Lindauer Therapiewochen beginnen jeden Tag mit einem Morgenritual

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Psychotherapeutische Morgengymnastik: Peer Abilgaard stimmt die Seminarteilnehmer auf den Tag ein. (Foto: Nyffenegger)
Schwäbische Zeitung

Über die Morgenrituale von Psychologen, Psychiatern oder Psychotherapeuten schweigt sich die wissenschaftliche Literatur hartnäckig aus. Bekannt ist nur, dass sich diese Spezies alljährlich auf der Lindauer Insel nach dem Erblühen der ersten Narzissen und Tulpen ähnlich zurückkehrenden Zugvögeln einfindet, um sich im Rahmen der Psychotherapiewochen in Seminaren fortzubilden.

Dieses ausdrücklich begrüßenswerte Phänomen erlebt die Lindauer Bevölkerung nun schon zum 64. Mal – und daher dürfen die Bürger der Inselstadt in der Erforschung des Verhaltens psychologisch tätiger Menschen als Experten gelten. Gebrauchte die Stadtbevölkerung in früheren Jahren den Begriff „Psychos“ nicht immer als schmeichelnden Ehrentitel, so hat das Wort heute grundsätzlich einen liebevollen Klang. Das mag daran liegen, dass die Freud’schen Jünger in der Regel wohlgesittet sind und durchaus mit auskömmlichem Einkommen ausgestattet, was naturgemäß die Lindauer Gastronomie zu schätzen weiß und auch die Sympathien der hiesigen Einzelhändler zu sichern vermag, vor allem jener, die Gefilztes und Gebatiktes anzubieten haben.

Eine gewisse Unbekümmertheit

Nur Kleingeister murren mitunter auf, weil sie in der Beobachtung der Psychos gelegentlich auch unangenehme Verhaltensweisen dokumentiert haben wollen. So wird den speziellen Gästen bisweilen eine gewisse Unbekümmertheit nachgesagt, was Orientierung und die Beachtung der Straßenverkehrsregeln angeht. Insbesondere nach Vorträgen im Stadttheater wollen Einheimische zum Beispiel in der Fischergasse – einzigartig auf der Welt und bislang von Verkehrsforschern wenig beachtet – psychotherapeutenbedingte Staus beobachtet haben.

Aber zurück zur Frage nach dem Morgenritual von Psychotherapeuten. Außergewöhnlich gut lässt sich diese derzeit jeden morgen um acht Uhr im Stadttheater beantworten. Denn dort stimmt Musiker und Psychologe Peer Abilgaard die Tagungsteilnehmer – zumindest jene, die es zeitig aus dem Bett schaffen – auf den Tag ein. Das Stadttheater ist locker gefüllt, als Abilgaard die Bühne betritt und eine Menge Bekannte wieder sieht. Denn der Psychotherapeut als solcher ist ein treuer Mensch, sodass die Psychotherapiewochen auch Züge eines Klassentreffens aufweisen.

„Um das Lindauer Äpfelpflücken kommen wir nicht herum“, sagt Abilgaard und holt mit hochgereckten Armen imaginäre Früchte von hohen Bäumen – das Publikum tut es ihm mit wachsender Freude gleich. Auf diese Weise körperlich gedehnt und entspannt, folgen Stimmübungen. Die Tonleiter wird trällernd und auch blubbernd erklommen. Es ist ein rechtes Gewumms und Gesumms. Schließlich mündet die putzmuntere Geräuschkulisse in einen Kanon („Omnia in Omnibus Nihil“), der zum Schluss achtstimmig durchs Theater schallt. Von solchem Wohlklang erfüllt, stellt sich eine wundersame Leichtigkeit bei den Teilnehmern ein, sodass sie – Federn gleich – aus dem Gebäude schweben. Direkt hinaus auf die Fischergasse, wo die so beseelten Menschen das Stadtbild bereichern – und den Lindauern auch weiter verkehrspsychologische Rätsel aufgeben.

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