Mang operiert kostenlos die Nase eines Flüchtlings

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Schwäbische Zeitung

Hasibullah Naseri aus Afghanistan ist das, was man als Paradebeispiel für gelungene Integration bezeichnen könnte: Sein Deutsch ist nach einem Jahr in Lindau schon beinahe fehlerfrei, er engagiert sich ehrenamtlich als Dolmetscher für die Flüchtlinge und Flüchtlingshelfer im Kreis. Sein Engagement kommt ihm jetzt zugute: Schönheitspapst Werner Mang hat dem jungen Flüchtling die Nase operiert – „weil man Menschen, die sich so toll integrieren, einfach helfen muss“, sagt Mang. Die Gründe für die Nasen-Op sind aber keinesfalls ästhtischer Natur: Seit Naseri erst in seiner Heimat von der Taliban und dann auf der Flucht von einem Schlepper verprügelt worden ist, ist ihm das Atmen extrem schwer gefallen.

Zum ersten Mal zerstört haben sie ihm die Nase vor fünf Jahren: Damals hat Naseri in Kabul als Logistikassistent bei einer großen Firma im medizinischen Bereich gearbeitet. Dort war er unter anderem für die Auslieferung von Waren zuständig. „Dafür musste ich auch immer wieder in eine andere Region, zum Beispiel nach Kundus fahren“, erzählt er. Irgendwann habe das der Taliban nicht mehr gefallen. „Sie haben gesagt, dass ich einen bestimmten Weg nicht mehr fahren darf.“

Doch Naseri musste, schließlich gehörte das zu seinem Job. Irgendwann hatte die Geduld der Taliban aber ein Ende, erzählt er. „Und dann haben sie mich einfach mit einem Holzscheit verprügelt.“

Dabei hätten sie ihm die Nase und das Handgelenk gebrochen. Ich konnte nicht mehr atmen, hatte unglaubliche Kopfschmerzen“, erzählt Naseri. Er ist in Kabul ins Krankenhaus gegangen, wo man sich um seine Verletzungen gekümmert hat – mit den Mitteln, die dort zur Verfügung standen. „Die Nase haben sie dort zwar operiert, um das Handgelenk haben sie aber einfach nur einen Verband gewickelt“, erzählt er, und deutet auf die schief zusammengewachsenen Knochen an seiner Hand.

2015 hat sich Naseri schließlich auf den Weg nach Deutschland gemacht, nach einem Anschlag auf das Verteidigungsministerium in Kabul habe er sich dort nicht mehr sicher gefühlt. Seine Reise von Afghanistan über den Iran in die Türkei, nach Bulgarien, Serbien, Ungarn, Österreich und von dort aus schließlich nach Deutschland hat er zum Teil mit einem Schlepper gemacht. „Der hat mir dann wieder auf die Nase geschlagen“, erzählt der junge Afghane. Die Nase war zum zweiten Mal gebrochen. Nur kümmerte sich dieses Mal keiner darum, sie ist einfach wieder schief zusammengewachsen. Wie sehr das den 26-Jährigen beeinträchtigt hat, konnte man kurz vor der OP am vergangenen Mittwoch deutlich hören: Naseri klang, als wäre seine Nase total verstopft.

Flüchtlingshelferin hatte Kontakt zu Mang hergestellt

Das ändert sich jetzt, denn schließlich hat sich Lindaus Schönheitspapst und Nasenspezialist Werner Mang der Problemnase nun höchst perönlich angenommen: „Menschen, die ein solch schweres Schicksal haben und die sich so toll integrieren, muss man einfach helfen“, sagt Mang kurz vor der OP am vergangenen Mittwoch.

Den Kontakt zum Schönheitspapst hergestellt hatte Talia Christa Oberbacher. Sie hat eine Zeit lang ehrenamtlich in verschiedenen Flüchtlingsunterkünften im Kreis gearbeitet und Naseri dabei kennengelernt: „Er ist oft als Dolmetscher mit mir mitgefahren“, erzählt Oberbacher. Denn Naseri spreche neben Englisch auch fließend farsi, dari und pashto. Die Lindauerin ist sichtlich beeindruckt davon, wie schnell sich Naseri in Lindau eingelebt und integriert hat. „Er hat sich bereits Deutschkenntnisse angeeignet, die nahezu dem B2-Status entsprechen“, sagt sie.

Mittlerweile ist Oberbacher für den jungen Mann aus Afghanistan wie eine zweite Mutter. „Ich habe zwei Familen. Eine in Afghanistan und eine hier“, sagt Naseri. Zu seiner deutschen Mutter geht er, wenn es ihm in seiner Unterkunft zu laut zum Lernen ist, oder wenn er einfach jemanden zum Reden braucht. „Es ist ein Phänomen, dass die Flüchtlinge untereinander eigentlich überhaupt nicht über ihre Fluchtgeschichten reden“, sagt Oberbacher.

Gesundheitsamt hat OP nicht bezahlt

Mit ihr hat Naseri geredet. Auch über sein Nasenproblem. „Er hatte auch schon beim Gesundheitsamt nachgefragt, ob man ihm eine OP finanzieren kann.“ Das Amt habe dies allerdings verneint. „Wir dürfen nur dann Leistungen übernehmen, wenn akute Erkrankungen vorliegen oder schwere Schmerzzustände“, sagt Landratsamtssprecherin Sibylle Ehreiser auf Nachfrage der LZ und verweist auf das Asylbewerberleistungsgesetz, das dies vorschreibe.

Weil Oberbacher aber immer wieder mitbekam, wie sehr die kaputte Nase ihren Schützling beeinträchtigt, hat sie sich in einer E-Mail schließlich an Werner Mang gewandt, der zugestimmt hat, Naseri über die Mang-Stiftung kostenlos zu operieren. „Obwohl das eigentlich Aufgabe des Staats wäre“, sagt Mang im Gespräch mit der LZ vor der OP.

Naseri selbst hat anfangs wohl überhaupt nicht realisiert, dass sein neuer Arzt eine Art Promi ist. „Alle sind total begeistert, wenn ich ihnen erzähle, dass Doktor Mang mich operiert“, sagt er vor der OP. Mittlerweile ist die Nase operiert, laut Mang wurde die Nasenscheidewand mit einem Laser korrigiert.

Naseri hat den Eingriff gut überstanden, er wird also bald wieder frei atmen können. Dann kann er sich voll und ganz auf seine Zukunft hier in Deutschland konzentrieren: Nach einem sechswöchigen Praktikum im Lindauer Krankenhaus hofft er nun auf eine Ausbildung dort. Und dann kann er sich vielleicht irgendwann seinen größten Traum erfüllen. „Wenn es irgendwie geht, möchte ich meine Mutter und meine Geschwister nach Deutschland holen“, sagt er. Denn so viel ihm seine deutsche Mutter hier bedeute: „Ich vermisse meine Familie sehr.“

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