Kurz vor den Bomben ging Wahhoud noch durch Atareb

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Evi Eck-Gedler

Wer ihn kennt, atmet auf: Adnan Wahhoud ist gesund aus Syrien zurückgekehrt. Das ist keineswegs selbstverständlich: Während der Lindauer mit syrischen Wurzeln die von ihm gegründeten medizinischen Ambulanzen im Westen von Aleppo besucht hat, ist wenige Kilometer weiter der Kern der nordsyrischen Stadt Atareb bombardiert worden. Wahhoud ist froh, dass seine Medical Points bisher noch vom Krieg verschont geblieben sind – im Juli haben sie immerhin 6500 Patienten versorgt.

Als der seit Jahrzehnten in Lindau lebende Deutsch-Syrer Adnan Wahhoud in der zweiten Juli-Hälfte in Richtung seines Geburtslandes aufbrach, hatte in der Türkei gerade der Militärputsch stattgefunden. „Es ging alles zügig, bis ich Antakya erreichte“, schildert Wahhoud: Von der Großstadt im Süden der Türkei aus überquert er normalerweise die Grenze in den Nordwesten Syriens. Doch die war dieses Mal zu. Fast vier Tage musste Wahhoud warten, bis er nach Syrien einreisen konnte.

So hatte er nur eine Woche Zeit, um die von ihm gegründeten Ambulanzen zu besuchen. Sein erster Stopp führte ihn in die rund 50000 Einwohner große Stadt Atareb, westlich von Aleppo: Dort tauschte Wahhoud die aus Lindau mitgebrachten Geldspenden in syrische Währung ein, um damit ausreichend Medikamente und Verbandsmaterial für die Medical Points kaufen zu können. Das war an einem Samstagmittag: „Die Wechselstuben liegen in der Hauptgeschäftsstraße von Atareb“, schreibt Wahhoud. „Hier finden sich unweit des Krankenhauses Gemüse-, Obstläden, Supermärkte, Metzger und Bäckereien.“

Von dort aus sei er weiter in die Ortschaft Fattiere gefahren, wo der Deutsch-Syrer erst Familien mit Waisenkindern besuchte, die er mit kleinen Geldbeträgen unterstützt, um später zum Übernachten nach Takad zu fahren. Am späten Abend, gut zwei Stunden lang bis Mitternacht, „hörten wir sehr starke Bombeneinschläge aus der Umgebung“, schildert Wahhoud. „Obwohl Takad auf felsigem Boden liegt, rüttelten die Wände“, so stark seien die Bombeneinschläge gewesen. Am nächsten Tag habe er erfahren, dass die nur acht Kilometer südlich liegende Stadt Atareb von Kampfflugzeugen bombardiert worden sei. Und dort insbesondere der Bereich ums Krankenhaus und die Hauptstraße – wo Adnan Wahhoud sich am Tag zuvor noch aufgehalten hatte.

Der Weg in die anderen Ambulanzen, unter anderem jene von Lindauer Spenden unterstützte in Yakobyia, führte Wahhoud eineinhalb Tage später noch einmal durch Atareb – wo er nun in erster Linie Ruinen und Trümmer vorfand: „Ich sah, wie sich Atarebs Hauptstraße und die Geschäfte in Schutz und Asche verwandelt hatten“, schreibt der Lindauer und dokumentiert das mit einigen Handyfotos.

Vor allem Kinder brauchen medizinische Hilfe

Immerhin sind seine Medical Points bisher vom Krieg rund um Aleppo verschont geblieben. In seiner Statistik listet Wahhoud auf, dass sich die Ärzte und das sonstige Personal dort pro Monat regelmäßig zwischen sechseinhalb- und siebentausend Patienten kümmern. Und das kostenlos, denn Medikamente wie auch die bescheidenen Personalkosten werden aus den Spenden aus Deutschland finanziert. Durchschnittlich zwei Drittel der Hilfesuchenden sind übrigens Kinder. Besonders groß ist der Anteil der kleinen Patienten im Medical Point Lindau in Yakobyia: Dort lag er im Juli bei 84 Prozent.

„Insgesamt wird die Lage für die Bevölkerung im Norden Syriens schlimmer und härter“, stellt Adnan Wahhoud nach seiner Rückkehr nach Lindau fest. „Daher wird die Hilfe immer notwendiger.“ Und er bedankt sich bei jedem, diedie medizinische Hilfe für diejenigen unterstützt, die in ihrem Heimatland Syrien ausharren.

Wer Adnan Wahhouds Syrienhilfe in den Medical Points westlich von Aleppo unterstützen möchte, der kann sich per E-Mail an den Lindauer wenden unter

wahhoud@aol.com

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