„Menschenbilder“ aus 45 Jahren Galerie Holbein

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Babette Caesar

„Menschenbilder“ titelt die aktuelle Ausstellung in der Galerie Holbein, die noch bis zum 22. Dezember zu sehen ist. Nach den „Abstraktionen“ ist dies der zweite Teil, der sich nun mit über 50 graphischen Werken von 16 Künstlerinnen und Künstlern der Darstellung der menschlichen Figur widmet. Entstanden sind die Arbeiten mehrheitlich in den 1970er und 1980er Jahren und stammen aus dem Sammlerbestand des Galeristenpaares Annette und Hans Pfaff.

Mit Joachim Palm habe alles angefangen, erzählt Annette Pfaff und schwärmt für die Zeit, als sie 1974 die erste Galerie im alten Rebleutehaus in der Holbeinstraße 12 eröffnete. „Holbein 12“ hieß sie damals, woher auch der bis heute erhaltene Name kommt. Wenig Platz hätte es dort gehabt, doch genug, um das Wagnis einzugehen, Kunst der Gegenwart zu zeigen. Und das waren eben damals Werke ihrer Zeit.

Was Palms „Tischgesellschaften“ ausdrücken

Zuvorderst die des 1936 in Potsdam geborenen Palm, der heute in München lebt und einst unter anderem vom Bauhaus mitgeprägt wurde. Ins Auge springen seine „Tischgesellschaften“. Vornehmlich in sparsamer Farbigkeit gehalten, handeln die Radierungen von Menschen, die sich um einen Tisch versammelt haben in streng architektonisch angelegten Interieurs. Sich an einen Tisch zu setzen, hat für Palm etwas Kommunikatives. Diese Art der Hinwendung sei etwas ganz Wichtiges. Dort teile man sich mit und dort empfange man, was für einen Künstler wie ihn von immenser Bedeutung sei. Seine Menschen tragen vornehmlich schwarz und widerspiegeln die Mode der 1970er Jahre. Manche seiner Figuren versinken in übergroßen Sesseln vor Fernsehern. Sie tragen wuchtige Schlaghosen und wirken statisch. Das Leichte, das könne er nicht und verweist zugleich auf die Brüchigkeit, die den Figuren innewohnt. Die zehn Blätter korrespondieren mit Grafiken von Horst Antes, Werner Knaupp und Henning Kürschner, die alle der ungefähr gleichen Jahrgangsstufe angehören. Sie haben die Anfänge der Galerie Holbein bestimmt zu einer Zeit, als nach Jahren des Informel ab den 1960er -Jahren wieder die menschliche Figur von Interesse war und neu gesehen wurde.

Antes „Kopffüßler“, darunter auch eine Cortenstahl-Plastik, zwei herausragende „Köpfe“ als Pinsel- und Kohlezeichnungen von Knaupp, die formal auf seine späteren Werke verweisen sowie die große „Dunkle Figur mit gewinkeltem Arm“ in Kohle und Tempera auf Leinwand von Kürschner. Von ihnen gibt sich Hans Pfaff bis heute begeistert – von Kürschners konstruktiver Art, wie sich aus geometrischen Elementen sein frontal Sitzender entwickelt.

Erich Smodics als einer der besten Radierer

Im Kontrast dazu stellen sich beispielsweise die Menschenbilder des Biberachers Hermann Schenkel in einer stark gestischen Strichführung dar. Oder mit einem Blick auf „Katharina“ und „Torso“ des Bregenzers Erich Smodics aus den 1980er Jahren, der es wie kaum ein anderer versteht, Körper mittels Farbradierung auf Existentielles zu reduzieren. Wie er es schafft, flüssiges Aquarell auf die Radierplatte aufzutragen und beides zusammen derart zu drucken, ist Hans Pfaff bis heute ein Rätsel. Zu vielen Künstlern hatten und haben Pfaffs ein freundschaftliches Verhältnis. Zu dem bereits verstorbenen Paul Flora oder zu Voré, der mit einer Sandstein-Plastik und einer in erdfarbenen Tönen gehaltenen Zeichnung vertreten ist, die das ebenso Fundstückhafte wie rumpfartig Körperliche betont. Mit Helga Jahnke, Ehefrau von Joachim Palm, ist die einzige Künstlerin dabei. Skizzenhaft und zugleich detailliert in vielfältigen Überschneidungen geben sich ihre „Notizen mit Gläsern“ oder „Sitzende am Tisch“. Eine Reihe bekannter Künstlernamen aus den vergangenen 45 Ausstellungsjahren begegnen Besucherinnen und Besuchern jetzt wieder. Oskar Koller, Siegfried Büchner, Hubert Berchtold, Joachim Hämmerle oder Andreas Bindl mit seiner Zeichnung „Weibliche Gestalt“, deren Rumpf sich mittels Papiercollage plastisch abhebt. Nicht zu vergessen drei stark farbige Temperablätter des Malers Hans Stöhr, Vater von Annette Pfaff, aus den 1950er Jahren. Sie beleuchten durch stilistischen Einflüsse der Klassischen Moderne im Südwesten die Wiederbelebung einer neuen Figuration nach dem Zweiten Weltkrieg.

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