Langeweile ist ihr ein Fremdwort

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Anna Koch feiert ihren 95. Geburtstag und Lindaus Bürgermeister Karl Schober gratuliert.
Anna Koch feiert ihren 95. Geburtstag und Lindaus Bürgermeister Karl Schober gratuliert. (Foto: Christian Flemming)
Christian Flemming

Sie flitzt schneller als viele andere reagieren könnte ans Telefon, ebenso ist sie die erste, die Heruntergefallenes aufhebt: Putzmunter und bei bester Laune hat Anna Koch ihren 95. Geburtstag gefeiert. Auch Karl Schober, der als offizieller Gratulant gekommen war, staunte nicht schlecht über die jugendliche Frische des Geburtstagskindes.

In dieser Stunde seines Besuches konnte er viel kennenlernen: Das alte gemütliche Aeschacher Haus aus dem Jahr 1858 zum Beispiel, in dem Anna seit ihrem zweiten Lebensjahr lebt. Bis auf die 30 Jahre zwischen 1948 und 1978, in denen sie auf die Insel gezogen war, denn sie hatte dorthin geheiratet. Dort betrieb sie mit ihrem Mann das Spielwaren- und Optikgeschäft neben dem Alten Rathaus. Nach dem Tod ihres Mannes zog es sie wieder zurück nach Aeschach. Geboren wurde sie im Hinterhaus, da das vordere Haus vermiete war an das Fräulein von Pfister, das sich in der Christuskirche mit zwei Kirchenfenstern verewigt hat.

Selbst also in einem schönen alten Aeschacher Haus wohnend, stellte sie vor Jahren betrübt fest, dass immer mehr alte Häuser verschwinden, um irgendwelchen Bauten zu weichen. „Da hab ich mir gedacht, das muss man festhalten“, erzählt sie. So zog sie mit dem Fotoapparat los, um alte Häuser in Aeschach zu entdecken und für die Nachwelt fotografisch festzuhalten. Ihr Sohn Martin, der auf der Insel ein Fotogeschäft betreibt, bekam die Fotos, musste Abzüge davon machen und hat aus dem daraus entstandenen Album nun ein Fotobuch zusammengestellt. „Das ist mittlerweile fast eine Sucht geworden“, gesteht Anna lachend. Aber auch sie macht immer wieder Entdeckungen, was alte, versteckte Häuser in ihrem Ortsteil anbelangt. Inzwischen hat sie begonnen, die Fotos der alten Häuser und dem, was jeweils daraus geworden ist, zusammenzustellen. Das wird das neue Album. Und da in Aeschach viel gebaut wird, immer mehr alte typische Häuser verschwinden, geht ihr da die „Arbeit“ nicht aus, Entzugserscheinungen wegen ihrer Sucht sind da nicht so schnell zu erwarten.

Während sie all dies erzählt, begrüßt sie immer wieder Gäste, die in die kleine, behagliche Stube hereinströmen. Oder sie flitzt wieder zum Telefon. Denn da rufen viele an, um ihr zu gratulieren. Die Tochter und auch die beiden Söhne helfen da, falls sie überhaupt dazu kommen. In ihrem Haus, besser auf dem Grundstück, lebt ein Großteil ihrer Familie mit ihr. So ist die ehemalige Werkstatt der legendären Schlosserei Weber, neben ihrem Wohnhaus gelegen, längst ebenso zum Wohnhaus mutiert. Das Grundstück, erzählt sie, ging früher bis hinab zur Friedrichshafener Straße. Aber in den 1970er- Jahren wurde ein Teil von der Stadt annektiert und für Parkplätzen genutzt. „Schon damals gab es ein Parkproblem“, erzählt Anna. Nur das mit der Enteignung hat ihr gar nicht gefallen.

Doch der Garten, den sie noch hat, ist ein kleines Paradies, in dem sogar Bananen wachsen und überwintern. So gibt es noch genug Grün ums Haus und gemütliche Sitzecken, wo sich die drei Kinder, fünf Enkel und ebenso viele Urenkel garantiert nicht langweilen. Und dazwischen flitzt dann die Anna herum, flink auf den Füßen, vielleicht auch deswegen, weil sie früh begonnen hatte, einen Stock als Gehhilfe zu nutzen. Damit flitzt sie auch auf die Insel, denn wenn der Stadtbus gerade weg ist, ist sie so schneller dort – und wieder zurück in ihrem geliebten Aeschach.

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