Mehr Frauen suchen Schutz und Hilfe

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 Der Verein „Hilfe für Frauen in Not“ bestätigt seinen Vorstand (von links) : Oranna Herges, Andrea Pietsch, Susanne Gaide, Clau
Der Verein „Hilfe für Frauen in Not“ bestätigt seinen Vorstand (von links) : Oranna Herges, Andrea Pietsch, Susanne Gaide, Claudia Donné, Ingeborg Maiwald, Christel Hauber und Stefanie Bayer. (Foto: Isabel Kubeth de Placido)
Isabel Kubeth de Placido

Eigentlich ist der Verein „Hilfe für Frauen in Not“ gut aufgestellt. Weil aber immer mehr Frauen im Landkreis seelische und körperliche Misshandlungen erfahren und Beschimpfungen, Drohungen, Schlägen und sexuellem Missbrauch im häuslichen Bereich ausgesetzt sind, sucht der Verein dringend Frauen, die sich mit Herz und Verstand engagieren wollen. Insbesondere im oberen Landkreis haben im vergangenen Jahr mehr Frauen als zuvor Hilfe und Schutz bei dem Verein gesucht.

Es ist erschreckend. Im vergangenen Jahr haben sich mehr Frauen an den Verein „Hilfe für Frauen in Not“ gewandt als im Jahr zuvor. Waren es 2017 noch 55 Frauen in Lindau, die telefonisch um Hilfe ersucht haben, waren es 2018 schon 57 Frauen. Daraus haben sich wiederum 14 persönliche Beratungen ergeben und vier Aufnahmen in die Lindauer Schutzwohnung.

In Lindenberg und damit im oberen Landkreis war der Anstieg weitaus deutlicher. Während 2017 23 Frauen telefonischen Kontakt gesucht haben, waren es 2018 32 Frauen. Daraus haben sich 14 Beratungen ergeben und sieben Aufnahmen in die Schutzwohnung.

Während die Wohnung in Lindau an 136 Tagen (2017 waren es 44 Tage) mit vier Frauen und drei Kindern belegt war, war die Lindenberger Wohnung beinahe das ganze Jahr über, nämlich an 361 Tagen (2017 an 239 Tagen) mit sieben Frauen und drei Kindern bewohnt. Die Frauen blieben, so erklärte Vorsitzende Claudia Donné bei der Hauptversammlung des Vereins, unterschiedlich lang. Mal seien es nur zwei bis drei Tage gewesen, mal 70 oder 97 Tage. Die höchste Verweildauer lag bei 173 Tagen.

Wie Donné weiter berichtete, kommen die Hilfesuchenden aus vielen unterschiedlichen Nationen. Es seien sowohl Deutsche dabei, wie auch Frauen aus der Türkei, Polen, Italien, Mexiko, Eritrea oder Rumänien. Jeder Fall sei einzigartig. Gemeinsamer Nenner ist jedoch: „Wir versuchen Frauen und ihre Kinder in der jeweiligen Situation aufzufangen.“ Insgesamt haben die aktiven Frauen des Vereins mehr als 1100 Stunden ehrenamtliche Arbeit geleistet, was im Durchschnitt und pro aktives Mitglied 45 Stunden ausmacht. Nicht mit eingerechnet seien die Zeiten, so Donné, in denen immer zwei Frauen die beiden Notruftelefone bei sich haben.

Nur 22 bis 24 Mitglieder aktiv

Viel Arbeit also, die der Verein allein im vergangenen Jahr geleistet hat. Die Tatsache, dass die Zahl der hilfesuchenden Frauen angestiegen ist, sah Donné jedoch nicht als Ausnahmeerscheinung an. Im Gegenteil. Für die Zukunft erwartete sie keine Abnahme der häuslichen Gewalt. Deswegen und „damit wir unsere Arbeit so gut fortsetzen können, wie die letzten 30 Jahre“, rief sie Frauen dazu auf, sich im Verein aktiv zu engagieren. Derzeit sind von den insgesamt 127 Mitgliedern des Vereins 22 bis 24 aktiv.

Umso mehr begrüßte sie den Umstand, dass der Landkreis seit Januar dieses Jahres mit „Mumm“ eine pro-aktive Beratung für Frauen bei häuslicher Gewalt eingerichtet hat. Wie die mit dieser Stelle betraute Sozialpädagogin Marion Stockner-Stengele erklärte, funktioniert diese Hilfe so, dass der Kontakt zwischen der betroffenen Frau und ihr über die Polizei hergestellt werde. Bei einem entsprechenden Einsatz werde die Frau über das Angebot informiert. Wenn die Frau damit einverstanden ist, übermittelt die Polizei die Kontaktdaten der Betroffenen an die pro-aktive Beratungsstelle. Innerhalb von 72 Stunden werde sie dann tätig und gebe Hilfestellung, „aber nur so viel, wie die Frau erlaubt“. Stockner-Stengele erklärte zudem, dass sich dieses ergänzende Angebot an Frauen wende, die es nie wagen würden, selbst um Hilfe zu bitten. Bisher habe sie bereits zu zehn Frauen intensiven Kontakt gehabt. Davon hätten fünf es geschafft, Distanz zum Täter zu schaffen und damit einen Weg aus der Gewaltspirale zu gehen. Bei zwei dieser Fälle aus dem oberen Landkreis habe sie mit dem Verein zusammengearbeitet. „Man befruchtet sich gegenseitig und arbeitet an einem Strang“, lautete ihr Fazit.

Bei der Wahl des Vorstands bestätigten die Mitglieder die bisherige Vorstandschaft in ihren Ämtern. Erste Vorsitzende bleibt demnach Claudia Donné. Allerdings scheidet Roswitha Pasternak nach dreizehn Jahren sowohl aus der Vorstandschaft als auch als aktives Mitglied aus, weil sie sich einer anderen Aufgabe widmen will. Deshalb teilen sich den stellvertretenden Vorsitz Christel Hauber, Andrea Pietsch und Monika Schlehr-Petzold. Kassiererin bleibt Stefanie Bayer und Schriftführerin Anita Stierle. Rechnungsprüfer sind Helmut Strunz sowie Theo Herges. Susanne Gaide, Ingeborg Maiwald und Oranna Herges bleiben Beisitzer.

Donné kündigte an, dass sie ihr Amt nach acht Jahren als Vorsitzende bei den nächsten Wahlen 2021 abgeben werde. Die beiden Jahre bis dahin werde sie jedoch nutzen, um ihre Nachfolgerin einzuführen.

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