Mit 180 Sachen fliegen Alicia und Pascal Schmale ins Eheleben

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 Mit diesem schönen Hubschrauber heben Alicia und Pascal Schmale gleich ab zum Hochzeitsflug in den siebten Himmel. Der Pilot: d
Mit diesem schönen Hubschrauber heben Alicia und Pascal Schmale gleich ab zum Hochzeitsflug in den siebten Himmel. Der Pilot: der Bruder der Braut. (Foto: susi donner)
Susi Donner

Am Samstagmittag vor Pfingsten ist ein weinroter Hubschrauber in Maria-Thann auf einer Wiese hinter der Kirche gelandet. Genauer gesagt, eine Robinson R 44. Pilot: der gebürtige Scheidegger Kay J. Inhaber einer Privatpilotenlinzenz für Hubschrauber (PPL-H). Sinn und Zweck des Manövers: Seine Schwester Alicia heiratete in der Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria-Thann. Und nach der Trauung flog er seine Schwester und seinen nagelneuen Schwager nach Weiler. Dort im Tannenhof sollte die große Feier sein. Eine fliegende Hochzeitskutsche also, mit 245 Pferdestärken und rund 240 Stundenkilometern Höchstgeschwindigkeit. Einen Bruder müsste man haben, der Hubschrauberpilot ist.

Im Cockpit der Robinson R 44: Alicia hat volles Vertrauen zu ihrem Bruder mit dem sie sich während des Fluges nur mittels eines
Im Cockpit der Robinson R 44: Alicia hat volles Vertrauen zu ihrem Bruder mit dem sie sich während des Fluges nur mittels eines Headsets unterhalten können. (Foto: susi donner)

Das Brautpaar: Alicia ist 25, Pascal 27 Jahre alt. Die beiden sind seit elf Jahren zusammen – sie sind beiderseits die erste große Liebe. Alicia ist wie ihr Bruder Kay in Scheidegg geboren, Pascal in Lindenberg – gemeinsam wohnen sie in Lengatz bei Maria-Thann. Nach der Trauung fand am Kirchplatz ein Sektempfang statt. Bis Kay J. das Zeichen zum Aufbruch gab. Alicia wirkte überhaupt nicht aufgeregt. „Vor der Trauung war ich aufgeregt. Jetzt bin ich es nicht mehr.“ Was vielleicht daran liegt, dass es für sie bereits der dritte Flug ist, den sie mit ihrem Bruder im Helikopter unternimmt. „Ich fühle mich völlig sicher bei ihm. Es ist toll so einen großen Bruder zu haben“, versicherte sie.

Sicherheit geht vor - immer

Die meisten Hochzeitsgäste fuhren gleich los, um rechtzeitig in Weiler zu sein, um den Helikopter dort in Empfang zu nehmen. Pascal trug seine strahlende Ehefrau durch das hohe Gras zum Helikopter, der mit den Namen der Brautleute gebrandet war. Noch ein paar Fotos vor dem Einsteigen, und den Sicherheitshinweisen des Bruders lauschen, der mit ernsthaftem Gesicht seinen wertvollen Passagieren das Verhalten bei Gefahr und im Notfall erklärte, sowie die Kommunikation über Headsets. Während der Bräutigam seine Braut samt Hochzeitskleid im kleinen Cockpit verstaute und die Fotografin, die den Flug begleitete, Platz nahm, umrundete Kay J. den Helikopter aufmerksam. Der Pilot prüfte alle relevanten Teile eingehend, obwohl er vor seinem Abflug am Flughafen in Altenrhein bereits alles intensiv gecheckt hatte. Erst dann stieg auch er ein. Sicherheit geht vor. Immer. Als der Kolbenmotor mit 8,8 Litern Hubraum ansprang, klang es im ersten Moment, als starte ein Rennwagen. Der Pilot ließ den Motor, den Zweiblatt-Hauptrotor und den Zweiblatt-Heckrotor im Leerlauf warmlaufen, und arbeitete derweil die Checkliste der Elektronik und Mechanik im Cockpit ab. Inzwischen hatten sich etliche Zaungäste bewundernd um den Startplatz versammelt. Schließlich drehten die Rotoren auf Hochtouren, die Freigabe zum Start kam per Funkspruch, und der Helikopter hob langsam von der Wiese ab, stieg wenige Meter in die Höhe, neigte sich wie zum Abschiedsgruß zu den Zuschauern, drehte ab in Richtung Westen, nahm Höhe und Geschwindigkeit auf, kehrte in einem großen Bogen nochmal nach Maria-Thann zurück, überflog die Kirche und war schon außer Sichtweite – mit einer Geschwindigkeit von 90 bis 100 Knoten – das sind 170 bis 180 Stundenkilometer.

Rundflug über Heimatdörfer

Das Brautpaar durfte nun einen Rundflug über seine Heimatdörfer Lindenberg und Scheidegg erleben und einen Abstecher zum Hochgrat hatte Kay J. auch versprochen. Eine halbe Stunde später landeten sie sicher in Weiler am Tannenhof. Kay J. hob aber gleich wieder ab, um den Hubschrauber zurückzubringen und mit dem Auto schnell wieder zur Feier zurückzukehren – um nicht alles zu verpassen.

Was sich hier nach lässigem Abenteuer anhört, hat mit viel gewissenhafter Vorbereitung zu tun. Kay J. ist Bundespolizist und auf dem Weg, bei der Bundespolizei Hubschrauberpilot zu werden.  Den Pilotenschein hat er privat gemacht und finanziert. Seine Mutter erzählt, dass er bereits mit fünf Jahren beschlossen habe, Hubschrauberpilot zu werden.

„Safety first“: Pilot Kay Jerg prüft vor dem Hochzeitsflug nocheinmal alle relevanten Teile des Helikopters.
„Safety first“: Pilot Kay J. prüft vor dem Hochzeitsflug nocheinmal alle relevanten Teile des Helikopters. (Foto: susi donner)

Für seine Privatpilotenlizenz für Hubschrauber (PPL-H) waren ein Jahr Theorie und viele Prüfungen notwendig. Normalerweise dauern die Flugvorbereitungen rund eine Stunde. Für den Hochzeitsflug war das deutlich mehr. Unter anderem, weil er zwei Landeplätze außerhalb eines Flughafens genehmigen lassen und zuvor selbst genau prüfen musste. Das Luftamt Südbayern und München musste die Zustimmung geben und sowieso natürlich der Grundstücksbesitzer. Dazu komme ein detaillierter Flugablaufplan, zu dem neben dem Zeitraum, der Hindernisfreiheit, dem Wetter und den Sicherheitsvorschriften, die geplante Geschwindigkeit und Höhe, die Berechnung des Gesamtgewichtes samt Passagiere, der Berechnung des Schwerpunkts und des Treibstoffs gehören. Außerdem die Berechnung einer Alternativ-Route als Plan B – denn einfach mal rechts ranfahren weil aus irgendeinem Grund auf der geplanten Route kein Durchkommen ist, das geht in der Luft nun mal nicht. Ebenso muss ein Flugplan ATC für die Zollabfertigung erstellt werden, weil die Maschine ja die EU-Grenze aus der Schweiz und in die Schweiz zweimal passiert. Da gibt es keine Ausnahmen – auch wenn es ein Hochzeitsflug war. „Aber was macht man nicht alles für seine kleine Schwester“, sagt er lachend.

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