Mediensucht verschlimmert sich

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Helmut Kuntz spricht in der FOS über Handys, Facebook und Co. (Foto: rod)

„Die Jugendlichen haben sich in letzter Zeit sehr verändert. Und das fällt nicht nur mir auf.“ Mit diesen Worten fängt Helmut Kuntz seinen Vortrag in der Fachoberschule (FOS) Lindau an. Seit 2004 kommt er jedes Jahr zu den Psychotherapiewochen nach Lindau. Unter anderem referiert er in dieser Zeit in den Lindauer Schulen zu verschiedenen Themen.

„Mit euch möchte ich jetzt mal die Frage klären, ob diese Veränderung tragisch ist. Ihr entscheidet selbst, wie viel Zeit am Tag ihr mit euren Smartphones, oder mit dem Internet verbringt“, beginnt Kuntz. Therapeuten behandeln inzwischen mehr Leute mit Handy- und Internetsucht, als mit Drogenproblemen. Doch damit kennt sich Helmut Kuntz aus. Seit über 22 Jahren ist er in Saarbrücken als Therapeut und Berater für Menschen mit Suchtproblemen tätig.

„Einigen Jugendlichen ist der Medienwandel sicherlich schon aufgefallen, und sie fragen sich heimlich, ob das, was sie tun, noch normal ist“, erzählt Kuntz. Durchschnittlich verbringen Schüler 5,5 Stunden mit Medien. Egal ob Smartphone, Spielekonsole oder Internet. Und das ist oft länger, als die Schüler in der Schule sind. Und mit der Zeit verschlechtert sich die Leistung sehr, denn der Bewegungsmangel wirkt sich schlecht auf das Lernverhalten aus. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum diese Sucht so große Probleme macht.

Das Multitasking, das für Internet, Musik, Fernsehen und Handy gleichzeitig gebraucht wird, ist auch Grund für das Burn-out vor allem vieler junger Leute, da das Gehirn mit den vielen technischen Fortschritten noch nicht mithalten kann. Wenn früher die Leute mit 50 Jahren ausgebrannt waren, passiert das heute oft schon mit 30. Auch Mobbing im Internet wird durch die vermeintliche Anonymität immer extremer. Nicht selten endet es mit dem Selbstmord der Opfer. Außerdem verhindern Handys das Erwachsenwerden. „Früher bin ich öfters am Abend im Dunkeln an Bushaltestellen gestanden, und musste lernen mit meiner Unsicherheit umzugehen. Heute lenken sich die Jugendlichen mit ihren Smartphones im Bezug auf die Unsicherheit ab und machen dadurch keine Erfahrungen mehr“, erklärt der Therapeut mit diesem Beispiel.

Am Ende gibt der Experte noch Tipps, um den Mediengebrauch zu begrenzen: „Schließe einen Vertrag mit dir. Nach maximal einer Stunde legst du den Laptop, die Spielekonsole, oder das Handy weg.“ Wenn das nichts helfe, könne man auch mit den Eltern eine Vereinbarung treffen. Sie sperren das Suchtmittel weg, und geben es erst wieder zur vereinbarten Zeit heraus. Und wenn selbst das nichts helfe, dann solle man sich einer Selbsthilfegruppe anschließen, denn „zusammen über seine Probleme sprechen ist oft einfacher.“

In der anschließenden Fragerunde kann jeder seine Fragen loswerden. „Was kann man gleich als erstes machen, um die Sucht konkret zu umgehen?“, fragt Markus Kick, Lehrer der FOS. „Übe dich im Nichtstun“, antwortet Kuntz, „Leg dich einfach hin, betrachte die Sonne, schließe deine Augen oder starre Löcher in die Luft, aber du darfst über nichts nachdenken. Einfach abschalten. Das müssen viele lernen, denn für Jugendliche ist das oft Langweilig.“ Zum Schluss weist er noch einmal daraufhin, seine Tipps ernst zu nehmen. Schon viele sind Selbstmordopfer der Mediensucht geworden, denn „Sucht endet immer. Egal wie.“

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