Nachts im Museum

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Die „ORF Lange Nacht der Museen“ hält jede Menge Überraschungen bereit: Amüsiert zeigt Stadtarchivar Heiner Stauder (links) Anja
Die „ORF Lange Nacht der Museen“ hält jede Menge Überraschungen bereit: Amüsiert zeigt Stadtarchivar Heiner Stauder (links) Anja Mörder und Thilo Braasch einen historischen Brief, dessen Briefkopf beweist, dass Lindau einmal zu Österreich gehört hat. (Foto: isabel kubeth de placido)
Isabel Kubeth de Placido

Nachts ins Museum gehen. Dieses reizvolle Angebot haben bei der 20. Ausgabe der „ORF Lange Nacht der Museen“ 657 Kunst- und Kulturinteressierte wahrgenommen und sich das Lindauer Stadtarchiv, das neue Museumsdepot, die Hundertwasser-Ausstellung und die Galerie Skulpturale zeigen lassen.

Es ist 20 Uhr abends und es ist Nacht. Eine besondere Nacht, denn dank der österreichischen Nachbarn machen auch vier Lindauer Kunst- und Kultureinrichtungen mit bei der Langen Nacht der Museen und haben zu ungewöhnlicher Stunde ihre Pforten geöffnet. Wie etwa das neu gebaute Museumsdepot im Lehmgrubenweg. Wegen des ungemütlichen Wetters sind die Tore hier zwar nur symbolisch weit geöffnet, doch durch die verschlossene Tür dringen schräge, aber dennoch einladende Töne. Jahrmarktmusik, oder besser gesagt, Drehorgelmusik. Es ist Walter Gumpelmayr, der die Kurbel dreht. Er ist es, der an diesem Abend mit einigen anderen Kollegen die Aufsicht macht und die nach und nach eintrudelnden Besucher unterhält, bis Sammlungsbetreuerin Christina Grembowicz mit der einen Führung fertig ist, um gleich darauf mit der nächsten zu starten. Und weil Walter Gumpelmayr früher Orgelbauer war, kennt er sich mit Drehorgeln, Tischorgeln, Spieluhren sowie deren verschiedensten Systemen bestens aus. Begeistert lassen sich die Wartenden eine andere Drehorgel aus der Sammlung Kalina zeigen, bei der, gleichzeitig zur Musik, Pferde um die Wette rennen. Auf Tischen liegen ausgestellt diverse Winzerutensilien von anno dazumal, Uniformen samt kurios anmutender Helme und feine Damenstrümpfe, die, wie auf einem Zettel geschrieben steht, aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammen. Zu lesen ist auch, dass sie einmal Prinzessin Augusta, der Gemahlin von Prinzregent Luitpold von Bayern, gehört haben. Dieses Wissen, diese Geschichte um einen Gegenstand, lässt den Betrachter die Strümpfe mit völlig anderen Augen sehen. Es gehört, wie Christina Grembowicz erklären wird, nicht nur zu ihren Aufgaben, alles, was jemals für das Stadtmuseum gesammelt wurde, im neuen Depot so aufzubewahren, dass es jederzeit wieder gefunden wird, sondern auch Geschichten wie diese zu sammeln. Geschichten, die sie den Besuchern erzählt, als sie durch das 700 Quadratmeter große Depot, vorbei an Lampen und Leuchten, Schränken und Stühlen, Bildern, Pokalen, Puppenstuben, Kisten mit Geschirr, Zinnkrügen und Tellern, Hieb- und Stichwaffen, Grenzsteinen, Kutschen und Kompressoren, führt.

„Es gibt hier Sachen, die man normal gar nicht zu sehen bekommt und man kommt hier ja auch sonst nicht rein“, bringt es Bärbel Fecher aus Kressbronn auf den Punkt und erklärt damit auch gleichzeitig ihr Interesse für die Museumsnacht. Das finden auch Annette Klotz und ihre Tochter Alina. Allerdings sind die beiden gerade dabei, sich die leuchtenden Bilder von Friedensreich Hundertwasser im Kunstmuseum am Inselbahnhof anzusehen. Zuvor hatten sie sich durch die aktuelle Ausstellung im Kunsthaus in Bregenz führen lassen und sind dann mit dem im Ticket inkludierten Bahnfahrschein wieder zurück nach Lindau gefahren. „Am liebsten würden wir alles anschauen, aber irgendwann ist der Kopf voll.“

Auch nebenan, im Stadtarchiv, sind alle Mitarbeiter in Gespräche vertieft. Es ist 22 Uhr und es waren, wie die mit einem Zähler ausgerüstete Dame vom ORF bereitwillig Auskunft erteilt, bisher 75 Besucher da. „Dass so viele kommen, das hatten wir nicht gedacht“, freut sich Mitarbeiterin Eva Boso und erzählt, dass es vor allem die österreichischen Nachbarn waren, die einen Blick ins Lindauer Gedächtnis geworfen haben. Kein Wunder eigentlich. Denn wie Heiner Stauder amüsiert erklärt, war Lindau einst einmal und immerhin zwei Jahre lang eine österreichische Stadt. Zum Beweis hält er einen Brief mit Briefkopf der Stadtverwaltung aus dieser Zeit in die Höhe. Mit dieser einstigen Zugehörigkeit erklärt der Stadtarchivar, wenn auch augenzwinkernd, die Teilnahme des Archivs an der Langen Nacht. Für Anja Mörder und Thilo Braasch ein Glück. Die beiden kommen zwar nicht von nebenan, sondern haben ihren Zweitwohnsitz in Lindau, aber auch sie schätzen es, dass sie durch die Lange Nacht ins Stadtarchiv kommen. Vor allem über den „lieben Augustin“ haben sie sich jede Menge erzählen lassen.

Künstlerisch anspruchsvoll wird es in der Galerie Skulpturale. Luisa Ueberhorst hat gerade und zum wiederholten Male an diesem Abend rund zehn Besucher in die Ausstellung „… aus dem Nichts“ eingeführt, die Zeichnungen, Skulpturen und Reliefs des Künstlers Wolfgang Ueberhorst zeigt und das Duo „Körperecho“ macht lautlich und klanglich die dynamische Präsenz des Sicht- und Unsichtbaren deutlich. Mit ihrer Galerie Skulpturale sind die Ueberhorsts bereits zum fünften Mal bei der Langen Nacht dabei. „Der Aufwand ist zwar immer ein bisschen größer als bei normalen Vernissagen, aber es macht Spaß“, erklärt die Galeristin und erzählt von langen Nächten, die bis in den Morgen dauerten.

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