Nach einer Vorsorge macht sich der Patient meist unnötig Sorgen

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Werner Bartens kritisiert Lügen und Märchen in der Medizin.
Werner Bartens kritisiert Lügen und Märchen in der Medizin.
Redaktionsleiter

Ob jemand gesund ist oder nicht, das ist vor allem Glückssache. Auch wenn die moderne Welt den Menschen einreden will, sie seien selbst für ihre Gesundheit verantwortlich. Werner Bartens entlarvt die meisten dieser Maßnahmen zur Vorsorge und Früherkennung aber als Märchen oder sogar bewusste Lüge.

Mit den sogenannten Fakes in Medizin und Psychologie befasst sich eine Vortragsreihe der Lindauer Psychologiewochen. Barten, der selbst Medizin studiert und einige Jahre als Arzt und in der Forschung gearbeitet hat, bevor er Journalist geworden ist. Der Leitende Redakteur der Süddeutschen Zeitung ist als Buchautor und streitbarer Teilnehmer verschiedener Talkshows bekannt. Auch in Lindau nahm er kein Blatt vor den Mund. Denn das meiste, was den Patienten als Vorsorge verkauft wird, sei schlicht überflüssig und manchmal sogar schädlich.

Die Idee der Vorsorge setze Menschen vor allem unter Stress, erklärte Bartens mit vielen Beispielen. Vor allem werde dauerndes schlechtes Gewissen zum Begleiter, denn man kann ja nie genug tun, es ist immer noch mehr möglich. Dass darunter etwas Wichtiges, nämlich die Fähigkeit zur Muße und Ruhe kaputt geht, merken viele Menschen gar nicht. Bartens: „Aber wer ständig vorbeugt, kann sich nie zurücklehnen.“

Das beginnt im Alltag bei der Forderung nach dauernder Bewegung und Sport. Abgesehen von der untersuchten Tatsache, dass zwei von drei Hobbyläufern viel zu schnell laufen, kommen Verletzungsrisiko und anderes hinzu, die es als fraglich erscheinen lassen, ob das wirklich so gesund ist. Es ist unzweifelhaft so, dass jemand mit ausgewogenem und gutem Training sein Leben um sieben oder acht Jahre verlängern kann. das entspricht aber genau der Zeit, die er während seines Lebens gelaufen oder radgefahren ist. sinnvoll ist das also nur, wenn es Spaß macht. Wie alles andere, was Spaß macht, hat es antidressive Wirkung. Und die ist auf jeden Fall gesund.

Ähnliches gilt für das Gewicht, denn nicht der als Idealmaß geltende Bodymaßindex von 25 ist gesund. Laut Bartens haben viele Studien in aller Welt eindeutig erwiesen, dass ein Bodymaßindex zwischen 27 und 28 der gesündeste ist. Diese Menschen leben am längst, gesunden am schnellsten. Deshalb galt dieses maß bis vor 25 Jahren auch als ideal, doch dann habe eine Lobby aus Pharmaindustrie und geschäftstüchtigen Medizinern den Wert runtergesetzt, so dass plötzlich mehr als die Hälfte der Menschen als übergewichtig und somit krank gelten.

Gar nicht hält Bartens von all den Angeboten zum Entschlacken, Entgiften, Entsäuern oder Gesundfasten. Er frage sich, welches Körperbild Menschen haben, die sowas für nötig halten. Auch die Frage, ob man Fleisch isst oder nicht, sei eine Frage des Tierschutzes, aber nicht der Gesundheit. Als völlig überflüssig haben sich in allen Studien die sogenannten Gesundheitshecks erwiesen. Zum Arzt gehen soll, wer Beschwerden hat. Die anderen sollen Wartezimmer nicht noch voller machen. Wer sich normal ernährt, brauche auch keine Vitamintabletten. Und Hormone in den Wechseljahren seien laut allen seriösen Untersuchungen eher schädlich als hilfreich.

Gar nichts hält Bartens von der sogenannten Vorsorgeuntersuchung Mammografie. Die Diagnose sei viel zu unsicher: Bei drei von tausend Frauen entdeckten die Ärzte tatsächlich Brustkrebs. 150 Frauen müssten wegen einer Fehldiagnose aber einige Wochen oder Monate lang mit der Angst leben, sie hätten den Krebs. Und fünf bis acht würden sogar operiert, obwohl sich später herausstellt, dass sie gar keinen Krebs hatten. Diese Nebenwirkungen würden Ärzte ihren Patientinnen aber verschweigen. Und das findet Bartens verwerflich.

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