Junge Wissenschaftlerin fordert zum Gestalten auf

Lesedauer: 6 Min
 Die Berliner Sozialpsychologin Vivian Frick spricht im Eröffnungsvortrag der zweiten Woche der Lindauer Psychotherapiewochen zu
Die Berliner Sozialpsychologin Vivian Frick spricht im Eröffnungsvortrag der zweiten Woche der Lindauer Psychotherapiewochen zum Thema „Schöne digitale Welt“. (Foto: Stefanie Bernhard-Lentz)
Stefanie Bernhard-Lentz

Für viele ist die Digitalisierung nicht das Lieblingsthema Nummer 1, doch die Sozialpsychologin Vivian Frick, ließ die Zuhörer des Eröffnungsvortrages der zweiten Woche der Lindauer Psychotherapietagung nicht aus ihrer Verantwortung: „Wir müssen uns Gedanken machen und mitreden.“

Ohne erhobenen Zeigefinger, dafür mit einer guten Portion subtiler Ironie, machte die junge Wissenschaftlerin klar: „Nachhaltige Digitalisierung ist machbar.“ Aber: „Wir dürfen das Thema nicht den anderen überlassen.“

„Die anderen“, sind in dem Fall Vertreter aus Politik und Wirtschaft, die ein kommerzielles Interesse an der Digitalisierung haben. Den Fokus legt die Berliner Wissenschaftlerin auf die Nachhaltigkeit.

Und sie ist überzeugt: Es ist Zeit, dass die Menschen damit anfangen, Digitalisierung so zu gestalten, dass sie dem Gemeinwohl und dem Frieden dient, dass sie den Datenschutz ernst nimmt und soziale und ökologische Ziele fördert.

Das Suchtpotenzial ist enorm

Dass das Thema auch in den Berufsalltag der Psychotherapeuten immer stärker reinspiele, dürfte jedem klar sein. So sprach Frick das Suchtpotential an, das von modernen Medien und den diversen Anwendungen ausgeht.

Kaufsucht durch die Möglichkeiten online einzukaufen, gehört ebenso dazu, wie Internet- und Handy-Sucht durch mobiles Internet, Internet-Pornografie, Gaming und das Sich-Verlieren in den sozialen Netzwerken. Dabei mutet es seltsam an, wenn die Werbekampagne eines Handy-Herstellers verspricht: „Dieses Gerät kennt mich besser, als ich mich selbst kenne – es hilft mir, ein besserer Mensch zu werden.“

Auch im kognitiven Bereich könne die intensive Handynutzung zu Beeinträchtigungen führen: Die Aufmerksamkeit ist eingeschränkt, die Leistungsfähigkeit gemindert und das Gedächtnis lege sich auf die faule Haut, wenn das Merken und Erinnern an das Smartphone delegiert wird.

Einfluss auf die Hirnfunktion

Das gelte für Erwachsene, ganz besonders aber bei Kindern. Hier sei „Achtung geboten“, so die Mitarbeiterin der TU Berlin, „vor allem in einem Alter, in dem sich das Gehirn noch stärker entwickelt“.

Wie auch die körperliche Gesundheit beeinträchtig wird, verdeutlichte Frick an einigen Beispielen und dabei ging es nicht nur um einen offenkundigen Bewegungsmangel: 25 Prozent aller Verkehrsunfälle geschehen durch Ablenkung mit Smartphones.

Zuviel aufs Handy starren verursacht zudem Haltungsschäden. So sprechen Mediziner bereits von der „Schildkrötenhaltung“. Kritisch zu sein gilt es auch beim Thema Datensicherheit: Wer beispielsweise eine Smartwatch nutzt, um sein Fitness-Programm zu organisieren oder zu kontrollieren, der sollte sich damit auseinandersetzen, dass die meisten Anbieter Angaben großzügig weitergeben, erklärt Frick.

Überhaupt der Datenschutz: „60 Prozent aller User lesen die Datenschutzbestimmungen nicht, bevor sie eine App installieren.“ Und an wessen Gesundheit wird gedacht, wenn es um die Herstellung der Handys geht?

Sowohl die Produktion als auch die Entsorgung der Geräte, die dazu immer kurzlebiger werden, findet „unter Arbeitsbedingungen statt, die mehr als kritisch sind“, mahnt die Psychologin.

Nachhaltigkeit ist ein wichtiger Faktor

Und sie lenkt den Blick auf eine globale Gerechtigkeit: „Es geht um unser Zusammenleben - Wir im globalen Norden verbrauchen überdurchschnittlich viele Ressourcen.“ Wer regelmäßig am Handy ist, sollte sich darum mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinander setzen, findet Vivian Frick.

So ist das Netz ein wahrer Stromfresser, „Das Internet verbraucht mittlerweile so viel Strom, wie das drittgrößte Land der Erde“, mehr Strom bräuchten nur China und die USA

Aber die Wissenschaftlerin nannte auch sinnvolle Aspekte der Digitalisierung: Sharing Economy gehört dazu und in die digitalen Welt kann auch Zugänge zu einem nachhaltigeren Konsum eröffnen, Netzwerke können sinnvoll geknüpft werden.

Insgesamt gelte „Die Digitalisierung kann viele Gesichter haben“, so Frick: „Nicht die Digitalisierung an sich hilft oder schadet – sondern die Akteure, die sie gestalten und die Leitbilder, denen die Akteure folgen.“ Ihr Appell: „Es ist an uns, die Weichen zu stellen.“

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen