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Die zehnten und elften Klassen des VHG diskutieren mit dem Regisseur Peter Ohlendorf über den Film „Blut muss fließen – Underco
Die zehnten und elften Klassen des VHG diskutieren mit dem Regisseur Peter Ohlendorf über den Film „Blut muss fließen – Underco (Foto: isa)

Musik ist der Einstieg zur rechtsextremen Szene. Und der geht ganz einfach. Diese erschreckende Erkenntnis haben die Schüler der zehnten und elften Klassen des Valentin-Heider-Gymnasiums gewonnen, nachdem ihnen der Regisseur Peter Ohlendorf seinen preisgekrönten Film „Blut muss fließen“ im Rahmen des vom Schülermitverwaltungsarbeitskreises ins Leben gerufene Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ gezeigt hat.

„Mir ist klar geworden, dass die Geschichte mit der Musik so, so, so gefährlich ist. Man erreicht damit so viele Leute, und wir haben gesehen, wie einfach das ist, die Leute zu kriegen. Ich habe jetzt noch mehr Angst als vorher.“ Die junge Frau aus der zehnten Klasse des VHG wirkt sichtlich betroffen, als sie das Gespräch mit Peter Ohlendorf sucht.

Seit 2012 reist der Regisseur durch ganz Deutschland und zeigt den Dokumentarfilm „Blut muss fließen – Undercover unter den Nazis“, um die Menschen für das Thema Rechtsextremismus zu sensibilisieren. Neun Jahre lang hat der Journalist Thomas Kuban verdeckt in der Neonazi-Szene recherchiert und mit einer Knopflochkamera das konspirative Milieu von Rechtsrock-Konzerten gefilmt. Denn, wie er im Film sagt: „Musik soll die Jugendlichen ködern und radikalisieren.“

Freilich fließt kein Blut, wie der Titel vielleicht versprechen mag. Vielmehr bezieht sich der Titel auf den Refrain der antisemitischen Variante des „Heckerliedes“ „Blut“, das zum Repertoire vieler rechtsextremer Bands gehört. Trotzdem ist der Film erschreckend. Denn er zeigt, wie einfach es ist Türen zu öffnen und wer dabei alles wegschaut.

Skinheads in einschlägiger Kleidung zeigen den Hitlergruß, grölen vor, während und nach den Konzerten Naziparolen. Und nicht nur in irgendwelchen verlassenen Gebäuden, sondern auch im Hinterzimmer einer ganz normalen Dorfkneipe, in der ganz normalen Disco oder in einem Park mitten in der Stadt. Ihre Kluft und die CDs der einschlägigen Bands, mit den vielversprechenden Namen „Freicorps“, „Kraft durch Freude“, „Kristallnacht“ oder „Werwolf“, kaufen sie in Läden, die irgendwer in irgendwelchen Wohnungen eingerichtet hat. Nur für die Waffen muss man in den Keller gehen.

Dass der Film sagen will, dass es eine weitverbreitete Normalität ist unter Jugendlichen, rechtsextreme Musik zu hören, ohne sie in den Rechtsextremismus einzustufen, zeigt sich, als eine junge Punkerin gesteht, dass ihr gar nicht bewusst sei, was sie da höre, weil sie in erster Linie auf den Beat achte, nicht auf die Texte. Aber, so wird im Film gesagt: „Durch die Musik wird das Gedankengut unter die Jugend gebracht.“

Eine Tatsache, an die der Regisseur anknüpft, als er in Diskussion nach dem Film fragt, wer von den Schülern denn solche Musik schon einmal gehört habe. Nur zögerlich meldet sich eine Schülerin und erzählt, dass auf einem Fest diese Musik aufgelegt worden sei, allerdings sofort als rechtsextrem erkannt worden und wieder ausgemacht worden sei. Ein Vorfall, den Ohlendorf und die Schülerin zwar eher als provozierend gemeint werten, dennoch warnt der Regisseur: „Wir dürfen nicht sagen, wir haben das Thema hier nicht.“

Zu Recht. Denn dass Rechtsextremismus auch in kleinen, beschaulichen Orten wie Lindau möglich ist, hat nicht nur der Film gezeigt, sondern auch ein Vorfall, der sich am Vortag im Club Vaudeville ereignete und unter dessen Eindruck noch einige VHG-Schüler standen.

Denn zur dortigen Filmvorführung, bei der auch Thomas Kuban anwesend war, hatten sich fünf Neonazis eingeschlichen, die dadurch entlarvt wurden, weil sie auf der Toilette rechtsradikale Aufkleber hinterlassen hatten. Ein Mitarbeiter des Clubs verwies sie zwar daraufhin des Geländes, trotzdem gilt die Sorge der VHG-Schüler dem Protagonisten. „Steht Thomas Kuban unter Polizeischutz?“, fragt eine Schülerin. Woraufhin Ohlendorf erklärt, dass der Journalist derart gut getarnt und im wahrsten Sinne des Wortes eine „Kunstfigur“ sei. „Wir haben keine Angst“, versichert er, obwohl gegen den Journalisten Morddrohungen ausgesprochen wurden, und verdeutlicht: „Das Thema darf nicht ausgeklammert werden. Hier gibt´s sowas auch.“

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