Lindauer stecken Energie in die Planung der Hinteren Insel

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Redaktionsleiter

Die auswärtigen Fachleute waren begeistert: Dass Lindauer mit so viel Energie über die Hintere Insel diskutieren, hatten sie nicht erwartet. So sind beim Workshop am Montagabend viele Ideen zusammengekommen. Nicht alles wird sich verwirklichen lassen, manches schließt sich sogar gegenseitig aus. Und nicht jeder ist glücklich über die Ergebnisse.

Mehr als 120 Bürger haben mit Stadträten, Verwaltungsmitarbeitern und auswärtigen Fachleuten über die Zukunft der Hinteren Insel diskutiert. Dabei ging es zum Teil sehr hitzig zu, was nicht nur daran lag, dass die Klimaanlage der neuen Inselhalle erst seit Dienstag funktioniert. Denn der Raum war zu klein, was Moderator Jürgen Widmer damit erklärte, dass sich nur 40 Interessierte angemeldet hatten, aber dreimal so viele kamen. Beim nächsten mal sollten sich interessierte besser anmelden, um solche Probleme zu vermeiden.

Doch mit offenen Türen und Klimageräten bekamen die Haustechniker die Luft in den Griff. Und die große Zahl der Lindauer diskutierte fast vier Stunden lang sehr engagiert, aber auch diszipliniert. Architektin Lydia Haack, die Vorsitzende des Gestaltungsbeirats ist, war begeistert über „viele tolle Ideen“, der Abend habe ihre Erwartungen weit übertroffen, sagte sie zum Abschluss und fügte hinzu: „Ich finde es fantastisch, welche Energie in dem Raum ist.“ Der Münchner Architekt Rainer Hofmann lobte das „wahnsinnige Interesse an dieser Stadt“ als außergewöhnlich. Die Verantwortlichen täten gut daran, die Bürger mitreden und mitarbeiten zu lassen.

Das haben Chef-Stadtplaner Kai Koschka und Pressesprecher Jürgen Widmer auch vor, die den Abend geleitet haben. Allerdings nicht ganz so, wie manch ein Bürger das hofft. Denn in der Arbeitsgruppe für den Rahmenplan zu Hinteren Insel bleiben die Fachleute aus Verwaltung und Stadtrat mit externen Beratern unter sich. Die Bürger sollen aber im Herbst wieder mitreden dürfen, wenn der Vorentwurf vorliegt. Und über einzelne Themen will man mit Interessierten im Rahmen einer Projektwerft sprechen.

Lindauer wollen sich auf der Hinteren Insel auch weiterhin treffen
Mehr als 120 Bürger haben sich am Workshop über die Zukunft der Hinteren Insel beteiligt. Schef-Stadtplaner Kai koschka ist mit den Ergebnissen sehr zufrieden, wie er im Interview mit Dirk Augustin erzählt.

Woanders bauen Gesellschaften und Genossenschaften

Drei auswärtige Fachleute hatten zu Beginn des Abends in Vorträgen verschiedene Projekte vorgestellt. Architekt Rainer Hofmann hat mit Bogerischs Büro aus München für die Genossenschaft Wagnis Art ein Projekt vorgestellt, in dem es ungewöhnliche Raumzuschnitte und viel Freiraum gibt. Klar ist, dass die Genossenschaften in München den Boden ebenso bezahlen müssen wie Bauträger. Dennoch bieten sie verhältnismäßig günstige Mieten.

Harald Enderle arbeitet für die Stiftung Liebenau in Ravensburg als Quartiersmanager und erläuterte seine Arbeit auf der Galgenhalde, wo junge und alte Menschen miteinander wohnen. Es machte deutlich, dass bei einer derart großen Zahl an Bewohnern ein Sozialarbeiter nötig ist, damit ein miteinander entsteht. Von allein klappe sowas nur bei kleinen Nachbarschaften.

Cord Soehlke ist Baubürgermeister in Tübingen und stellte verschiedene Wohnprojekte vor, welche die Stadt vor allem mit Baugesellschaften umgesetzt hat. Darin tun sich Privatpersonen zusammen, die gemeinsam Architekten beauftragen und ein Haus bauen, in dem jeder Eigentümer seiner Wohnung ist und diese auch nach Wunsch wieder verkaufen kann. Das sei meist billiger als eine Wohnung vom Bauträger zu kaufen, weil dessen Gewinnmarge wegfällt. Gute Erfahrungen habe man mit dem nebeneinander verschiedenster dieser Gesellschaften gemacht, weil nur das wirkliche Vielfalt der Architekturen und Baustile garantiere. Das kann nach Soehlkes Meinung ein Bauträger wie die GWG in Lindau nicht leisten. Und die Vielfalt sei ihm wichtig, auch wenn das dazu führe, dass hässliche Häuser gebaut werden. Eine interessante Erfahrung sei es dabei, dass jeder ein anderes Gebäude als hässlich empfinde.

Auch in Tübingen müssen Baugesellschaften und Genossenschaften die Grundstücke zum Marktpreis erwerben, Vergabe auf Grundlage von Erbbaurecht sieht er als schwierig an. Soehlke“ freute sich für die Lindauer über die bisher vorliegenden Pläne für die Hintere Insel: „Gratulation zu Ihrem hervorragenden städtebaulichen Entwurf.“ Mit viel Grün sei dort eine Entwicklung der Insel geplant. Keinen Zweifel ließ Soehlke daran, dass eine Tiefgarage für solch ein Quartier unerlässlich sei.

Bürger wollen auf der Hinteren Insel soziale Einrichtungen

Im Anschluss erarbeiteten die Bürger in Gruppen Vorschläge für Nutzungen und den Wohnungsmix. Dabei fällt auf, dass die Lindauer sich auf der Hinteren Insel viele soziale Einrichtungen für Kinder und Senioren wünschen, viele Begegnungsflächen, hinzu auch Cafés oder Bars und kleine Geschäfte sowie Hotels. Aber auch Handwerksbetriebe und für jedermann offene Werkstatträume, Büros und Ausstellungsräume seien wünschenswert. Wichtig ist Teilnehmern zudem, dass die hintere Insel Treffpunkt für die Lindauer bleiben kann und dass dort weiterhin Veranstaltungen wie das U&D stattfinden sollen.

Die Teilnehmer wünschen sich außerdem neben Mietwohnungen auch solche, die Genossenschaften bauen. Dächer sollten begrünt sein und den Bewohnern Rückzugsflächen geben. Wichtig seien Wohnungen verschiedener Größte für unterschiedliche Lebensentwürfe, für Jung und Alt, für Singles, Familie oder Wohngemeinschaften, zur Miete oder im Eigentum, als Sozialwohnung und mit gehobenen Standard. Klar ist auch: Die Teilnehmer wollen nicht, dass die GWG als alleiniger Bauherr die Hintere insel komplett bebaut.

Auf der Grundlage dieser Ideen wird die Arbeitsgruppe bis zum Herbst den Vorentwurf des Rahmenplans erarbeiten. Nach einer erneuten Bürgerbeteiligung geht es dann an die Arbeit der Endfassung. Zwischendurch haben im Bauausschuss oder Stadtrat die Räte das Wort, denn sie müssen den Rahmenplan in etwa einem Jahr auch verabschieden.

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