Intuition ist gefühltes Wissen

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Barch in seinem Eröffnungsvortrag eine Lanze für die "Intuition": Gerd Gigerenzer. (Foto: Christian Flemming)
Schwäbische Zeitung
Katrin Seglitz

Es ist wieder soweit: die Lindauer Psychotherapiewochen haben begonnen. Für die erste Woche haben sich 2300 Teilnehmer entschieden, intuitiv richtig, wie Manfred Cierpka von der wissenschaftlichen Leitung mit freundlicher Ironie bemerkte, in Anspielung auf das Thema der ersten Woche: „Alles Intuition – oder wie?“

Am Sonntagabend platzte die Inselhalle aus allen Nähten, Cierpka begrüßte deshalb die Ankündigung von Lindauers Oberbürgermeister Gerhard Ecker nachdrücklich, dass die Modernisierung der Inselhalle bald in Angriff genommen werde. Vom neuen alten Wundermittel Intuition sprach im Anschluss Verena Kast, sie erhofft sich von dieser Woche einen neuen Blick auf die Kraft des Unbewussten.

Ein entschiedener Befürworter der Intuition ist Gerd Gigerenzer, er hat den Eröffnungsvortrag gehalten mit dem Titel: „Der Zufall trifft nur einen vorbereiteten Geist: Intuition in der Wissenschaft.“ Gigerenzer leitet das Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin, vor einigen Jahren hat er ein Buch veröffentlicht zu „Bauchentscheidungen“. Er lud ein zu einer „Reise in das weitgehend unerforschte Land der Intuition“ und erzählte von einem Drogenfahnder am Flughafen von Los Angeles, der intuitiv Drogenkuriere identifiziert. Was nicht leicht ist in einem internationalen Flughafen. Befragt, welche Maßstäbe er anlege, sagte der Fahnder: „Ich spüre nur, dass da etwas nicht stimmt.“ Er halte Ausschau nach denen, die nach ihm Ausschau hielten.

Gigerenzer definierte: „Intuition ist gefühltes Wissen, das rasch im Bewusstsein auftaucht, dessen tiefere Gründe uns nicht bewusst sind, und das stark genug ist, um danach zu handeln.“

Auch Führungskräfte treffen Bauchentscheidungen

Führungskräfte in Wirtschaftunternehmen gaben an, fünfzig Prozent ihrer Entscheidungen aus dem Bauch zu treffen. Niemand würde von einem Sportler die Flugbahnberechnung des Balls erwarten, und auch an der Börse kommt man mit Intuition weiter als durch Anwendung komplizierter Modelle.

Ein Großteil der Vorgänge in unserem Gehirn geschehen unbewusst. Oft findet dann eine nachträgliche Erklärung der Entscheidungsfindung statt. Oder man entscheidet sich für die zweitbeste Lösung, weil die Argumente besser sind – oft zum Nachteil der Firma.

Gigerenzer nennt das: Eine defensive Entscheidungshaltung. Auch Ärzte entscheiden oft defensiv. Da werden Untersuchungen gemacht, die nicht unbedingt nötig sind, nur um sich gegen alle Eventualitäten abzusichern. Der Schaden ist in vielen Fällen größer als der Nutzen, sowohl für den Patienten wie für die Krankenkassen.

„Intuition wird irrtümlich immer noch als eine Form zweitklassiger Erkenntnis angesehen“, so Gigerenzer. Er vertritt ein heuristisches Vorgehen. Um eine gute Entscheidung zu treffen, kann man einen Teil der Informationen getrost ignorieren. Um jedoch die wichtigen Informationen von den unwichtigen unterscheiden zu können, bedarf es des geübten Blicks. Da kommt das Fachwissen ins Spiel. So wird die Intuition besonders dann fruchtbar, wenn sie auf einen vorbereiteten Geist trifft.

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