Mami über Nacht

Lesedauer: 17 Min
Carina Müller

Plötzlich bin ich Mutter. Ab heute ist Nala in meinem Leben. Ich laufe mit dem Tragesitz die Straße entlang in Richtung Bushaltestelle. Für mich fühlt sich das ganz komisch an, ich bin doch noch gar nicht bereit für ein Kind, fühle mich zu jung und erwarte viele wertende Blicke. Stattdessen kommen mir Menschen entgegen, die mich nett anlächeln, als sei es das normalste der Welt. Aber Nala ist kein echtes Baby.

Ihr Schreien kommt aus einem Lautsprecher in ihrem Brustkorb. Sie ist ein Baby-Simulator, und sonst nehmen sie Jugendliche beim Elternpraktikum des Kinderschutzbundes Lindau mit nach Hause. Und jetzt bin ich dran. In den nächsten zwei Tagen erlebe ich als alleinerziehende berufstätige Mutter den Alltag mit einem Baby.

Weil ich unvorbereitet bin, muss mein Rad stehen bleiben. Einen Kindersitz habe ich natürlich nicht, und so schnell konnte ich leider keinen besorgen. Mit dem Rad wäre ich jetzt aber schon längst zurück, und meinem Arm würde es auch besser gehen. Nala wiegt 3500 Gramm, damit liegt sie im Durchschnitt. Mein Arm, an dem die Babyschale hängt, fühlt sich abgeschnürt an. Den Bus sehe ich aus der Ferne davonfahren. Ich besorge mir ein Eis und stelle mich an die Haltestelle. Lange braucht es nicht, dann gehören alle Blicke mir, denn Nala fängt laut an zu weinen.

Mami über Nacht
Unsere Autorin hat sich als Mutter eines Baby-Simulators versucht und ihre Erfahrungen auf Instagram geteilt.

Gerade habe ich ein Foto gemacht und wollte so mein Glück auf Insta-gram teilen. Schließlich ist es doch schön, Mutter zu sein, und es ist ein Lebensereignis, das man gerne teilt. Aber die Instagram-Story muss jetzt warten, Nala braucht mich.

Jetzt bin ich alleinerziehend und berufstätig

Die Leute schauen mir gespannt zu, wie ich mit meinem Handgelenk, an dem ich ein Armband mit einem Chip trage, versuche, über Nalas Bauch zu streichen. Ich bin voll bepackt, und mein Eis habe ich noch nicht aufgegessen. Wenn sie anfängt zu weinen, habe ich zwei Minuten, um zu reagieren. Mit dem Chip kann ich mich bei ihr „anmelden“, dann ertönt eine kurze Tonfolge. Das ist wie, wenn wir Babys ansprechen oder streicheln, um zu zeigen, dass jemand da ist.

Mein Eishörnchen liegt jetzt bei Nala im Sitz. Ich brauche beide Hände, um in der Wickeltasche zu wühlen, bis ich finde, was ich brauche: die Trinkflasche. Ich setze die Flasche an ihren Mund, sie wird ruhig.

Frau mit Puppe in der Stadt
Manche Blicke bleiben regelrecht an mir kleben. (Foto: Christian Flemming)

Auch wenn Nala nur ein Simulator ist, ich kann nicht nur so tun, als würde ich wickeln oder füttern. Sie ist wie ein echtes Baby, sie hat Hunger, sie braucht Zuwendung, und sie macht in die Windel. Ihre Größe und ihr Gewicht sind wie die eines Neugeborenen. Aus dem Lautsprecher kommen Trink- und Atemgeräusche, und manchmal muss sie aufstoßen. Sensoren in ihrem Körper und Chips in den Windeln, dem Flaschenkopf und dem Stillsimulator reagieren aufeinander und zeichnen meinen Umgang mit Nala auf. Johanna Bitterling vom Kinderschutzbund leitet das Projekt, das viel mehr als das Elternpraktikum ist. Mit Jugendlichen ab 13 Jahren spricht sie über Sexualität, Lebensplanung und Verhütung und beantwortet alle Fragen, die in dem Zusammenhang aufkommen. Die Babysimulatoren sollen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zeigen, was es bedeutet, sich um einen kleinen Menschen zu kümmern. Sie zeigt mir ganz genau, worauf ich achten muss, damit das Baby überlebt – also anbleibt. „Besonders musst du darauf achten, dass du das Köpfchen richtig hältst. Und natürlich nicht schütteln.“ Auch auf die richtige Kleidung muss ich achten, damit Nala nicht zu kalt oder warm ist. Bevor ich mit Nala nach Hause gehe, schließt Johanna Bitterling sie an den Computer und stellt einen der Tagesabläufe ein, die der Hersteller bei echten Babys aufgezeichnet hat. Nach Ende meines Selbsttest wird sie Nala wieder anschließen und schauen, wie ich mich als Mutter geschlagen habe.

Frau kümmert sich um Puppe
Der Schlafmangel fordert Maßnahmen. Wenn das Kind in genau dem Moment Hunger hat, muss ich halt improvisieren. (Foto: Yvonne Roither)

Nala hat viel Hunger. Nachdem sie erst einmal satt ist, komme ich dazu, an meiner Instagram-Story weiterzuarbeiten, schließlich möchte ich meine Freundinnen und Freunde an meinem Test teilhaben lassen. Dann bekomme ich einen Anruf aus der Redaktion, es gibt Rückfragen zu meinen Fotos, und ich muss doch nochmal hin. Noch während ich am Telefon bin, fängt Nala an zu weinen. Sie hat wieder Hunger. Gleichzeitig kommt der Bus. Schon jetzt bin ich mehr als gestresst.

Eine Busfahrt später, während ich im vollen Bus Nala füttern, ein Ticket ziehen und mich festhalten musste, bin ich zurück auf der Insel. Auf den letzten Metern zur Redaktion fängt Nala wieder an zu weinen. Diesmal hilft weder das Fläschchen noch ein bisschen Wiegen. Die Windel ist voll. In der Wirklichkeit würde ich jetzt abwarten, bis ich ankomme. Aber mich macht das Weinen nervös, was denken denn die Leute, wenn ich mit einer schreienden Puppe durch die Stadt laufe. Außerdem möchte ich in der Auswertung gut abschneiden. Also wickle ich sie kurzerhand am Straßenrand.

„Ach, das ist eine Puppe“

Die Leute schauen natürlich trotzdem oder gerade deswegen. Oft sprechen sie mich an. Wie das kleine Mädchen, das mir mit seiner Mama im Bus gegenüber sitzt. Ich habe Kopfhörer auf und telefoniere, dabei beobachte ich, wie sie immer wieder vorsichtig versucht, einen Blick in die Babyschale zu werfen. Als sie rausfindet, dass dort kein echtes Baby ist, werden ihre Augen groß, und sie schaut ratlos ihre Mutter an. Die schaut genauso ratlos aus, deshalb unterbreche ich mein Telefonat kurz und erkläre den beiden die Situation. So ähnlich laufen die meisten Begegnungen ab. Immer wieder glauben die Menschen, dass Nala echt sei.

Frau mit Puppe im Arm am Bildschirm
Füttern am Arbeitsplatz: Dann muss ich halt mal einhändig arbeiten. (Foto: Christian Flemming)

Einmal kommt, während wir die Bilder für diesen Artikel schießen, eine Frau in der Fußgängerzone zu mir: „Jetzt muss ich doch mal schauen und nachfragen“, sagt sie. „Ach, das ist eine Puppe! Ich habe Sie gerade gesehen, aber das Baby sieht Ihnen ja gar nicht ähnlich. Da dachte ich, wo ist denn der Vater? Aber den konnte ich auch nicht sehen. Aber so macht das Sinn.“ Ein wenig verwirrt mich diese Reaktion doch, wieso braucht es denn den Vater? Und warum muss sie mich auf Grund der Unähnlichkeit ansprechen? Geduldig erkläre ich ihr, was ich mache. Daraufhin erklärt sie mir, dass sie dachte, wir würden Werbebilder für die Adoption von chinesischen Kindern machen.

Während mich Menschen im Alltag ansprechen und ich sogar beim Busfahrer schon bekannt bin, verfolgen meine Follower auf Instagram den Selbstversuch online. Schon kurz nachdem ich meine erste Story hochgeladen habe, kommen die ersten Reaktionen. Meiner Schwester fällt nicht mehr ein als „Ach du Scheiße“. Aus meinen Journalismus-Jahrgang kommen interessierte Fragen nach meinem Thema und die Aufforderung, bitte auf jeden Fall den fertigen Text zu schicken. Viele wünschen mir einfach Spaß an der Sache, und oft bekomme ich Nachrichten von Leuten, die mir sagen, wieviel Spaß sie selbst an meinem Versuch haben. Einige schicken mir ausgiebige Nachrichten.

Frau kümmert sich um Puppe
Die Schränke mitten in der Redaktion habe ich kurzerhand in einen Wickeltisch verwandelt. (Foto: Yvonne Roither)

Nach der ersten Nacht poste ich ein Update. Nala ist dreimal wach geworden, und ich habe anderthalb Stunden weniger Schlaf. Je früher am Morgen sie aufwachte, desto fertiger war ich. Außerdem hat sie genau dann Hunger bekommen, als ich gerade aus dem Haus wollte, weshalb ich direkt an meinem ersten Tag als Mama zu spät zur Arbeit kam. Auf meinem Weg reagierte eine Followerin auf mein Update: „Dreimal ist aber wirklich noch gut. Ich habe einen sieben Monate alten Sohn. Ich hatte Nächte, da ist er stündlich aufgewacht.“ Aber deshalb gebe es die Elternzeit, betont sie, dann müsse man sich mit zu wenig Schlaf und Baby nicht zur Arbeit schleppen.

Meine Arbeitskolleginnen haben sich weitaus mehr auf Nala gefreut als ich. Natürlich, denn sie haben Nala nicht in der Nacht. Wie das aber so ist, fängt Nala grundsätzlich an zu weinen, sobald ich den Raum verlasse. Und wenn ich wieder zurück komme, erlebte ich zwei Frauen, die versuchen sie zu beruhigen, aber leider keinen Erfolg haben. Denn um Nala zu beruhigen, brauchen sie den Chip, den ich am Arm trage.

Über die zwei Tage gewöhne ich mich schnell an Nala. Schnell bin ich ruhiger, wenn sie anfängt zu weinen. In der Redaktion, muss ich gestehen, wende ich den einen oder anderen Trick an, um auch etwas schaffen zu können. Den Stillsimulator kann ich beispielsweise einfach auf ihren Mund legen und muss nicht dauernd einhändig arbeiten, um sie zu füttern.

Frau gibt Puppe etwas zu trinken
In der Spitze der Trinkflasche ist ein Chip, auf den ein Sensor im Mund des Babys reagiert. (Foto: Yvonne Roither)

Ein Bekannter nennt mein Projekt eine kurze Mutterschaft. Je näher es an das Ende dieser geht, desto mehr merke ich, dass ich voll in meiner Rolle bin. Der Gedanke, Nala abzugeben, löst tatsächlich ein Trennungsgefühl aus. Es klingt verrückt, schließlich schreibe ich hier über einen Baby-Simulator, aber mir zeigt das, dass das Elternpraktikum funktioniert. Zumindest bei mir, die gerne und schnell Verantwortung übernimmt.

Auf Instagram poste ich eine kleine Reflexion der Zeit. Und bekomme wieder Rückmeldungen: „Ich finde es großartig, dass du das Thema so angehst. Wie oft sehe ich überforderte Eltern, die nicht im Ansatz darauf vorbereitet waren, was sie mit einem Kind erwarten würde. Daumen rauf für diesen Selbsttest.“ Ich hoffe, es kursieren jetzt keine Gerüchte, dass ich mich aktiv auf eine Mutterschaft vorbereite. Der Test hat mir gezeigt, wie es ist. Mutter zu sein. Es war anstrengend, aber auch, soweit das mit einem unbeweglichen Baby-Simulator geht, schön. So ohne Babyschale und Wickeltasche genieße ich jetzt erst einmal wieder die Freiheit auf meinem Fahrrad. Wenn es dann mal ernst werden sollte, besorge ich mir einen Kindersitz – rechtzeitig.

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