Lindauer Ehrenbürgerin Anneliese Spangehl wird Stadträtin in einer Zeit, in der Frauen in Politik und Beruf die Ausnahme waren

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 Im Alten Rathaus hat Anneliese Spangehl 1970 ihre politische Karriere als Lindauer Stadträtin begonnen, an deren Ende sie nicht
Im Alten Rathaus hat Anneliese Spangehl 1970 ihre politische Karriere als Lindauer Stadträtin begonnen, an deren Ende sie nicht nur als erste Frau stellvertretende Landrätin gewesen ist, sondern für ihr vielfältiges Engagement auch zur Ehrenbürgerin der Stadt Lindau ernannt worden ist. (Foto: Evi Eck-Gedler)

Sie ist Stadträtin geworden in einer Zeit, in der Frauenrechte noch ein Fremdwort waren. Sie ist in den 90er Jahren die erste Frau gewesen, die im Landkreis Lindau zur Stellvertreterin des Landrats gewählt worden ist. Und sie ist die bisher einzige Frau, der in Lindau die Ehrenbürgerwürde verliehen worden ist: Anneliese Spangehl hat in gut 30 Jahren Kommunalpolitik viel erlebt. Und stellt den männlichen Kollegen gar kein so schlechtes Zeugnis aus: „Ich hab mit denen nie Probleme gehabt.“

Ihr Weg in die Politik ist fast ein wenig kurios. Denn der Besuch eines Wahlabends des jungen OB-Kandidaten Josef Steurer 1965 an der Seite ihres damaligen Ehemannes stellt die Weichen dafür: Die Freien Bürger wollen ihren Mann als Stadtratskandidaten anwerben. Doch der winkt ab, weil er neben seinem Baugeschäft dafür keine Zeit hat. Sein Kommentar, wie ihn Anneliese Spangehl noch heute im Kopf hat: „Nehmt doch meine Frau!“

Was als Spaß gemeint war, bedeutet für die Lindauerin eine lange Karriere: Bei ihrer ersten Kandidatur für den Stadtrat 1966 erhält sie auf Anhieb so viele Stimmen, dass sie erste Listennachfolgerin der Freien Bürger wird – und vier Jahre später bereits ihren Platz im Alten Rathaus einnimmt. Spangehl erinnert sich aber noch gut daran an das Gespräch im Vorfeld ihrer Kandidatur: Drei gestandene Stadträte nehmen die junge Lehrerin und Ehefrau unter die Lupe, beschäftigen sich dabei unter anderem mit deren familiären Hintergrund. Als dabei zur Sprache kommt, dass mehrere männliche Verwandte schon in der Politik aktiv gewesen sind, ihr Großvater sogar dereinst im Magistrat der Stadt Lindau mitgewirkt hat, gilt Spangehl als Kandidatin als annehmbar.

Die allerdings bei einem ihrer ersten Wahlkampftermine gleich einen Rüffel der Männer einstecken muss: Als Pädagogin liegt Spangehl unter anderem die Turnhalle in Reutin am Herzen – „Sie haben ja gar nichts über uns Freie Bürger gesagt“, sei sie danach kritisiert worden. Auch bei ihrer erste Sitzung sei sie, als es um ein Bauvorhaben ging, „ins Fettnäpfchen getreten“.

Sachlich und ruhig mit Argumenten überzeugen

Immerhin: In den gut drei Jahrzehnten danach ist Spangehl mit ihren männlichen Kollegen nach eigenen Worten „ganz gut zurecht gekommen“, ob im Stadtrat oder im Kreistag: „Die haben sich dann schon immer ganz korrekt benommen“, blickt sie zurück. Schmunzeln muss Spangehl, wenn sie sich heute an ihre erste Vorstellung für ihre Kreistagskandidatur erinnert: „Ach ’ne Lehrerin“ habe sie zunächst zu hören bekommen – zufrieden seien die künftigen Kreistagskollegen erst gewesen, als Spangehl erwähnte, dass sie aus einer alten Handwerkerfamilie stamme.

In die Politik wächst sie hinein. Vielleicht kommt ihr dabei indirekt auch ihr Lehrerberuf zugute – weil sie sachlich und ruhig mit ihren Argumenten zu überzeugen weiß: „Ich war nie eine der ganz Lauten.“ Was sie aber in langen Jahren im Stadtrat und Kreistag sehr wohl erfahren hat: In der Politik aktiv zu sein, bedeutet viel Zeit zu investieren. Spangehl kann das, weil sie zwar als Lehrerin und spätere Schulleiterin beruflich aktiv ist, aber keine Kinder zu versorgen hat. Und: „Als Frau in der Politik braucht man einen Mann im Hintergrund, der das auch toleriert.“

Schnell habe sie zudem gelernt: „Als Frau muss man sich besonders gut vorbereiten.“ Denn „wenn Männer am Ratstisch Blödsinn erzählen“, dann sei darüber meist nur gewitzelt worden. Wolle eine Frau in der Politik ernst genommen werden, dann dürfe ihr hingegen kein Fehler unterlaufen.

„Frauen wählen nicht automatisch Frauen“

Dabei ist Anneliese Spangehl überzeugt: „Frauen können in der Politik so einiges erreichen.“ Das Problem: Längst nicht alle Frauen, die für ein politisches Mandat kandidieren, werden auch gewählt. Das habe sich in den gut 50 Jahren seit ihrer ersten Nominierung nicht geändert: „Frauen wählen nicht automatisch Frauen“, bedauert sie. Über das Warum habe sie schon oft nachgedacht – und nicht wirklich eine klare Antwort gefunden. „Vielleicht denken sie, Frauen können keine Politik.“

Dabei ist Spangehl das beste Beispiel, dass Frauen in der Politik durchaus etwas bewegen und es zu Ansehen bringen können: 1990 wird sie als erste Frau in der Geschichte des Landkreises zur Stellvertreterin des Landrats gewählt. „Das ist für mich schon ein bewegender Moment gewesen“ – auch, weil eben alle männlichen Kreisräte für sie gestimmt haben. „Das war für mich das klare Zeichen: Die trauen mir das zu.“

Zwölf Jahre lang, bis zu ihrem Rückzug aus der aktiven Politik, zeigt Anneliese Spangehl mit ihrer politischen Arbeit, dass dieses Vertrauen gerechtfertigt war. Und ebnet so den Weg dafür, dass Frauen als stellvertretende Landrätin heute eine Selbstverständlichkeit sind.

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