Lindauer Ambulanzen-Gründer Adnan Wahhoud: „Der Krieg zeigt sich überall in Syrien“

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Diese Flüchtlingsfamilie hat Adnan Wahhoud (rechts) in einem der Flüchtlingslager bei Idlib getroffen: Ihr Haus in Ost-Ghouta w
Diese Flüchtlingsfamilie hat Adnan Wahhoud (rechts) in einem der Flüchtlingslager bei Idlib getroffen: Ihr Haus in Ost-Ghouta wurde von Bomben zerstört – Vater, Tochter und deren Ehemann verloren dabei jeder ein Bein. Nur der Sohn der Tochter blieb unverletzt. (Foto: Lindauhilfe für Syrien)
Schwäbische Zeitung

Der Lindauer Adnan Wahhoud ist zurück von einer knapp zweiwöchigen Reise in sein Geburtsland Syrien. Routinemäßig hat er seine Ambulanzen im Nordwesten des Landes besucht und mit Medikamenten versorgt. Dass in der Region mittlerweiler „prachtvoller Frühling herrscht“, werde allerdings im Alltag zur Nebensache – angesichts dessen, dass „der Krieg sich überall zeigt“, wie es Wahhoud formuliert. Denn die Kämpfe in Ost-Ghouta bei Damaskus haben nach seinen Worten auch zur Folge, dass immer mehr Syrer in den Norden ihres Landes flüchten.

Mitte März war Wahhoud wieder nach Syrien gereist, ist über die türkisch-syrische Grenze in Richtung Aleppo und Idlib gefahren. „Vom Klima und der Natur her herrscht der prachtvolle Frühling“, schildert der Deutsch-Syrer, zeigt dazu einige Fotos saftig-grüner Landschaften. Doch viel Zeit, diesen Frühling zu genießen, hat Wahhoud nicht gehabt.

Zunächst kümmerte er sich wieder um den Kauf der notwendigen Medikamente im Land, finanziert durch Spenden aus Lindau und Umgebung wie auch aus den schwäbischen Städten Krumbach und Roth. Wahhoud ist es wichtig, regelmäßig in allen von ihm gegründeten Ambulanzen vorbeizuschauen. Er will die Apotheken dort so gut wie möglich auszustatten und vor allem mit dem medizinischen Personal darüber sprechen, wie der aktuelle Bedarf in den einzelnen Medical Points aussieht.

Der 66-Jährige kümmert sich aber auch regelmäßig um die Kinder und Jugendlichen, die er im Rahmen seines Waisenkinderprojekts monatlich mit einem kleinen Betrag unterstützt: Er besuchte die Dörfer, in denen sie bei Großeltern oder anderen Verwandten leben. Und der Kreis dieser Halb- und Vollwaisen, denen Wahhoud hilft, wächst weiter. So hat er während seiner Reise im März in einem Flüchtlingslager vier Familien mit Waisenkindern kennengelernt, die er ebenfalls in sein Projekt aufgenommen hat.

Was Adnan Wahhoud während seiner Zeit im Nordwesten Syrien belastet hat, waren die Nachrichten aus Ost-Ghouta: Als „sehr schlimm“ habe er diese empfunden. In den letzten vier Tagen seines Syrien-Besuchs seien immer mehr Flüchtlinge im Norden des Landes angekommen, vor allem in Idlib und Umgebung. Mittlerweile sollen rund 40 000 Syrer dorthin geflüchtet sein.

Entsetzt über Luftangriffe auf Krankenhäuser

Einige habe er in Erstaufnahme-Lagern besucht und mit ihnen über deren Erlebnisse gesprochen: „Sie erzählten schlimme Sachen über sechs Jahre Belagerung und Bombardierungen“, schildert Wahhoud. Sie hätten auch von vielen Luftangriffen erzählt: Immer wieder seien Stadtkerne und die Zentren kleinerer Dörfer Zielscheibe dieser Angriffe gewesen, hat der Lindauer zu hören bekommen. Und er ist entsetzt, wenn ihm berichtet wurde, wie auch Krankenhäuser bombardiert worden seien.

Bei Angriff auf Idlib wären Ambulanzen in Gefahr

Mit Sorge verfolgt der Lindauer Adnan Wahhoud derzeit die Entwicklung im Nordwesten Syriens: Weit über 40 000 Flüchtlinge sind auf der Flucht dorthin, suchen Zuflucht in der Stadt und Region Idlib. Da viele von ihnen Gegner des Präsidenten Baschar al-Assad sind, befürchten Syrien-Beobachter gegebenenfalls auch Angriffe der Regierungstruppen auf Idlib. „Das könnte auch einige meiner Medical Points gefährden“, so Wahhoud gegenüber der LZ.

Dazu zählt der Deutsch-Syrer den südlichsten Standort Fattiere, die mit Spenden aus Roth finanziert wird. Nur wenige Kilometer von der Stadt Idlib entfernt befindet sich die von Krumbachern getragene Ambulanz Jabal Wastani. Aber auch der Medical Point Lindau in Yakobiya, wenige Kilometer von der türkisch-syrischen Grenze entfernt, könnte bei Angriffen auf die Region in Gefahr sein. Aufgrund der großen Flüchtlingszahlen müssen diese drei Standorte derzeit ohnehin deutlich mehr medizinische Hilfe leisten als bisher schon. Wahhoud hofft, dass diese Ambulanzen bei möglichen Angriffen von Luft- oder Bodentruppen verschont bleiben. Sie zu schließen, ist für ihn die letzte Lösung. Diese Entscheidung hat der Lindauer aber schon einmal treffen müssen: Aus Sorge um Mitarbeiter und Patienten hatte Wahhoud im Zuge der Kämpfe um Aleppo im November 2016 die Ambulanz in Khan Alassal geschlossen.

Bitter enttäuscht ist Wahhoud aber auch, dass Hilfscontainer mit Schulsachen und Medikamenten, die syrische Hilfsorganisationen in Deutschland losgeschickt haben, seit fast zwei Monaten in syrischen Häfen festgehalten werden. Inzwischen habe er auch Bundesentwicklungsminister Gerd Müller auf dieses Problem aufmerksam gemacht. Der habe seine Kollegen im Auswärtigen Amt darüber informiert. „Ich warte jeden Tag auf die Freigabe der Container für den Weitertransport nach Syrien“, sagt Wahhoud.

Alle dankbar für Hilfe aus Deutschland

Immerhin hat der Deutsch-Syrer während seiner Reise auch einige lächelnde Gesichter gesehen. Nicht nur bei den Kindern und Patienten, die dank der Spenden aus Deutschland Hilfe erhalten. Wahhoud hat auch seinen christlichen Mitarbeiter im Medical Point Lindau in Yakobiya das Osterfest ein wenig versüßt – indem er ihnen Schokolade aus Deutschland als kleines Ostergeschenk mitgebracht hat.

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