Leonie Stade aus Lindau ist für den Nachwuchspreis des CNN nominiert

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Die Lindauerin Leonie Stade ist für einen renommierten Journalistenpreis nominiert. (Foto: privat)
Schwäbische Zeitung

Die Lindauerin Leonie Stade ist für den CNN Journalist Award, den Nachwuchspreis für Auslandsjournalismus von CNN international, nominiert. Jährlich prämiert eine Fachjury herausragende Print-, Radio-, TV- und Onlinebeiträge von Nachwuchsjournalisten. Stade, die seit 2009 an der Hochschule für Fernsehen und Film in München Dokumentarfilmregie studiert, ist in der Kategorie TV mit ihrem Dokumentarfilm „2m² Leben“ nominiert. Den Beitrag strahlte der Sender BR Alpha im Juli des vergangenen Jahres aus. Für den Film reiste die Studentin nach Hong Kong und begleitete dort Einwohner in extrem beengten Wohnverhältnissen mit der Kamera. LZ-Mitarbeiterin Natalie Steinmann hat mit Leonie Stade gesprochen.

LZ: Können Sie kurz zusammenfassen, um was es in Ihrer Dokumentation geht?

Leonie Stade: Der Film behandelt ein Phänomen, das in vielen Teilen Asiens und besonders in Hong Kong verbreitet ist. Die Wohnungen und Mietpreise sind sehr teuer und Boden begrenzt. Viele Menschen können sich die hohen Mieten nicht leisten. Aufgrund des Wohnungsmangels bauen einige Vermieter große stapelbare Gitterboxen mit einer Größe von zwei Quadratmetern in den Wohnungen auf, die dann als einzelne Wohneinheiten vermietet werden. In einer Wohnung stehen manchmal bis zu 20 solcher Boxen, die etwa 150 Euro Miete im Monat kosten. Es teilen sich dann oft 20 Personen ein Badezimmer, häufig gibt es keine Küche. Für mich war überraschend, dass in den sogenannten Cages nicht etwa nur Arbeitslose leben, sondern sich manche der Bewohner morgens schick anziehen und zur Arbeit gehen. Natürlich wohnen dort aber eher Menschen mit geringem Einkommen und andere sozial Schwache wie Rentner oder Personen, die nicht mehr arbeiten können und durch das soziale Raster fallen.

LZ: Welche Bewohner der Cages zeigen Sie in Ihrem Film?

Stade: Ich habe zwei Einzelpersonen und eine Familie begleitet. Es war ein älterer Mann dabei, der sich von seiner Rente keine größere Wohnung leisten kann und schon seit vielen Jahren in einer Gitterbox lebt. Außerdem ist ein jüngerer Mann unter den Protagonisten, der sich bei einem Unfall die Hüfte gebrochen hat und dadurch arbeitsunfähig ist. Und ich habe mit einer vierköpfigen Familie aus Festland-China zusammengearbeitet, die wegen der dortigen Ein-Kind-Regelung nach Hong Kong geflohen ist. In Hong Kong kann die Familie zumindest ihren beiden Kindern eine Schulbildung ermöglichen. Der Vater leidet an den Folgen einer früheren Kinderlähmung, und die Familie hat ein sehr geringes Einkommen.

LZ: Was war Ihnen bei der Umsetzung des Films besonders wichtig?

Stade: Ich wollte zum einen den Sachverhalt darstellen, zum anderen war mir aber auch wichtig, das Thema auf einer menschlichen Ebene anzugehen. Das Thema ist nicht neu. Ich hatte davor schon andere Filme darüber gesehen, aber es schien häufig die Attraktionslust das Wichtigste zu sein, und die Filmemacher stellten das Schockierende der Wohnsituation in den Vordergrund. Das schien mir nicht die richtige Herangehensweise zu sein, und es war mir wichtig, das Thema einfühlsamer zu behandeln.

LZ: Wie lange hat Ihr Aufenthalt in Hong Kong gedauert?

Stade: Ich war dort knapp vier Wochen, was für so einen Film eher eine lange Zeit ist. Ich fand das sehr gut, da mir so genug Zeit blieb, um die Menschen wirklich kennenzulernen.

LZ: Wie haben Sie es geschafft, in Kontakt mit den Einheimischen zu kommen, die dann auch im Film gezeigt werden?

Stade: Es gibt eine chinesische Hilfsorganisation mit dem Namen Society for Community Organisation (SOCO), die sozial schwache Menschen und besonders auch die Cage-People durch Sozialarbeiter unterstützt. Über eine katholische Organisation, die SOCO von Deutschland aus unterstützt, habe ich den ersten Kontakt hergestellt und konnte dann in Hong Kong zusammen mit einer Sozialarbeiterin die Wohnungen besuchen. Ich hatte einen anderen Studenten von der Hochschule in Hong Kong als Übersetzer dabei und konnte dadurch später die Leute auch ohne die Sozialarbeiterin weiter besuchen und einen besseren Kontakt aufbauen. Das Schwierige war weniger, den Kontakt zu den Leuten herzustellen, sondern eher, genug Vertrauen aufzubauen, um sie auch filmen zu dürfen.

LZ: Gab es ein Erlebnis, das Sie während der Zeit in Hong Kong besonders beeindruckt hat?

Stade: Es gab viele beeindruckende Momente, aber besonders toll fand ich die Zusammenarbeit mit der chinesischen Flüchtlingsfamilie. Die Familie lebt zu viert auf vier Quadratmetern, sie haben nur ein Stockbett, ein Regal und einen kleinen Reiskocher. Man kann sich hier kaum vorstellen, wie arm die Familie ist. Trotzdem haben sie mich immer zum Essen eingeladen und waren unglaublich gastfreundlich und herzlich, das hat mich sehr fasziniert.

LZ: Wie sehen Sie Ihre, Chancen, den CNN Journalist Award, für den Sie jetzt mit „2m² Leben“ nominiert sind, zu gewinnen?

Stade: Ich habe mit dieser Nominierung nicht gerechnet, da die übrigen Nominierten erfahrene und bereits ausgebildete Journalisten sind. Allein die Nominierung ist damit für mich schon toll, und ich freue mich sehr darüber. Wie meine Chancen auf den Preis stehen, kann ich aber schlecht einschätzen.

LZ: Würde sich durch den Preis für Ihre Zukunft in Studium und Beruf etwas ändern?

Stade: Wenn ich den Award bekommen würde, würde das sicher auch beruflich etwas bedeuten, aber so konkret kann ich das jetzt noch nicht voraussehen. Ich würde den Preis vor allem als Bestätigung meiner Arbeit betrachten. Ich hatte mit dem Film das Anliegen, Missstände darzustellen, aber während eines Schaffensprozesses zweifelt man natürlich auch immer wieder an der eigenen Arbeit. Die Nominierung für den Award motiviert mich, weiterzumachen.

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