wieder sicherer zu machen.

Es komme auch zu nicht abschätzbaren gesundheitlichen Schäden. Allein die medizinische Versorgung eines komplizierten Beinbruches eines Besuchers des Weihnachtsmarktes, der auf einem vereisten Bürgersteig in der Zeppelinstraße ausgerutscht ist und den der Rettungsdienst am vergangenen Wochenende versorgen musste, werde die Einsparungen, die die Stadt Lindau mit dem eingeschränkten Winterdienst erwirtschafte um einiges übersteigen, so Brandt weiter

„Vor Jahren schon wurde in den Seitenstraßen die Nachtbeleuchtung auf ein Minimum begrenzt, jetzt fällt auch die Sicherheit und Begehbarkeit der Straßen, deren Zustand durch Schlaglöcher sowieso schon bedauernswert ist, dem Rotstift zum Opfer. Wie weit soll das noch gehen?“, fragt Brandt.

Der Lindauer Stadtrat dürfte jetzt in Sachen Winterdienst in Nebenstraßen eine komplette Kehrtwende hinlegen. Die Fraktionen der CSU, der SPD, der Freien Wähler und der Freien Bürger haben jetzt einen gemeinsamen Antrag für die Stadtratssitzung am Donnerstag (18 Uhr) angekündigt. Sie wollen, dass die Einschränkung des Winterdienstes wieder aufgehoben wird.

Für viele Räte würde dies bedeuten, dass sie ihre Entscheidung in der Oktober-Sitzung des Stadtrats korrigieren müssten. Damals hatte das Gremium mit 25:4 gegen die Stimmen von Ursula Krieger, Jürgen Müller (beide Freie Wähler) und Bürgermeister Karl Schober und Andreas Willhalm (beide CSU) beschlossen, den Räumdienst in Nebenstraßen drastisch einzuschränken.

Diesen Beschluss musste der Bauhof bereits gestern vorübergehend auf Eis legen. „Die Stadt Lindau wird aufgrund des von den Wetterdiensten angekündigten, zu erwartenden starken Frostes von minus zehn Grad und zur Aufrechterhaltung der Befahrbarkeit der Straßen heute und morgen einen Großteil der Nebenstraßen im Stadtgebiet Lindau räumen und streuen“, teilte die Stadt am Dienstagnachmittag mit.

„Dies ist zunächst aber eine einmalige Sache“, erklärte Winfried Vögel, Pressesprecher der Stadt, auf Anfrage der Lindauer Zeitung. Das Ende der Einschränkung könne nur der Stadtrat beschließen.

Bürger loben Bauhof

In den meisten Nebenstraßen waren die Räumfahrzeuge durchaus willkommen. Brigitte und Walter Günther, die bezeichnenderweise in der Schneehalde wohnen, hatten bereits in der Stadtverwaltung angerufen, damit ein Räumfahrzeug den Weg in die Schneehalde findet. Als dann am Nachmittag die Straße wieder befahrbar war, bedankten sie sich schriftlich bei den Bauhof-Mitarbeitern.

Auch in der Facebook-Gruppe „Du weißt, dass Du aus Lindau bist…“ waren die Reaktionen auf die Kehrtwende in Sachen Winterdienst positiv. Allerdings scheint es auch Lindauer zu geben, die auch im geänderten Verhalten der Stadt wieder etwas zu kritisieren finden. So mussten sich angeblich Bauhof-Mitarbeiter beschimpfen lassen, weil der Schnee von den Straßen vor Garageneinfahrten landete. Dies vermeldet zumindest die Facebook-Seite der Stadt Lindau.

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