Lindaus neues Museum wagt den Neuanfang mit dem poetischen Hundertwasser

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Redaktionsleiter

Alles ist anders, aber vieles doch ähnlich. Lindau lädt wieder zu einer großen Kunstausstellung und erwartet 50 000 Besucher – oder mehr. Das haben 500 Ehrengäste bis in den Samstagmorgen hinein gefeiert.

Dass die diesjährige Ausstellung „Friedensreich Hundertwasser – Traumfänger eines schöneren Welt“ tatsächlich etwas Besonderes ist, hat Professor Robert Fleck im Auftrag der Hundertwasser-Privatstiftung den Gästen der Vernissage deutlich gemacht. Denn es freut sich nicht nur Lindau über diese Bilderschau, die Lindauern Einblick in das Werk eines bedeutenden Künstlers des 20. Jahrhunderts erlaubt. Zusätzlich wird diese Ausstellung wieder viele Kunstfreunde auf die Insel locken und Lindaus Ruf als Magnet für Kunstfreunde stärken. Andererseits freut sich auch die Stiftung über die erste große Ausstellung des Hundertwasser-Gesamtwerks seit einigen Jahrzehnten im süddeutschen Raum. Das brachte Stiftungs-Vorsitzender Joram Harel in seinem Grußwort zum Ausdruck, das Fleck verlas.

Die 63 Bilder im früheren Postgebäude seien gut geeignet, um den Polemiker und Öko-Propheten zu überdecken, als der Hundertwasser seit 1980 vor allem wahrgenommen wurde. Die Lindauer Ausstellung mache deutlich, dass Hundertwasser auch einer der wichtigsten Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewesen sei.

Bereits vor seinem 40. Geburtstag habe Hundertwasser als Grafiker Weltgeltung erlangt. Das sei im ersten Teil der Lindauer Ausstellung sehr gut zu sehen. Auch sein Selbstverständnis als „Architekturdoktor“, der die Welt vor den Sünden der Massenarchitektur heilen wollte, komme in den ausgestellten Zeichnungen zur Sprache. Hundertwasser forderte eine „Friedensvertrag mit der Natur“ und schlug vor, Dächer, Fassaden und Autobahnen zu begrünen, als die meisten Menschen für solche Ideen nur ein Lächeln übrig hatten.

Vor allem stelle die Lindauer Ausstellung Hundertwasser als Maler vor. Vielen Menschen sei dieser Aspekt seines Schaffens kaum bekannt. „Dabei ist hier ein fulminantes Werk zu sehen“, schwärmte Fleck, der zudem die neuartige Beleuchtungstechnik hervorhob, in deren Folge die Farben noch mehr leuchten als üblich. Hundertwasser habe zwischen abstrakter und gegenständlicher Malerei gewechselt, manchmal gehe beides nahtlos ineinander über. „Dabei war er ein unvergleichlicher Kolorist“, der seine Farben auf Grundlage der Techniken alter Meister immer selbst hergestellt hat.

Angesichts der heutigen Diskussionen um Klimawandel und Artenschutz erweise sich die prophetische Kraft Hundertwassers, der schon vor 50 Jahren solches vorhergesehen habe. Deshalb habe er die letzte große private Grünfläche in Venedig gekauft und vor Bebauung bewahrt und habe auf seinem Riesengrundstück in Neuseeland mehr als 100 000 Bäume für einen Neo-Urwald pflanzen lassen. Flecks Fazit über Hundertwassers Kunst: „Es ist ein poetisches Werk. Es ist der Versuch, die Welt in eine Poesie zu verwandeln.“

Oberbürgermeister Gerhard Ecker hatte zuvor vor allem den Leihgebern gedankt, die ein halbes Jahr auf ihre Schätze verzichten. Die Stiftung hat dafür sogar einige Bilder aus dem Museum in Wien ausgeräumt und nach Lindau geschickt. Er sei froh über das neue Kunstmuseum, damit Lindau trotz des Cavazzenumbaus große Kunst zeigen kann. Ecker dankte Hochbauamtschef Hilmar Ordelheide und dessen Mitarbeiter Jan Netzer sowie allen beteiligen Handwerkern, die in nicht mal einem halben Jahr aus dem früheren Postgebäude ein Museum gemacht haben, das hinsichtlich Sicherheits- und Klimatechnik mit modernen Museen der Welt Schritt halten kann.

Ecker dankte dem langjährigen Kurator Roland Doschka, ohne den die bisherigen Ausstellung mit fast einer halben Million Besuchern nicht möglich gewesen wären. In diesem Jahr gönne sich Doschka eine wohlverdiente Pause, widme sich seinem Garten und arbeite bereits an einer künftigen Ausstellung in Lindau. Die Hundertwasser-Bilderschau hat das Kulturamt ohne Doschka organisiert.

Kulturamtsleiter Alexander Warmbrunn glaubt, dass Hundertwasser selbst die Ausstellung in Lindau gemocht hätte: „Er hat ja Inseln geliebt.“ Warmbrunn dankte den unzähligen Helfern, Mäzenen und Sponsoren, ohne die eine solche Ausstellung nicht möglich wäre. Er freute sich über die gelungene Vernissage in neuer Umgebung, denn erstmals trafen sich die Kunstfreunde nicht im Stadttheater, sondern in der Eilguthalle, wo sie bis zum frühen Morgen feierten.

Zum Tanz hat wie in den Vorjahren die Band Südsoul gespielt. Vor und zwischen den Reden aber spielte – ebenfalls wie in den Vorjahren – das Gitarrenquartett „Gitarrissimi“ unter Leitung von Elena Hager auf. Isabela Hansinger, Cara Rupflin, Mia und Julia Egger wurden vom Publikum lautstark beklatscht und bejubelt. Kein Wunder, dass Warmbrunn urteilte: „Ihr seid die absoluten Stars dieses Abends.“

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