Kampf um Lindaus Werft tobt vor 60 Jahren

Lesedauer: 6 Min
Blick vom ehemaligen „Offizierscasino“ auf Lindaus Werftgelände mit der großen in den Jahren 1926/27 neu errichteten Werfthalle
Blick vom ehemaligen „Offizierscasino“ auf Lindaus Werftgelände mit der großen in den Jahren 1926/27 neu errichteten Werfthalle (Helling) im August 1959. Original im DB-Museum Nürnberg. (Foto: Repro: Schweizer)
Karl Schweizer

Vor 60 Jahren hat ein Kampf um Lindaus Werft getobt. Schon seit einigen Jahren war die Bodenseeflotte der Deutschen Bundesbahn DB wegen ihrer finanziellen Verluste in der Diskussion gestanden. Der Verwaltungsapparat war mit den Jahren zu umfangreich und kostspielig geworden.

Anfang Mai 1960 traten der Personalrat der Lindauer Werft, unterstützt von der auch für die damalige Lindauer Werft zuständigen Gewerkschaft der Eisenbahner, in Lindau an die Öffentlichkeit. Der Stein des Anstoßes war: Die DB-Hauptverwaltung in Frankfurt am Main plane, „dass die Werft Lindau geschlossen und eine zentrale Schiffsleitung in Konstanz gebildet werden soll.“ Hiergegen legte der Personalrat „wegen der ganz unbilligen daraus entstehenden Härten schärfsten Protest“ ein.

Zuletzt habe die Reparatur des Motorschiffes Grünten auf Lindaus Werft gezeigt, wie modern und rentabel die Lindauer Werftanlagen sind, was auch in einer Stellungnahme der Bundesbahndirektion Augsburg bestätigt wurde. Die modernen Werkstätten der Werft mit ihren qualifizierten Facharbeitern, welche Maschinenteile selbst herstellen können, ihre geräumige Helling sowie die Tatsache, dass die Werft den Winter über 22 Arbeitsplätze biete, seien dringend zu erhalten.

Andererseits habe der Lindauer Personalrat bereits 1959 einen umfangreichen Maßnahmenkatalog zur Reformierung der gesamten DB-Schifffahrt am bayerischen Bodenseeufer und darüber hinaus vorgelegt. Davon aber sei noch keine einzige Maßnahme verwirklicht worden. Zudem halte die DB-Direktion in Frankfurt die Ergebnisse der Wirtschaftlichkeitsprüfung von 1959 unter Verschluss, statt diese bekanntzugeben.

Neben dem Deutschen Gewerkschaftsbund DGB sprachen sich auch Lindaus Stadtrat, Oberbürgermeister Josef Haas, der Landtagsabgeordnete des Stimmkreises Lindau, Franz Heubl, CSU, sowie Landrat Kleiner, CSU, mit Briefen an die DB-Hauptverwaltung in Frankfurt für den Erhalt der Lindauer Werft aus.

Erstmals in den Jahren 1847/48 im Auftrag der Lindauer Dampfboot-Aktiengesellschaft errichtet, war die Werft im Jahre 1861 vom Königreich Bayern gegen bares Geld verstaatlicht und der Eisenbahn angeschlossen worden. Damals wurden auf Lindaus Werft Dampfboote und seit 1869 auch Trajektkähne nicht nur repariert, sondern von Arbeitern auswärtiger Firmen, wie beispielsweise Maffei oder Ratgeber aus München, zusammen mit den Lindauer Werftarbeitern erbaut. 1893 und 1926/27 waren die Lindauer Werftanlagen erneuert, beziehungsweise erweitert worden.

Am 15. September 1960 schloss sich auch Anton Zwiesler, bis 1956 Kreispräsident des damaligen Bayerischen Kreises Lindau, in seiner nunmehrigen Eigenschaft als Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Lindau dem Widerstand gegen die Werftschließungspläne an.

Am Tag zuvor hatte der DGB Lindau veröffentlicht, dass die DB-Hauptverwaltung in Frankfurt inzwischen formal die DB-Direktion in Augsburg angewiesen habe, „die Schließung der Werft in Lindau in die Wege zu leiten und so zu betreiben, dass die Unterhaltung der dieser Werft zugeteilten Schiffe im kommenden Winter bereits bei der Werft in Friedrichshafen beziehungsweise in Konstanz durchgeführt wird.“ Das bisherige Lindauer Personal habe dann nach Friedrichshafen auf die dortige DB-Werft zur Arbeit zu pendeln. Auch die gewerkschaftlichen Personalratsmitglieder des Hauptpersonalrats in Frankfurt hätten dem zugestimmt.

Als der Lindauer DGB und die Eisenbahnergewerkschaft Anfang Oktober herausgefunden hatten, dass Letzteres nicht stimmte, war es bereits zu spät. Mitte Oktober erreichte die DB-Hauptverwaltung sogar, dass eine vom Bayerischen Rundfunk geplante Radiodokumentation über die Lindauer Werft ersatzlos gestrichen wurde. Nun rächte sich, dass die Gewerkschaften sich während der Hauptschifffahrtssaison nicht zu einem Streik für den Erhalt der Werft hatten durchringen können. Der gewerkschaftliche „Kampf bis aufs Messer“ musste ohne das Kampfmittel Arbeitsniederlegung ein Papiertiger bleiben.

Längst hatte zudem Lindaus OB Haas anlässlich des Staatsbesuchs von Ministerpräsident Hans Ehard, CSU, erklärt, dass die Stadt Lindau nach dem Ende der Werft das Gelände zu einem günstigen Preis erwerben wolle, eventuell, um dort eine Stadthalle errichten zu lassen. Die IHK Lindau schloss sich den Überlegungen des Internationalen Bodenseeverkehrsvereins an, die drei staatlichen Bodensee-Schifffahrtsgesellschaften Österreichs, der Schweiz und der BRD zusammen mit den größeren Städten rund um den See zu einer einzigen Bodensee-Schifffahrtsgesellschaft zu vereinigen.

Ende Dezember 1960 wurde Lindaus Werft geschlossen. Die Stadt Lindau erwarb daraufhin das ehemalige Werftgelände, an dessen glorreiche Schiffbauerzeit heute fast nichts mehr erinnert.

Meist gelesen in der Umgebung

Die Kommentarfunktion ist für Sie aktuell gesperrt. Bitte wenden Sie sich an unseren Kundenservice für weitere Infos.
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen

Mehr Themen