Fischerkrieg und Flugzeugabstürze: Was der Wapo-Chef erlebt hat

Redakteurin

Klaus Achtelstetter geht von Bord. Der Leiter der Lindauer Wasserschutzpolizei verabschiedet sich in den Ruhestand. Was er in den 33 Jahren auf dem See erlebt hat.

Eben hat es noch geregnet. Als das Polizeiboot Hecht auf den See fährt, bricht die Sonne durch die Wolken. Der Spot liegt auf dem tiefblauen See, die Berge sind zum Greifen nahe. Es wirkt, als wollte die Natur noch einmal alles auffahren, um dem Mann am Steuer den Abschied zu erschweren.

Doch so idyllisch war der Dienst für Klaus Achtelstetter nicht immer. In den 33 Jahren bei der Wasserschutzpolizei hat er viel erlebt: Er hat Menschen gerettet, aber manche konnte er nur tot aus dem See bergen. Neben ihm saßen im Polizeiboot zitternde Segler, aber auch Politiker wie Horst Seehofer, Joachim Herrmann und Gerd Müller.

Er musste im Einsatz einen kühlen Kopf bewahren, bei der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit einen langen Atem beweisen und „schwierige Zeiten“ meistern, wie die Eingliederung der vorher eigenen Dienststelle in die Polizeiinspektion Lindau.

„Bootfahren ist fast so wie Autofahren“

Die Dienststelle ist „einzigartig in Bayern“, sagt Achtelstetter. Schon deswegen, weil der bayerische Teil des Bodensees nicht nur Landesgewässer, sondern auch Grenzgewässer ist. Die internationale Zusammenarbeit sei etwas „ganz Besonderes“, sagt er und zeigt auf das österreichische und Schweizer Ufer. Dabei hat Achtelstetter, als er bei der Polizei anfing, nicht geplant, bei der Wasserschutzpolizei zu arbeiten. Das habe sich dann durch seine Hobbys so ergeben: Klaus Achtelstetter ist leidenschaftlicher Taucher und Segler.

Wapo-Chef blickt zurück.Der Bodensee ist sein Revier. Klaus Achtelstetter ist seit 33 Jahren bei der Lindauer Wasserschutzpolizei. Nun geht er in den Ruhestand. Über Ereignisse, die der der Wapo-Chef nie vergessen wird.

Der Hecht nimmt Fahrt auf, steuert an Löwe und Leuchtturm vorbei auf den offenen See. Für Achtelstetter ist das nichts Besonderes mehr. „Bootfahren ist fast so wie Autofahren“, sagt er lachend. „Routine“ eben, wie vieles andere bei seiner Arbeit. Doch es gibt auch Erlebnisse, die der Polizist nie vergessen wird.

 33 Jahre war Klaus Achtelstetter bei der Wasserschutzpolizei Lindau – und unzählige Male mit dem Polizeiboot Hecht auf dem See.
33 Jahre war Klaus Achtelstetter bei der Wasserschutzpolizei Lindau – und unzählige Male mit dem Polizeiboot Hecht auf dem See. (Foto: Christian Flemming)

Sein erster Einsatz in Lindau war der Flugzeugabsturz bei Rorschach 1989, der elf Menschenleben forderte. Unter den Toten war auch der österreichische Sozialminister Alfred Dallinger. „Wir waren das erste Boot vor Ort“, sagt Achtelstetter, der den Kerosinfleck und das Bugrad des Flugzeugs noch vor Augen hat. Es sollte nicht der einzige Flugzeugabsturz bleiben: Im Januar 1994 stürzte eine zweimotorige Cessna vor Altenrhein in den See. „In der Presse verbreitete sich das Gerücht, dass sie radioaktives Material schmuggeln wollten“, erinnert sich Achtelstetter.

Bayerischer Fischer mit Pumpgun bedroht

Für große Schlagzeilen hatte auch der Fischerkrieg 1991 gesorgt. Inzwischen kann der Chef der Wasserschutzpolizei darüber schmunzeln, damals hatten er und seine Kollegen sich eine Zeit lang nicht mehr über die Grenze nach Österreich getraut. Der Streit um die Fischereirechte am Bodensee war eskaliert, nachdem ein österreichischer Berufsfischer die Netze des deutschen Kollegen gekappt hatte.

„Irgendwann ist Schluss“: Klaus Achtelstetter freut sich mit 60 Jahren darauf, ganz privat auf und im See unterwegs zu sein.
„Irgendwann ist Schluss“: Klaus Achtelstetter freut sich mit 60 Jahren darauf, ganz privat auf und im See unterwegs zu sein. (Foto: Christian Flemming)

Als die Lindauer Wasserschutzpolizei bei den Streithähnen eintraf, richtete der Sohn des österreichischen Fischers eine Pumpgun mit Wildschweinschrot auf den bayerischen Fischer. Bei der anschließenden Verfolgungsjagd versenkte die Wasserschutzpolizei das österreichische Fischerboot. Die Fischer zeigten die Deutschen an – wegen versuchten Mordes. Achtelstetter, der damals selbst das Polizeiboot gesteuert hatte, versichert: „Das war tatsächlich ein Unfall, das Boot war im toten Winkel.“

 Klaus Achtelstetter geht von Bord des Polizeibootes Hecht.
Klaus Achtelstetter geht von Bord des Polizeibootes Hecht. (Foto: Christian Flemming)
 Klaus Achtelstetter läutet zum letzten Mal die Glocke.
Klaus Achtelstetter läutet zum letzten Mal die Glocke. (Foto: Christian Flemming)

Doch nicht alle Einsätze, zu denen die Wasserschutzpolizei gerufen wird, sind echte Notfälle: Wenn Regattasegler Kenterübungen machen oder ein Kunstwerk am Lindauer Hafen ein Bootsheck zeigt, das aus dem Wasser ragt, sei die Aufregung zwar groß, aber kein Großaufgebot notwendig, sagt Achtelstetter schmunzelnd. Eine echt tierische Aktion sei hingegen die Rettung eines Pitbulls gewesen: Der ist im Harder Binnenbecken auf ein Surfbrett gesprungen – und dann abgetrieben.

Doch nicht immer hat bei Seenoteinsätzen die Zusammenarbeit der Rettungseinheiten reibungslos funktioniert. Achtelstetter nennt als Beispiel die Sturm-Regatta 2001. „Da war ein Feuerwerk von Rotschüssen auf dem See“, sagt er, manchmal seien fünf Rettungsteams auf ein gekentertes Boot gekommen. Aber auch als ein anderes Mal zeitgleich Ruderboote vor Altenrhein und Lindau in Seenot gerieten, herrschte ein „großes Durcheinander“.

Daraufhin hat die Lindauer Wasserschutzpolizei mit den Kollegen aus der Schweiz und Österreich einen Leitfaden für internationale Seenotfälle erstellt. „Das hat Energie gekostet“, sagt Achtelstetter, die Arbeit habe sich aber gelohnt: Der Leitfaden sei immer noch gültig.

Digitalfunk funktioniert jetzt endlich

Nerven hat den Polizeihauptkommissar in den vergangenen 33 Jahren auch die Funkkommunikation gekostet. Als der Analogfunk endlich funktionierte, stellten die bayerischen Wasserschutzpolizisten 2011als erste auf Digitalfunk um – mit fatalen Folgen: Die Kommunikation mit den Kollegen aus Österreich und der Schweiz war auf diesem Weg nicht möglich. Zum Ende seiner Dienstzeit gibt es hier endlich ein Happy End: „Im Herbst haben wir es geschafft, dass wieder alle Einsatzboote miteinander sprechen können.“ Denn inzwischen haben auch die Schweizer Rettungseinheiten auf Digitalfunk umgestellt.

Früher hieß es immer, man muss ein harter Hund sein.

Klaus Achtelstetter

Knappe 46 Stundenkilometer schafft der Hecht mit seinen zwei mal 750 PS starken Motoren. „Es ist noch nicht an seine Grenzen gekommen“, sagt Achtelstetter, der schon viele Boote in seiner Amtszeit erlebt hat. Der Hecht ist maßgeschneidert, ganz nach den Wünschen der Lindauer Wasserschutzpolizei, die sich damals bei der Planung einbringen durfte.

Allein wegen des Ein-Mann-Radar-Fahrstands war Achtelstetter zig mal in der Werft. „Der Bau dieses Bootes hat zwei Jahre gedauert“, sagt Achtelstetter über das größte Schiff der bayerischen Wasserschutzpolizei.

Unter Deck sind außer dem Maschinenraum eine Toilette, zwei Schlafplätze und eine Küchenzeile. Achtelstetter bezeichnet das als den „Mehrzweckraum“ des Polizeibootes. Denn im Schrank unter dem Spülbecken finden sich auch Tüten zur Bergung von Leichen.

Säugling geborgen

Wie viele Tote er schon aus dem See gezogen hat, weiß Achtelstetter nicht genau. Er erinnert sich aber noch genau an einen Mann, der angeleint über Bord gegangen war und im Schlepptau seines führerlosen Segelbootes über den See gezogen wurde. Unter die Haut ging ihm die Bergung eines Säuglings. „Da wird man nachdenklich“, sagt er. „Früher hieß es immer, man muss ein harter Hund sein“, so Achtelstetter.

Inzwischen gebe es für Beamten, die so etwas erleben müssen, Hilfsangebote. Eine der schlimmsten Einsätze in letzter Zeit war für ihn der Bootsunfall in Lindau 2020, bei dem zwei Männer starben. Während der eine im Krankenhaus starb, konnten sie den anderen Mann erst ein Jahr später mit Hilfe eines Tauchroboters und Spürhunden bergen.

 Der alte und der neue Chef der Wasserschutzpolizei Lindau: Klaus Achtelstetter (rechts) übergibt das Kommando an seinen bisheri
Der alte und der neue Chef der Wasserschutzpolizei Lindau: Klaus Achtelstetter (rechts) übergibt das Kommando an seinen bisherigen Stellvertreter Gerd Drexler. (Foto: Christian Flemming)

Es ist eine seiner letzten Fahrten mit dem Hecht. Am Freitag wird der Leiter der Lindauer Wasserschutzpolizei offiziell verabschiedet. Wehmütig wirkt er nicht. „Es hat Spaß gemacht, dass man etwas erreicht hat“, sagt Achtelstetter, der diese Woche 60 Jahre alt geworden ist. Er hätte noch länger arbeiten können, hat sich aber dagegen entschieden. „Irgendwann ist Schluss“, sagt er – und freut sich jetzt aufs Tauchen und Segeln.

Und auf sein Wohnmobil. Wenn er von den Reisen spricht, die er damit plant, strahlt er. Als erstes soll es nach Spanien gehen. Dann hat er auch ein Schlauchboot dabei. So ganz ohne Boot geht es halt doch nicht.

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