Lügen ist gar nicht so einfach: Wie Kinder täuschen lernen

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 Maria von Salisch: Kinder müssen lügen erst lernen.
Maria von Salisch: Kinder müssen lügen erst lernen. (Foto: Yvonne Roither)

Wenn Kinder zu lügen beginnen, sind Eltern oft nicht glücklich darüber. Dabei ist die Fähigkeit zum Lügen ein Zeichen von Reife und Intelligenz. Kinder müssen eine ganze Reihe von Fertigkeiten besitzen, um überhaupt Flunkern zu können. Prof. Maria von Salisch ist in ihrem Vortrag „Entwicklung von Täuschung und Lüge bei Kindern“ der Frage nachgegangen, wann und wie Kinder die entsprechenden „Darbietungsregeln“ lernen und wie sie diese ausüben.

Doch was genau ist eine Lüge? Für Maria von Salisch sind Lügen die Kommunikation einer subjektiven Unwahrheit mit dem Ziel, einen falschen Eindruck hervorzuheben. Das heißt, die Täuschungsabsicht und das Wissen darüber sind entscheidende Kriterien. Wenn man also einen Zweijährigen fragt, ob er heute schon Zähne geputzt hat und er falsch antwortet, dann ist das laut Salisch eine „unabsichtliche Täuschung der Auffassung und der Erinnerung“. Denn Kinder in diesem Alter haben noch nicht das nötige Zeitgefühl, um die Frage richtig zu beantworten. Auch gewohnheitsmäßige Assoziationen (wenn wir etwas nicht genau wissen, füllen wir das automatisch mit Vorwissen aus) und phantastische Erzählungen von Kindern haben keine Täuschungsabsicht. Und wenn Kinder auf Suggestivfragen von Erwachsenen bestätigend antworten, seien das lediglich Scheinlügen. Von Salisch stellt daher fest: „Zwischen der Lüge und der wissentlichen Falschaussage ist es ein breites Feld.“

Unschuldsmienen und Poker Face

Schon Kinder, die älter als ein Jahr alt sind, lernen, sich zu verstellen. Spätestens ab ihrem dritten Geburtstag sind Mädchen und Jungs in der Lage, falsche Tatsachen überzeugend vorzuspielen. Dann fangen sie an, mit der Wahrheit zu experimentieren. Von Salisch belegte das an einem Experiment der Psychologen Michael Lewis, Carl Stanger und Margaret Sullivan: Sie brachten Dreijährige in Versuchung, indem sie ihnen verboten, einen Spielzeugzoo anzuschauen, der halb verdeckt hinter ihrem Rücken aufgebaut war, während die Versuchsleiterin das Zimmer verließ. Danach befragt, ob sie nach dem Spielzeug geschielt hätten, antworteten 62 Prozent der Kinder entweder mit „nein“ oder sie gaben gar keine Antwort, obwohl eine Videoaufnahme zeigte, dass sie in Wirklichkeit doch nachgeschaut hatten. Analysierte man das nonverbale Ausdrucksverhalten der „Vortäuscher“, so zeigten sie dieselbe Unschuldsmiene wie die Standhaften. Interessant auch: Kinder, die zugaben, dass sie die Regeln überschritten haben, lächelten überaus charmant, während diejenigen, die der Versuchung widerstanden haben, ernst blicken. „Richtig froh wird man seines Lebens also nicht, wenn man jeder Versuchung widersteht“, kommentiert von Salisch scherzhaft.

Kinder lernen ab dem dritten Geburtstag verschiedene Formen der Ausdrucksmodulation. Als Beispiele nennt von Salisch die Maskierung (zu viel Lachen beim Abstreiten), die Minimierung (Poker Face) und Maximierung (Kind weint erst, wenn Zuschauer kommen). Doch eine Täuschung sei erst dann eine willentliche Falschaussage, wenn Kinder auch das Bewusstsein darüber, also „Verständnis für Modulation und Täuschung erworben haben“, betont von Salisch. Sie müssen also die „hinters Licht führende Wirkung“ ihres Tuns erkannt haben.

Das setzt voraus, dass Kinder auch die sogenannten Darbietungsregeln kennen - also wissen, wer wem gegenüber wann welche Gefühle zeigen darf und in welchen Situationen sie ihre tatsächlichen Gefühle verbergen sollten. Dieses Wissen variiert mit dem Alter der Kinder: Während Vierjährige meinen, nur negative Gefühle unterdrücken zu müssen, regulieren Sechsjährige auch Gefühle wie Triumph. Achtjährige wissen bereits, dass ihr Innenleben privat ist. Laut Salisch sind vor allem zwei Faktoren bei der Lügenkompetenz von Kindern entscheidend: inwiefern sie sich in die Gedanken anderer hineinversetzen („Theory of mind“) und sich selbst regulieren können, indem sie beispielsweise vorschnelle Antworten unterdrücken.

Kinder lernen im Laufe der Zeit nicht nur, wann Lügen angebracht sind, sondern auch, dass es von den Motiven und den Konsequenzen abhängt, wie eine Täuschung zu werten ist. Laut von Salisch entwickelten Kinder, die mit einem autoritativen Erziehungsstil aufwachsen, also sowohl Wärme und Akzeptanz, aber auch Kontrolle erleben, eher eine fortgeschrittene „Theory of mind“. Die Fähigkeit zur Lüge und Täuschung ist für Maria von Salisch eine „Errungenschaft“ in der kindlichen Entwicklung: „Es ist manchmal nötig, sich zu verstellen.“

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