Johannes Gaupp und die Sonnenuhren

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Isabel Kubeth de Placido

Seit April ist in der Ehemals Reichsstädtischen Bibliothek im Alten Rathaus eine kleine, aber feine Ausstellung zu sehen, die sich sowohl mit einem bedeutenden Lindauer befasst als auch mit einem Thema, das Jahrtausende lang die Wissenschaft in der ganzen Welt beschäftigt hat: die Sonnenuhr.

Einer dieser Wissenschaftler war der evangelische Stadtpfarrer Johannes Gaupp. Er verfasste Anfang des 18. Jahrhunderts nicht nur ein Standardwerk über Sonnenuhren, sondern versah es auch noch mit Konstruktionsbögen. Diese „Bastelbögen“ wiederum animierten den passionierten Sonnenuhrliebhaber, Arzt und Pharmakologen Karl Hofbauer 300 Jahre später zum Nachbau und zu jener Ausstellung, die nach Basel und Wien jetzt auch in Lindau zu sehen ist. Wollte Gaupp Menschen ohne mathematische Kenntnisse den Bau einer eigenen Sonnenuhr ermöglichen, so war es Hofbauer, der rund 20 Interessierten in seinem Vortrag und einem Gang durch die Ausstellung das Prinzip, aber auch die Symbolik der reich dekorierten Gauppschen Sonnenuhren erklärte.

Eine Ausstellung über Sonnenuhren in der Ehemals Reichsstädtischen Bibliothek (ERB) – also einem Ort, an dem sich alles um Bücher dreht – wie passt das zusammen? Sehr gut, wie die Interessierten von Karl Hofbauer erfuhren. Denn ohne das Buch, das Johannes Gaupp 1708 zum ersten Mal veröffentlichte und das zwei Folgeauflagen erfahren sollte, hätte es die Ausstellung gar nicht gegeben. Und mit jener Erstausgabe, die Gaupp als zu seiner Zeit dienstältester Stadtpfarrer Lindaus und damit Chef der Bibliothek dem ERB vermachte, erst recht nicht. Warum? Weil es unvollständig ist. Ihm fehlen genau jene Konstruktionsbögen, die der Pfarrer und Mathematiker dem „Gnomonica mechanica universalis“, seinem Lehrbuch zum Umgang mit und Bau von Sonnenuhren, mitgegeben hat und mit denen er es möglich machen wollte, dass jedermann sich eine Sonnenuhr nachbauen konnte. Was durchaus sinnvoll war zu jener Zeit. Denn damals gab es zwar schon mechanische Uhren, allerdings waren diese nicht ausgereift und mussten ständig nachgestellt werden. Und dazu brauchte man eben eine Sonnenuhr.

Der Zufall wollte es, dass dem Arzt, Pharmakologen und Professor an der Universität Basel, als passioniertem Sonnenuhrfan, nicht nur eine, sondern gleich zwei jener Ausgaben des Gauppschen Buches in die Hände fielen, das diese Konstruktionsanleitungen für immerhin dreizehn verschiedene Sonnenuhren und vier Instrumente enthielt. „Das war es, was mich veranlasst hat, sie nachzubauen.“

Die Ausstellung zeigt alle nach den Originalkonstruktionsanleitungen nachgebauten Sonnenuhren Gaupps und damit gleichzeitig auch jene Vielfalt und Einfachheit des Systems, das Karl Hofbauer in seinem Vortrag beschrieb. Denn Sonnenuhren gab es nicht nur großformatig an Hauswänden und auf Plätzen, sondern auch im Kleinformat zum Hinstellen, Mitnehmen oder Klappen. Zudem unterschieden sie sich in Form und Ausrichtung des Ziffernblattes.

Die Gauppschen Sonnenuhren, die er natürlich nicht alle selbst erfand, sondern sich derer bekannten Autoren bediente, aber teilweise weiterentwickelte, sind zudem mit jeder Menge ornamentalen Verzierungen und bildlichen Darstellungen ausgestattet, dessen Bedeutung der Referent ebenfalls erklärte. So verzierte der Astronom etwa eine Uhr mit einem Fuchs und einem Affen und damit der bildlichen Darstellung des Geizes, deren Geschichte eine Fabel Aesops erzählt. „Das waren also Darstellungen, die geläufig waren und von einem gebildeten Publikum verstanden wurden.“

Dass der „weitberühmte Astronomus“, der die Sonnenuhr „als freudenreiches Lustspiel mit göttlicher Weisheit“ beschrieb, auch in seiner Heimatstadt eine Bedeutung hatte, machte Markus Breitwieser als heutiger Chef der ERB und damit jüngster Nachfolger Gaupps klar, als er den Besuchern über dessen Leben erzählte.

So war der 1667 geborene Gaupp „ein in Lindau geborener Mensch, der in die Welt hinausgeht, studiert und wieder zurückkehrt“. Als ältester Sohn eines Lindauer Ratsherrn ist es ihm bestimmt, Theologie zu studieren und Pfarrer zu werden. Nach seinen Studien in Tübingen und Jena begibt er sich allerdings erst einmal auf Europareise und studiert an verschiedenen Universitäten auch noch Mathematik und besucht er alle führenden Astronomen Europas. 1694 kehrt er nach Lindau zurück, wird zum Pfarrer ordiniert und wird bis zu seinem Tode 1738 über 4500 Predigten in St. Stephan halten. Ein fleißiger Mensch, denn darüber hinaus leitete er die Lindauer Bibliothek und verfasste besagtes Buch über Sonnenuhren, eine Vielzahl astronomischer Kalender, schrieb Berichte über Sonnen- und Mondfinsternisse und beteiligte sich an jener Kalenderreform, die den katholischen und evangelischen Kalender zusammenführte.

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