„Konstellationen“ halten, was sie versprechen

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Suzanne von Borsody und Guntbert Warns überzeugen mit ihren Darbietungen zum Stück „Konstellationen“ im Stadttheater.
Suzanne von Borsody und Guntbert Warns überzeugen mit ihren Darbietungen zum Stück „Konstellationen“ im Stadttheater. (Foto: Archiv/Daniel Devecioglu)
Schwäbische Zeitung
Babette Caesar

Das Zweipersonenstück „Konstellationen“ gleicht einer Versuchsanordnung, die in immer neuen und wiederkehrenden Spielszenen gewohnte Bühnenauftritte gegen den Strich bürstet. Mit dem Schauspiel des britischen Autors Nick Payne gastierte das Renaissance-Theater Berlin am Montagabend im Stadttheater. Suzanne von Borsody ist die Physikerin Marianne, Guntbert Warns der Bienenzüchter Roland. Beide durchleben ihre Beziehung als sei sie eine unendliche Variable.

Vom Bühnenhimmel herabhängende Glühbirnen beleuchten die dunkle Szenerie. Mystisch, zugleich befremdend und ortlos wirkt das, wenn in regelmäßigen Abständen aus dem Off die Schreie von Wildgänsen kommen. Im Hintergrund stehen vier aufgestapelte weiße Stühle als die einzigen Requisiten der beiden Protagonisten. Sie dienen ihnen zum Sitzen und gelegentlich auch zum Hineinlegen. Je nachdem wie an- oder entspannt die Situation gerade ist. Das 2011 geschriebene Stück, mit dem der 1984 geborene Dramatiker seinen Durchbruch erlebte, beginnt mit Mariannes verstörender Frage: „Wissen Sie, warum man die Spitzen seiner Ellbogen nicht lecken kann?“ Roland antwortet darauf: „Ich hab´ eine wirklich ernsthafte Beziehung hinter mir.“

Was nach Dada tönt, wird zur Gewissheit

Das tönt nach Dada, ist es aber nicht. Die beiden lernen sich bei einem Barbecue kennen und versuchen sich in einer ersten Annäherung. Warum sich ausgerechnet gerade diese beiden Menschen begegnen, ist die Frage, der das Stück nachgeht. Welche physikalischen oder quantentheoretischen Gesetze könnten dabei Einfluss genommen haben, während Roland das Volk der Bienen mit ins Spiel bringt. Unter der Regie von Antoine Uitdehaag stehen sich mit Suzanne von Borsody und Guntbert Warns zwei Akteure gegenüber, deren Bühnenwege sich schon oft gekreuzt haben. Ihr Zusammenspiel ist bestimmt von großer Offenheit und Experimentierlust. Dabei entspinnt sich hintergründig wie an einem seidenen Faden hängend Mariannes Drama einer bedrohlichen Erkrankung.

Genau genommen offenbart sich das neunzigminütige Stück in seiner Gänze erst gegen Schluss. Man könnte auch sagen, es liest sich rückwärts. In schnell wechselnden Szenen proben sie die immergleichen Dialoge, aber in einer jeweils anderen Tonlage. Mal heiter und erfreut. Dann wieder mimt Roland den arroganten Macho, Marianne die resolute Femme Fatale, wenn sie sich ihre Betrügereien um die Ohren hauen. Sie tauschen den Text mit der Person und schon entsteht eine anders gefärbte emotionale Stimmung.

Nur weil die Sätze jetzt ein Mann spricht. Sie debattiert vollkommen selbstvergessen über die Bedeutung von Paralleluniversen. Er reagiert mit einem „Das klingt ja richtig sexy!“. Wo begegnen sich die beiden wirklich oder reden sie permanent aneinander vorbei? Sagen sie diese Dinge aus ihrem freien Willen heraus oder sind sie Vorgegebenes? Marianne und Roland beginnen im Laufe des Stücks die Dialoge neu und anders zusammen zu bauen. Sie fügen Bruchteile vom Anfang an, so dass man Mühe hat, sich an den Wortlaut von Vorangegangenem zu erinnern. Hier kommt das Thema Zeit ins Spiel, die es so linear wie wir sie erleben wollen nicht gibt. Das Universum kennt keine Zeit.

Wenn Marianne die Buchstaben ausgehen

Das erproben Paynes Konstellationen, in denen Mariannes bruchstückhafte Erwiderung „Ich muss eine (Pause) treffen. Ich muss eine Wahl haben. Kontrolle“ zum Schlüsselsatz gerät. Zunehmend fehlen ihr die Buchstaben, um die passenden Wörter zu formen. Was gerade noch nach launiger Konversation aussah, wird nun zur Gewissheit.

Marianne kann nicht anders auf Grund ihrer Erkrankung. Diese Gewissheit vollzieht sich schleichend und verleiht dem Stück seinen tieferen Sinn. Mittels Szenen, in denen sich beide in letzter Konsequenz durch Gebärdensprache verständigen. In denen Roland sich als allein Gelassener erlebt, sobald Marianne sich für den Freitod entscheidet und der Botschaft: „Zeit ist irrelevant auf der Ebene von Atomen und Molekülen. Es wird weder mehr noch weniger davon geben. Wenn ich weg bin.“ Mit großem Applaus und Begeisterungsrufen reagierte der ausgebuchte Saal auf dieses intensive Drama.

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