Klimawandel macht vor Lindau nicht Halt

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Neben dem Regierungspräsidenten des Bezirks Tübingen, Klaus Tappeser (von links), stellen sich vor Eröffnung die wissenschaftlic
Neben dem Regierungspräsidenten des Bezirks Tübingen, Klaus Tappeser (von links), stellen sich vor Eröffnung die wissenschaftlichen Leiter, Referenten und Organisatoren dem Fotografen: Karsten Körkemeyer, Karsten Kerres, Tobias Jöckel, Cornelia Jöckel-Tschada, Max Dohmann, Sonja Jöckel, Wolfgang Günthert und Ulrich Jöckel. (Foto: Christian Flemming)
Christian Flemming

Mit einer Gesamtbetrachtung des Klimawandels seitens der Politik, zumindest der des Regierungspräsidiums Tübingen, hat Klaus Tappeser, seines Zeichens Regierungspräsident im Regierungsbezirk Tübingen, das 32. Lindauer Seminar der JT-Elektronik in der Inselhalle eröffnet. Die Fachtagung, bei der sich die Branche der Kanalisationstechnik traditionsgemäß in Lindau trifft, dreht sich um das Schwerpunktthema „praktische Kanalisationstechnik – zukunftsfähige Entwässerungssysteme“. Die Kanalsanierungsarbeiten am Vortag vor der Inselhalle, in der die Fachtagung stattfindet, hatten aber nichts damit zu tun, wie so mancher Passant vielleicht gedacht haben mag.

Tobias Jöckel, Sohn des Tagungs- und Firmengründers Ulrich Jöckel, der mit dem Vater und der Schwester Sonja die Geschäftsführung innehat, begrüßte die 518 Teilnehmer des Lindauer Seminars und übergab nach einer kurzen Einführungsrede das Mikrofon an Klaus Tappeser. Taditionell beginne das Seminar mit einem politischen Statement, wie er erläuterte.

Klaus Tappeser, den Lindauern noch als OB-Kandidat der CSU vor acht Jahren in Erinnerung, gehört nach eigenem Bekunden nicht zu Klimaleugnern. Er wolle hier aber auch keinen Rapport über die Situation in Stuttgart oder Reutlingen abgeben, wo ein Prozess der Deutschen Umwelthilfe gegen Reutlingen anstünde, eine Stadt, deren Luftwerte lediglich einen Bruchteil der in Stuttgart gemessenen Schadstoffe ausweise. Tappeser beleuchtete das Thema mehr von der landwirtschaftlichen Seite, wobei er zugab, dass das Thema an sich so komplex sei, da könne es keine einfachen Lösungen geben.

In der Landwirtschaft habe sich eine Monokultur eingeschlichen, so der Regierungspräsident. Um Biomasse zu produzieren, setzten die Bauern verstärkt auf Maisanbau, der „nicht wirklich als insektenfreundlich bezeichnet werden kann“, so Tappeser. Er stellte daher ein Modell vor, das in Nürtingen praktiziert werde. Hier erhalten die Bauern einen Cent mehr pro Kilowattstunde, wenn die Biomasse aus Blühwiesen stamme. „Die Vorteile liegen darin, dass die Pflanzen gut fünf Jahre halten, sie benötigen wesentlich weniger Dünger, sind insektenfreundlich und unterstützen so die Biodiversität.“ Zwar habe die Landwirtschaft schon weniger Düngemittel verwendet, „trotzdem sind die Nitratwerte in den vergangenen Jahren wieder gestiegen“, schildert Tappeser anhand „SOS“, dem Aktionsprogramm zur Sanierung oberschwäbischer Seen.

Dadurch, dass die Starkregenereignisse trotz trockener Sommer (bei eher nassen Wintern) zunähmen, könnten die Böden längst nicht so viel Wasser auf einmal aufnehmen und würden daher ausgeschwemmt. Mit dabei: die Nitrate aus den Düngern, die in den Gewässern landeten. Bei dem Sanierungsprogramm würde unter anderem durch Sauerstoffeintrag in die Seen der Austausch im Wasser gefördert, um der Problematik Herr zu werden. „Aber da müssen wir noch viel experimentieren“, gab Tappeser zu.

Lindau wird nicht untergehen

Wasser spielt nach seinen Worten auch in der Energiefrage eine zunehmende Bedeutung, neben der regenerativen Energiegewinnung. Unter dem Aspekt des Klimawandels würde aber nun keine Gefahr bestehen, dass die Meeresspiegel bis Lindau steigen würden, aber die erwähnten Wetterunterschiede – trockene Sommer, nasse Winter – würden schon ihre eigene Problematik schaffen. In Baden-Württemberg gäbe es daher Überlegungen, wie man in solchen Fällen das Ab-, Regen- und Oberflächenwasser in den Griff bekommen könne. „Gerade das Hochwasser zeigt, dass die Kommunen hier nicht einseitig denken dürfen, sondern zusammenarbeiten müssen“, denn Wasser fließe nun mal nach unten –und damit auch das Problem. Hier müssten die Kommunen gemeinsam an Lösungen und flexiblen Steuerungsmöglichkeiten arbeiten. Den Schwenk zu Kanalbauern und -sanierung machte Tappeser mit der Erläuterung, dass gut ein Drittel der baden-württembergischen Bevölkerung Bodenseewasser als Trinkwasser erhalte, für einen weiteren Bevölkerungsanteil würde Bodenseewasser beigemischt oder als Notwasserversorgung vorgehalten. „In einem trockenen Sommer wie dem im vergangenen Jahr sind aber einige Brunnen trockengefallen, es wurde mit Bodenseewasser ausgeholfen. Das Problem dabei ist aber, dass die Kanalrohre für eine derartige Belastung gar nicht konzipiert sind. Da muss Abhilfe geschaffen werden“, so der Tübinger Regierungspräsident.

Den Klimawandel belegte Klaus Tappeser abschließend mit einem Beispiel aus dem Weinbau: „In Freiburg wird mittlerweile umgestellt. Anstatt Riesling, der eine lange Reifezeit benötigt, wird hier nun Chardonnay angebaut, der mit dem neuen Klima wesentlich besser klarkommt.“

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