Lindauer Unternehmen Chance lebt von der Nachhaltigkeit: Gebrauchtes findet dort neue Liebhaber

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Die ausrangierte Esstisch-Garnitur, das Porzellan-Service, das längst nicht mehr für zwölf Personen reicht, Bücher aus dem übervollen Regal oder Tante Ernas Nachlass: In vielen Haushalten gibt es Dinge, die nicht mehr genutzt werden, die nur noch Platz wegnehmen. Früher landete das alles irgendwann im Sperrmüll, wurde danach großteils verbrannt. Heute, im Zeichen von Nachhaltigkeit, wartet vieles davon im Unternehmen Chance auf neue Käufer. Die können dort nicht nur auf Schnäppchenjagd gehen. Sie finanzieren mit dem Erlös zudem einen Großteil der sozialen Arbeit dort.

Ob arbeitslos oder erste eigene Studentenbude: Bett, Tisch, Schrank und etwas Geschirr sind gefragt. Das gibt es günstig im Unternehmen Chance – weil dessen Kaufhaus gut erhaltene Gebrauchtwaren anbietet. Längst hat es sich in Lindau eingebürgert, dass Menschen, wenn sie sich ein neues Möbelstück kaufen, das ausrangierte in die Von-Behring-Straße bringen. Oder Tante Ernas altes Wohnzimmer komplett abholen lassen.

Die Mitarbeiter der hauseigenen Schreinerei schauen sich die Stücke genau an. Manches muss geschraubt, geschliffen oder geleimt werden. Auch eine Polsterei und eine Elektro-Werkstatt gibt es im Unternehmen Chance. Repariert und „aufgemöbelt“ im Kaufhaus ausgestellt, findet ein Großteil schnell neue Besitzer. Doch auch Möbel mit kleinen Macken finden Abnehmer: Geschäftsführer Rudolf Rock zeigt eine alte Holzkommode, die trotz deutlicher Nutzungsspuren binnen weniger Tage verkauft ist.

In den großen Geschirregalen des Kaufhauses schlummern immer wieder Schätze. Die Bücher stapeln sich nebenan bis unter die Decke. „Und manches Buch haben wir sogar schon dreimal verkauft“, schmunzelt Rock – weil die Käufer es nach dem Lesen zurückbringen.

Re-Use-Boxen sollen Recyclingquote erhöhen

Viele der kleineren Dinge holen die Mitarbeiter des Unternehmen Chance inzwischen aus den sogenannten Re-Use-Boxen: Weil der Gesetzgeber eine höhere Recyclingquote sehen will, hat der Kemptener Abfallzweckverband ZAK im vergangenen Jahr diese Sammelbehältnisse in der Größe eines Umzugskartons eingeführt. Die können beispielsweise im Lindauer Wertstoffhof abgegeben werden.

Die Bürger dürfen alles hineinpacken, was noch gut erhalten ist. „Sensibilisieren fürs Wiederverwenden von Gebrauchtwaren“ ist laut ZAK-Mitarbeiterin Claudia Mayer eines der Ziele des Interreg-geförderten Projets Re-Use. Abfall vermeiden ist oberste Prämisse beim ZAK. Das lasse sich unter anderem erreichen, wenn Gegenstände schlicht länger genutzt, nicht nach wenigen Monaten weggeworfen werden.

Die erste Zwischenbilanz des ZAK: „Diese Box ist ein Renner“, sagt Mayer. Denn verbandsweit haben die knapp 900 Kartons der ersten drei Monate an die 14 Tonnen Gewicht auf die Waage gebracht – gut 60 Prozent davon sind nach ihren Worten verkaufsfähige Ware gewesen.

Rudolf Rock zeigt auf ein großes Bonbonglas: „Tolle Bleikristallgläser haben wir darin schon genauso gefunden wie eine alte Wanduhr.“ Deswegen hält der Geschäftsführer des Unternehmens Chance die Re-Use-Boxen für „eine tolle Idee“. Seine Mitarbeiter würden nur leider auch immer wieder die Kehrseite des Projekts erleben: „Wenn die Kartons Scherben oder sogar Müll enthalten.“

Nicht alles gut Erhaltene lässt sich verkaufen

Dass in der Bilanz der ersten Monate noch 40 Prozent „nicht Verwertbares“ stehen, führt Mayer aber nicht nur auf solche Fälle zurück. „Wenn in 20 Kartons ein Dutzend Fondue- oder Bowle-Sets stecken, dann gibt es dafür leider keine Käufer“, bedauert die ZAK-Mitarbeiterin. Auch Kinderspielzeug findet das Unternehmen-Chance-Team immer wieder in den Kartons – und reicht dieses genauso an die Lindauer Nachbarschaftshilfe weiter wie Kinderkleidung: „Wir können nicht jedes Spiel auf Vollständigkeit prüfen“, sagt Rock und fügt an: „Aber nur solche lassen sich verkaufen.“

Auf diesen Verkauf ist das Unternehmen Chance aber angewiesen: Der Erlös aus den gut erhaltenen Gebrauchtwaren, die früher einfach im Sperrmüll landeten, finanziert heute zu drei Viertel die soziale Arbeit der Unternehmens – Menschen den Rückweg in die Arbeitswelt zu ebnen. Das geschieht in den verschiedenen Werkstätten genauso wie eben im Kaufhaus für Gebrauchtwaren.

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