Jedem Tierchen sein Temperatürchen

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Der Lastwagen von Thermo Lignum steht unter einer Isolierungsplane vor dem Mueseumsdepot. Ein Augenschmaus dürfte das Zelt für d
Der Lastwagen von Thermo Lignum steht unter einer Isolierungsplane vor dem Mueseumsdepot. Ein Augenschmaus dürfte das Zelt für den Speziallastwagen nicht gewesen sein für den Architekten des Depots, der Zweck aber heiligt die Mittel. (Foto: Christian Flemming)
Christian Flemming

Der Cavazzen ist nahezu leergeräumt, das gesamte Inventar ist umgezogen in das neu erbaute Museumsdepot. Als andere als ein gewöhnlicher Umzug. Denn im Gegensatz zu „normalen Wohnungen“ weisen Möbel und Holzbilder nach Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten tierische Spuren auf: Holzwürmer haben sich breit gemacht und andere kleine Tierchen, die sich gerne von Holz, Leinwand und anderen Stoffen ernähren. Daher durften all diese Gegenstände nicht einfach so das neue Domizil beziehen, sondern wurden auf spezielle Weise vor dem Depot behandelt.

Die Methode, die dabei angewendet wurde, um all diesen Tierchen den Garaus zu machen, nutzt Wärme und Luftfeuchtigkeit. Jedem Tierchen sein Pläsierchen, heißt ein altes Sprichwort. Davon kann hier aber nicht die Rede sein, eher jedem Tierchen sein Temperatürchen, denn mit gezielter Erwärmung der zu behandelnden Gegenstände wird Holzwurm & Co. der Garaus gemacht.

Klingt simpel, gibt es aber noch nicht so lange. Lange Zeit galt bei Restauratoren die Überzeugung, nur mächtige Gifte könnten die Schädlinge beseitigen. Bis Werner von Rotberg sich fragte, warum die Menschen, die damit hantierten, selbst oft irreparabel krank wurden und schließlich diese Methode entwickelte, die heute unter dem Firmennamen „Thermo Lignum“ nahezu konkurrenzlos fast weltweit Anwendung findet. Das Prinzip ist eigentlich einfach. In einem Raum wird die Temperatur auf bis zu maximal 56 Grad Celsius angehoben und für längstens 24 Stunden stabil gehalten. Mehr Hitze braucht es nicht, denn beim Museumskäfer beispielsweise ist wie beim sogenannten Holzwurm zwischen 48 und 52 Grad das Limit erreicht, das diese Tiere nicht mehr überstehen. Bei Motten ist schon bei 48 Grad Schluss. Andere dieser für Holz wenig liebreizenden Tierchen packen vielleicht noch 55 Grad, bis auch sie quittieren, also reichen die erwähnten 56 Grad, wie Bernhard Schachenhofer erklärt. Doch die Temperatur sei nicht alles, der besondere Kniff liege in der Handhabung der Luftfeuchtigkeit, verrät der Chef von „Thermo Lignum“. Erst dann greift die Methode.

Diplom zum Thema Holzschädlinge

Schachenhofer hatte als Holzwirtschaftsstudent sein Diplom zum Thema Holzschädlinge gemacht und war dadurch mit Werner von Rotberg und dessen Methode zusammengekommen. Für ihn klang diese Art der Bekämpfung plausibel, giftfrei, damit umweltschonend und eventuell sogar ein angenehmerer Tod für die Tierchen als der Einsatz von Chemie. Er stieg bei Rotberg ein, der Österreicher erschloss den österreichischen Markt und verlegte schließlich, nachdem er die Firma übernommen hatte, die Zentrale nach Salzburg.

Europaweit vertrauen mittlerweile um die 20 Museen auf diese Methode, dort sind feste Anlagen für die Behandlung verbaut. Schachenhofer, der mit Oliver Jungk den Betrieb führt, hat aber auch mobile Anlagen. Eine davon stand monatelang vor dem neuen Depot unter einer nicht allzu hübschen Isolierungsplane, was dem Architekten des Depots möglicherweise ein paar graue Haare mehr beschert haben könnte, da das Plastikzelt das moderne Erscheinungsbild nicht wirklich aufwertete. Unter der Folie stand ein schlichter Lastwagen, der sein raffiniertes Innenleben unter dem schlichten Weiß bestens verbirgt. Mit spezieller Isolierung des Ladekoffers, einer ausgeklügelten Anlage, die Temperatur und Luftfeuchtigkeit steuert und regelt war dieser Lastwagen Dreh- und Angelpunkt während des gesamten Umzuges. „Hier in Lindau ist die Behandlung nicht nur giftfrei, sondern dank Ökostrom auch umweltneutral“, sagt Schachenhofer. Pro Durchgang rechnet er mit 80 bis 1200 Kilowattstunden und maximal 100 Liter Wasser für die nötige Luftfeuchtigkeit.

Ohne einen Besuch in der Wärmekammer, kam kaum ein Gegenstand ins Depot. Betreut hatte Oliver Jungk die Thermobehandlung in Lindau. In den wenigen Monaten habe er sich schnell in der Stadt eingelebt und Gefallen am Cavazzen und dem ganzen Umzugs-Team gefunden. So packte er mit an, wo gerade Not am Mann war. Der Holztechnologe kam mit der Bekämpfung von Insektenbefall während seines Studiums in Detmold in Berührung, er jobbte nebenher im dortigen Freiluftmuseum. Bei Bernhard Schachenhofer absolvierte er ein Praktikum und stieg nach Ende des Studiums ein.

Für die beiden Thermospezialisten war der Lindauer Einsatz zwar auf den ersten Blick ein Auftrag wie viele andere, „aber das Besondere hier war, es musste rasch gehen“, sagt Schachenhofer, „und die sinnvollste Gelegenheit war eben jetzt beim Umzug“.

Dass der Befall der unzähligen Objekte gravierend war, bestreitet auch er nicht, aber das sei nach so vielen Jahrzehnten ohne Eingriffe natürlich. Günstig war die Lindauer Standzeit des Lastwagen auch für die Leichenkutsche, die während dieser Zeit wieder ans Tageslicht kam und ihren Weg ins Depot gefunden hat, die LZ berichtete darüber. Aber auch für sie galt: Kein Eintritt ins Depot, ohne einen Aufenthalt im Thermokoffer genossen zu haben.

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