Kirche mit 50 Kilometern Fäden umgarnt

Lesedauer: 10 Min
Fadenkunst

Zum Reformationsjubiläumsjahr gibt es in der Stephanskirche ein Kunstwerk zu sehen, das die Verbindung zwischen Mensch und Mensch, aber auch zwischen Mensch und Gott symbolisieren soll. Im Moment entsteht das Kunstwerk von Elke Maier noch. Am achten April um 15 Uhr ist die offizielle Eröffnung. In unserem Video kommt die Künstlerin selbst zu Wort.

Sie sind dünn und fast unsichtbar, und doch verhelfen sie der evangelischen Kirche St. Stephan zu neuer Gestalt: Unzählige haarfeine, weiße Seidenfäden spannen sich in den nächsten Wochen durch den Innenraum und verwandeln ihn durch die Bewegung des Lichts. Sie sind Teil einer Rauminstallation, die ganz im Zeichen 500 Jahre Reformation steht. Bis zur Vernissage sollen 50 Kilometer Faden verarbeitet sein.

Elke Maier steht in dicker Fleecejacke in der Kirche. Sie hat die ersten Fäden gespannt – ein hauchfeiner Vorhang zieht sich in der Kirchenmitte von der Decke bis zur Kirchenbank. „Das sind erst die Vorarbeiten“, sagt die Künstlerin aus Kärnten, die bei diesem Projekt die Fäden in der Hand hat. Sie hat sich in einem Wettbewerb, den die Kirchengemeinde St. Stephan zu dem Thema „Rauminstallation im Sakralen“ ausgeschrieben hatte, durchgesetzt. Wohl auch, weil sie schon öfters Kirchen umgarnte.

Reformation heißt, eine Form verändern, sagt Pfarrer Eberhard Heuß. So entstand die Idee, auch St. Stephan zu verwandeln. „Wir wollten etwas, das den ganzen Raum ausfüllt und verändert“, sagt Uta Weik-Hamann vom Vorbereitungskreis. Das Thema der Arbeit lautet „Zwischen uns“. Es gehe dabei einerseits um die „Fäden zwischen uns, aber auch zwischen Gott und den Menschen“, erklärt Pfarrer Heuß. Aber auch die Zwischenräume seien in dieser Installation wichtig. „Die tiefen Inhalte erschließen sich erst, wenn man sie länger auf sich einwirken lässt“, sagt Weik-Hamann.

Die Stephanskirche ist Elke Maier inzwischen vertraut. Sie hat sie immer wieder auf sich wirken lassen, viele Zeichnungen gemacht und dann ein konkretes Konzept entwickelt. Doch ganz starr nur danach vorzugehen, das funktioniere nicht. „Es ist ein prozessionales Arbeiten“, sagt die 52-Jährige. „Das Wesentliche entsteht vor Ort“, weiß sie aus Erfahrung. Sie hat schon das Neumünster in Würzburg, die Kollegienkirche in Salzburg und den Wiener Stephansdom verwandelt.

In Lindau hat die Künstlerin drei Wochen Zeit. Dann sollen 50 Kilometer Fäden – sie passen in einen Schuhkarton – in alle Richtungen durch die Kirche gespannt sein: Horizontal von der Orgel bis zum Chorfenster und vertikal vom Deckengewölbe bis zum Boden. Der Aufwand ist enorm. „Ich muss jeden Faden einzeln spannen“, sagt Elke Maier, deren Hände verraten, dass sie es gewohnt sind, anzupacken.

Große Wirkung mit einfachen Mitteln

Die Arbeit in St. Stephan war eine besondere Herausforderung: Da ein Gerüst aus Kostengründen nicht in Frage kam, die Decke aber mit rund 13 Metern zu hoch war, um die Spule nach oben über die Querstangen zu werfen, musste Elke Maier eine neue Technik entwickeln, um die Fäden in luftiger Höhe zu platzieren. Wie genau das geht, verrät sie nicht. Das ist Künstlergeheimnis.

„Jeder Faden ist so individuell wie beim Zeichnen eine Linie“, sagt Elke Maier, die an der Akademie der Bildenden Künste in München und in Wien studiert hat. So lasse sich „mit wenig Mitteln ein Höchstmaß an Wirkung erzielen“. Und dass in einer Zeit, wo man „einen Überfluss an Reizen braucht, um sich selbst zu spüren“. Elke Maier verspricht: „Hier kann man mit einfachsten Mitteln berührt werden.“ Ihre Methode: Sie verwandelt feine, fast unsichtbare Nähseide in transparente Strahlenflächen, die ständig – je nach Lichteinfall – zwischen sichtbar und unsichtbar wechseln. Für Maier ist es eine fast schon „spirituelle Arbeit“, ein Dialog mit dem Licht, bei dem sie die Arbeitsstunden nicht zählen will.

Immer wieder kommen Besucher in die Kirche und beobachten die Arbeit von Elke Maier. Manche sprechen sie auch an, wie beispielsweise die fünf indischen Besucher. „Die dachten, dass dies hier ein religiöses Ritual war“, sagt Uta Weik-Hamann lachend.

Das sei das Schöne an diesem Projekt, dass es eben nicht abgeschieden im Atelier stattfindet, sondern Besucher den Entstehungsprozess miterleben können. „Die Kirche bleibt ganz bewusst offen“, sagt Pfarrer Heuß. „Ich bin schon gespannt, was an Besucherreaktionen kommt.“

Die Verwandlung von St. Stephan wird am Samstag, 8. April, um 15 Uhr mit einer Vernissage eröffnet. Die Künstlerin Elke Maier und Mitglieder des Vorbereitungskreises werden in der Kirche über die Installation sprechen. Ein Video über die Rauminstallation gibt es unter schwaebische.de/umgarnt

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen