Intensive Blicke, die tief berühren

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 Galerist Tilmann Wolf (links) im Gespräch mit der Künstlerin Brigitta Loch (rechts) in ihrer Ausstellung “Sieh mich” in der Eva
Galerist Tilmann Wolf (links) im Gespräch mit der Künstlerin Brigitta Loch (rechts) in ihrer Ausstellung “Sieh mich” in der Evangelischen Stadtkirche St. Stephan. (Foto: Babette Caesar)
cae und Babette Caesar

Brigitta Loch malt Gesichter, keine Porträts. Die Kunstfreunde Lindau und ihre Vorsitzende Uta Weik haben am Samstag mit Pfarrer Eberhard Heuß von der Kirchengemeinde St. Stephan-Christuskirche, Tilmann Wolf von der Galerie Peregrinus und Klarinettistin Gertrud Fersch die Ausstellung „Sieh mich“ in der Evangelischen Stadtkirche St. Stephan eröffnet. Waren es im Sommer 2018 Skulpturen von Birgit Feil, sind es jetzt die intensiven Blicke der 14 Gesichter, die berühren.

Große rechteckige Leinwandformate hat die 1960 in Lauffen am Neckar geborene, heute in Kirchheim am Neckar lebende Künstlerin im Kirchenschiff installiert. Einmal nicht auf Augenhöhe mit dem Betrachter, sondern weit oben eingespannt zwischen den Pfeilern hängen sie. Ursprünglich geplant seien sieben Bilder gewesen, so Eberhard Heuß. Doch daraus wurden 14, da Loch auch die Rückseiten bespielt. Froh sei er über diese Hängung, denn bewegt man sich im Raum, begegnen sie einem in jedem Winkel.

Gesichter sind es und keine Porträts. Warum diese Unterscheidung? Der Fokus ihrer Malerei liegt eindeutig auf den Gesichtszügen. Die Haare sind lediglich angeschnitten, denn dort hört die Leinwand schon auf. Attribute, die einer Verortung dienen könnten, fehlen ganz. „Sieh mich. Ich sehe dich. Ich sehe dein Gesicht, deinen Blick, deine Befindlichkeit“, ging Uta Weik in ihrer Einführung auf den Titel ein. „Schaue ich in deine Seele, deine Wünsche, Sehnsüchte, Träume oder erkenne ich mich, wenn ich von dir gesehen werde?“ Das seien Gedanken, so Weik, die einem spätestens an diesem Ort kommen. Bis hin zu „Sieh mich, Gott, wenn mich keiner sieht.“ Mit großer Tiefe und Direktheit wirken Lochs Gesichter auf den Besucher ein, der genötigt ist, zu ihnen hoch zu schauen.

Dort erblickt er aus der Nähe eine unregelmäßige Malerei, die sich aus Flächen, Flecken und Konturen aufbaut. In unterschiedlichen Grauwerten, aus denen orange-, türkis- oder rotfarbene Partien für Mund, Augen, Nase und Wangen hervorstechen. Tritt er weiter zurück, fügt sich dieses summarische, einem Puzzle oder Mosaik gleichende Bild zu einem Ganzen. Mittels Licht und Schatten entfaltet Lochs Malerei eine Atmosphäre starker Rückbesinnlichkeit. Keines dieser Gesichter trägt ein Lächeln, gar Lachen auf den Lippen. Ernst schauen sie. Bisweilen traurig, skeptisch, verlegen, abwesend oder ängstlich. Egal, wohin sich die Besucher wenden – ihre Blicke folgen ihnen. Sie sind nicht länger allein.

Was der Malerin ihre Freiheit ist

Tilmann Wolf führte im Anschluss mit Brigitta Loch ein Gespräch über Maltechnik und Motivik. Wirklich frei fühle sie sich nur, wenn sie Gesichter malen könne. Das macht sie seit 2000, nachdem sie den Beruf als Architektin aufgegeben hatte und sich der Malerei zuwandte. Spontan und aus dem Moment heraus entstünden ihre Gesichter. Nicht nach Modellen, sondern Auslöser finde sie in Zeitschriftenfotos oder beim Beobachten von Menschen. Vielfalt ist eines der wichtigsten Kriterien. Ist ihr Interesse geweckt, entsteht mittels Kohlestift eine wenig detaillierte Zeichnung, die sie mit Pinsel und Farbe weiterführt. Immer wieder trete sie im Atelier vor und zurück, um die spontane Wirkung zu erhalten. Was ist es, das sie dazu antreibt? Es ist der Mensch und das, was ihn ausmacht. Hier in St. Stephan gerät der Betrachtende zu einem, der zugleich betrachtet wird. Er hat die Chance, sich dem und damit sich selbst zu stellen. Mal still, laut, intensiv oder ruhig beschreibt Loch die Befindlichkeiten der Dargestellten. Welches letztlich ihre eigenen sind, aus denen heraus sie Stift und Pinsel ansetzt. Die Gesichter spiegeln ihre persönliche Stimmung wieder. Es sind vorzugsweise Frauen mittleren Alters. Darin könne sie sich am besten einfühlen, schließlich sei sie eine Frau. Auf die Frage, warum sie als Ausstellungsort die Kirche gewählt hat, nennt sie die Stille, die hier herrscht. Kein Trubel und kein eiliges Vorbeilaufen. Damit können ihre namenslosen Gesichter punkten – sie bannen den Besucher und lassen ihn so schnell nicht wieder los.

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