Musik, die in keine Schublade passt

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Karl die Grosse begeistert wieder im Zeughaus, dieses Mal im großen Saal.
Karl die Grosse begeistert wieder im Zeughaus, dieses Mal im großen Saal. (Foto: Christian Flemming)

„Wie passte das alles eigentlich auf die Bühne des Kleinen Zeughauses“, hat sich nicht nur Stefan Fürhaupter, Chef des Zeughauses gefragt, als er Karl die Große ankündigte und das ganze Sammelsurium auf der Bühne betrachtete. Irgendwie hat aber alles da hingepasst, auch noch genug Publikum, das so begeistert war inklusive der Zeughaus-Führung, dass die Leipziger Formation bereits nach einem halben Jahr wieder nach Lindau kommen musste, besser durfte und offensichtlich gerne kam, um – dem Namen entsprechend – die große Bühne im großen Zeughaus zu bespielen.

Auch wenn das Auditorium des Zeughauses nur zur Hälfte geöffnet war, dort aber voll besetzt, durften beide Seiten, Aktive wie Passive, einen eindrucksvollen Abend erleben, selbst wenn der Aufforderung zum zweiten Teil „da bleibt es zwar melancholisch, wird aber tanzbar“, nicht gefolgt wird. Darauf ist aber Wenke Wollny vorbereitet: „Ich hab schon gehört, hier ist auch gerne mit Sitzen…“, schmunzelt sie – und behält recht. Aber gerade auch im Sitzen und aufmerksamen Zuhören lässt sich das, was Karl die Große da fabriziert, viel besser verfolgen.

Kein Alltagsgewurschtel

Was fabriziert nun diese Band? Das ist schwerlich einzuordnen. Die Musik als eine Art deutscher Pop zu bezeichnen, wird dem nicht gerecht, aber eine wirkliche Schublade ist noch nicht gefunden. Karl die Große leistet sich Texte fernab jeglicher Banalität, wie sie so oft in pseudointellektuellem Gewand verpackt wird, die aktuelle deutsche Popszene ist voll davon. Karl die Große leistet sich eine höchst anspruchsvolle Musik, die sich ebenso vom Alltagsgewurschtel abhebt. Das beginnt schon beim Klangspektrum: ein mächtiger, dominierender, aber runder Basssound als Basis, wie man sie eher vom Pop und Rock der späten 1960er-, Anfang 1970er-Jahre kennt, seien es die psychedelischen Klangexzesse von Pink Floyd oder Brainticket, also akustische LSD-Trips. Ein ganz anderes Klangerlebnis als der seit Jahren dominierende und nervende trocken und stumpfsinnige Bass, gepaart mit schrillen Höhen, die einen vom Leiserdrehen träumen lassen. Nur, im Gegensatz zu damals herrschen hier durchaus klare Strukturen, indem einfach scheinende Riffs rhythmisch vertrackt plötzlich richtig spannend werden und das harmonische Konzept eines jeden Liedes über die gewohnten Schemata hinausgehen. Schließlich gibt es auch noch Raum für Improvisation, auch nicht mehr selbstverständlich.

Das funktioniert nur, wenn die Leute, die da agieren, Ahnung von Musik haben und ihre Instrumente beherrschen. Und das tun Bassist Christian Dähne, Simon Kutzner an den Tasten und der Klarinette, Clemens Kitschko am Schlagzeug, Posaunistin und Melodikaspielerin Antonia Hausmann sowie der Gitarrist Yoann Thicé zweifellos. Sie alle haben sich wohl an der Musikhochschule in Leipzig kennengelernt und harmonisieren seit fünf Jahren bestens miteinander, so lange gibt es die Band schon. Sie alle geben dem, was Bandleaderin, Komponistin, Texterin und Sängerin Wencke Wollny, eben „Karl die Große“ zu Papier bringt, den richtigen Ton und Takt.

Die Songs von Wencke drehen sich gerne, wenig überraschend, ums menschliche und zwischenmenschliche. Doch im Detail steckt bekanntlich das Teufelchen und das blitzt gerne zwischen den Zeilen oder dem Blickwinkel, aus dem sie geschrieben hat, spitzbübisch und oft auch melancholisch hervor und verleiht dem „üblichen Stoff“ eine originelle Note. Da Wollny eingestandenermaßen gerne in Zeitungsläden die illustrierten durchblättert („Ich kann mich nie entscheiden, welche ich nun kaufen sollte, hier kann ich alle lesen.“) hat sie begonnen, Überschriften zu sammeln, bis sie schließlich eine solche Auswahl beieinander hatte, dass diese, sich reimend, ein ganzes Lied füllen konnten.

Generell aber hat Wollny es nicht nötig, auf Textmaterialien anderer zurückgreifen zu müssen, da sprüht es offensichtlich genügend aus dem eigenen Kopf, ebenso beim Komponieren. Auch wenn die Songs gerade von der Musik her frei des Verdachts sind, Hitparaden zu stürmen, sollte sie ihrer Linie treu bleiben, irgendwann wird sich Qualität vielleicht und hoffentlich auf irgendeine Weise bezahlt machen. Und auf dem Weg dahin darf sie gerne wieder nach Lindau kommen und dann vielleicht noch mehr Leute anlocken und faszinieren.

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