Nicht nur drei Monate: Als die Grenze zu Österreich drei Jahre lang zu war

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 Die Aufnahme stammt vom 26. August 1936. Zu sehen ist die Ankunft des Sonderschiffs, der „Deutschland“, im Hafen von Bregenz.
Die Aufnahme stammt vom 26. August 1936. Zu sehen ist die Ankunft des Sonderschiffs, der „Deutschland“, im Hafen von Bregenz. (Foto: Stadtarchiv)
Lindauer Zeitung

Das Schließen der deutsch-österreichischen Grenze zählt zu den Maßnahmen, die Mitte März diesen Jahres zur Eindämmung der Corona-Pandemie ergriffen wurden. Nun wird sie allmählich wieder zurückgenommen, ab dem 16. Juni wird es wieder möglich sein, die Leiblach in beiden Richtungen ohne Einschränkungen zu überschreiten. Drei Monate mussten die Lindauer und die Vorarlberger darauf verzichten – aus heutiger Perspektive eine lange Zeit. Aber was sind drei Monate im Vergleich zu drei Jahren? Solange war die Grenze zwischen 1933 und 1936 geschlossen. Was waren die Gründe und Auswirkungen? Heiner Stauder, der Leiter des Stadtarchivs Lindau, geht diesen Fragen nach.

Die Grenzsperre der 1930er Jahre hatte keine gesundheits-, sondern außenpolitische Gründe. In Deutschland hatten am 30. Januar 1933 die Nationalsozialisten unter Adolf Hitler die Macht übernommen. Auch in Österreich hatten sie zahlreiche Anhänger. Auf einer ihrer Versammlungen drohte der bayerische Justizminister Hans Frank am 15. Mai 1933 in Graz mit einer aktiven Einmischung Deutschlands in die österreichische Innenpolitik, da Österreich ja „deutscher Teilstaat“ sei. Daraufhin verwies ihn die österreichische Regierung des Landes. Dies nahm Hitler zum Anlass, die sogenannte 1000-Mark-Sperre zu verhängen, eine Wirtschaftssanktion, die die Regierung in Wien schwächen sollte.

 Die Aufnahmen stammt vom 25. August1936. Zu sehen ist der Fahrkartenverkauf im Lindauer Bahnhof – aber offenbar erst nachdem di
Die Aufnahmen stammt vom 25. August1936. Zu sehen ist der Fahrkartenverkauf im Lindauer Bahnhof – aber offenbar erst nachdem die Polizei für einen geordneten Verlauf gesorgt hat. (Foto: Stadtarchiv)

Ab dem 1. Juni 1933 musste jeder Deutsche, der nach Österreich reisen wollte, eine Gebühr von 1000 Reichsmark an das Deutsche Reich entrichten. Bei einem Durchschnittsverdienst von etwa 1500 Reichsmark im Jahr bedeutete dies, dass sich nur sehr Wohlhabende einen Grenzübertritt nach Österreich leisten konnten. Das war ein harter Schlag für den österreichischen Tourismus, der damals schon ein bedeutender Wirtschaftsfaktor stellte, denn rund 40 Prozent der Übernachtungsgäste in den österreichischen Ferienregionen kamen aus Deutschland, in Tirol und Vorarlberg deutlich mehr, in Schruns 80 Prozent.

Von der 1000-Mark-Sperre ausgenommen war nur der sogenannte kleine Grenzverkehr der ortsansässigen Bevölkerung, der vor allem wirtschaftlichen Zwecken diente. Dagegen war der Ausflugsverkehr ausdrücklich ausgeschlossen. Es war den Lindauern damit nicht mehr möglich, sich am Wochenende auf ihrem Hausberg, dem Pfänder, zu erholen, oder zur Hütte ihrer Alpenvereinssektion ins Montafon zu fahren. Auf weitere negative Auswirkungen machte das Stadtoberhaupt, Bürgermeister Fritz Siebert, in seinen vertraulichen Berichten an die Regierung von Schwaben in Augsburg aufmerksam: Bereits am 31. Mai 1933, also einen Tag vor dem Inkrafttreten der Sperre, wies er darauf hin, dass sie auch den Lindauer Fremdenverkehr, „bekanntlich die Haupteinnahmequelle der Stadt und ihrer Einwohnerschaft“, treffen werde. Er bestehe „in der Hauptsache aus Durchgangsverkehr. Die Leute kommen (…), um sich zum größten Teil ins Ausland zu begeben. Es ist irrig, (…), dass die Fremden lediglich um der Stadt Lindau willen (…) sich in die hiesige Gegend begeben würden. Die Hotels klagen heute schon über ganz erhebliche Ausfälle. Während zum Beispiel Garmisch-Partenkirchen [und] Oberstdorf (…) durch die Grenzsperre nur gewinnen können, (…) wird Lindau aufs allerschwerste (…) betroffen werden.“

 Die Aufnahme stammt vom 26. August 1936. Zu sehen ist die Ankunft des Sonderschiffs, der „Deutschland“, im Hafen von Bregenz.
Die Aufnahme stammt vom 26. August 1936. Zu sehen ist die Ankunft des Sonderschiffs, der „Deutschland“, im Hafen von Bregenz. (Foto: Stadtarchiv)

In der Tat erreichte der Pfingstverkehr trotz „selten schönem Wetter“ „bei Weitem nicht den Umfang des letzten Jahres.“ Schon Ende Juni klagten die Hotels über einen Umsatzrückgang von 35 Prozent. Hart traf es – so Siebert – den städtischen Omnibusbetrieb, „dessen beste Linie die nach Bregenz gewesen ist. Der Ausflugsverkehr, der vor allem dazu beitrug, die sehr teure Einrichtung noch einigermaßen finanziell erträglich zu machen, liegt (…) völlig lahm danieder.“

Da Österreich als Gegenmaßnahme zur 1000 Mark-Sperre ebenfalls eine allerdings wesentlich niedrigere Ausreisegebühr von seinen Staatsbürgern erhob, kamen deutlich weniger Vorarlberger über die Grenze. Das bekam nicht nur das neue städtische Strandbad im Eichwald, sondern vor allem auch die Lindauer Geschäftswelt zu spüren. Ihr Umsatz ging bis zum Jahresende um etwa ein Drittel zurück, was sich – so Siebert – negativ auf den städtischen Haushalt auswirken musste.

Trotzdem bejahte er als strammer Nationalsozialist die 1000-Mark-Sperre. Bereits am 31. Mai 1933 berichtete er nach Augsburg, dass ihn „wiederholt massgebende [nationalsozialistische, H.St.] Kreise aus Bregenz (…) dringend“ gebeten hätten, „auf eine Grenzsperre hinzuarbeiten. Sie erklärten übereinstimmend, dass durch die Einführung derselben die im Gange befindliche Revolution im Innern Österreichs außerordentlich beschleunigt würde.“ Siebert spielte damit auf die Bestrebungen der österreichischen Nationalsozialisten an, in Wien an die Macht zu gelangen. Sie mündeten im Juli 1934 in einen Putsch, bei dem zwar der österreichische Bundeskanzler Dollfuß ums Leben kam, die Nazis ihr Ziel jedoch nicht erreichten. Die 1000-Mark-Sperre blieb in Kraft.

Immerhin war es dem Lindauer Verkehrsbüro zusammen mit Regierung und Partei gelungen, neue Gästegruppen zu gewinnen. Es waren Gruppenreisende, die entweder mit ihren Betrieben oder mit „Kraft durch Freude“ (KdF), der Freizeitorganisation der NSDAP, nach Lindau kamen und hier auch übernachteten. Siebert vermerkte dies positiv –allerdings mit der Einschränkung, dass die neuen Gruppenreisenden – Angestellte und Arbeiter – „naturgemäß nicht allzu viel sitzen lassen.“

In Österreich sollten Gäste aus Österreich selbst, aus Ungarn, der Tschechoslowakei, aus Großbritannien, Frankreich und der Schweiz die ausbleibenden deutschen Touristen ersetzen. In Bregenz gelang dies nur sehr bedingt. Hier war 1926/1927 mit Lindauer Beteiligung die Pfänderseilbahn gebaut worden. Nach dem Ausfall ihrer wichtigsten Gästegruppe, den Lindauern, schrieb sie rote Zahlen. Zum 30. September 1936 sollten sechs Bedienstete entlassen werden, doch konnten die Kündigungen zurückgenommen werden, denn zum 29. August wurde die 1000 Mark-Sperre aufgehoben – als Folge eines Abkommens, das Deutschland und Österreich am 11. Juli 1936 zur Normalisierung ihrer Beziehungen geschlossen hatten.

Das Ende der dreijährigen Ausnahmesituation fand am Bodensee euphorischen Widerhall. Bereits ab dem 25. August fuhren deutsche Sonderschiffe nach Bregenz. Am Fahrkartenschalter im Lindauer Hauptbahnhof kam es zu einem „Menschengedränge von seltenem Ausmaß“, das – so die „Lindauer National-Zeitung“ (LNZ) – zerrissene Kleider und zertretene Schuhe zur Folge hatte.“ Auch wenn dies die Lindauer in ihrer Begeisterung in Kauf nahmen, musste schließlich die Polizei eingreifen. „drei Schutzleute waren zum Halten der Ordnung zu wenig“, so die Stadtchronik. In Bregenz wurden die deutschen Schiffe „mit großem Bahnhof“ empfangen. Die Pfänderbahn fuhr ununterbrochen, „der Pfänderrücken tat fast verwundert über die so unglaubliche Belastung“, so die LNZ.

Am 29. August selbst, einem Samstag, galt das Interesse der Lindauer nicht zuletzt dem Montafon. Endlich war es wieder möglich, die Lindauer Hütte zu besuchen. Mit drei Sonderbussen reisten rund 100 Lindauer Alpenvereinsmitglieder an. Für sie waren neun Zehntel der Schlafstätten reserviert. Die LNZ rechnete mit einer langen Wiedersehensfeier bis tief in die Nacht und riet daher „Bergsteigern mit allzu zarten Nerven und großem Ruhe- und Schlafbedürfnis“, die Lindauer Hütte an diesem Wochenende zu meiden.

Anlässlich der aktuellen Wiederöffnung der Grenze dürfte es kaum zu größeren Feiern kommen. Mindestabstands- und andere Gebote stehen dem entgegen. Und drei Monate sind eben keine drei Jahre.

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