In Reutin eine neue Heimat gefunden

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 Jakob Georg Streng (1872 bis 1918), Pastor in Lyon und Paris und Pfarrer in Lindau-Reutin.
Jakob Georg Streng (1872 bis 1918), Pastor in Lyon und Paris und Pfarrer in Lindau-Reutin. (Foto: verlag)
Lindauer Zeitung

Vor 100 Jahren, am 23. Juli 1918 starb Pfarrer Georg Jakob Streng in Lindau-Reutin, dort wo er nach seiner Ausweisung aus Frankreich im Sommer 1914 als evangelischer Pfarrer tätig gewesen war. Sein Leben und Werk sind eng verknüpft mit den deutsch-französischen Beziehungen im späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert, heißt es in einem Schreiben des Verlags, in dem seine Bücher erschienen sind.

Streng war bis zu seiner Ausweisung in der deutschen Auslandsgemeinde in Frankreich tätig. Als Migrant und Seelsorger/Sozialarbeiter für eine Gemeinde aus Migranten, noch dazu als Vertreter einer Religionsgemeinschaft, der in Frankreich nur eine Minderheit angehörte, weist sein Arbeitsleben aktuelle Bezüge auf. Die deutsche lutherische Gemeinde in Paris engagiert sich auch heute neben Seelsorge in der Integrationsarbeit Völkerverständigung.

Das Leben von Jakob Georg Streng (14. Dezember 1872 bis 23. Juli 1918) war stark durch seine Erfahrungen als Auslandspfarrer geprägt. Zum einen konnte er seine Forschungen in den Bereichen Kirchenarchitektur und Kulturgeschichte verfolgen. Sein 1918 erschienenes Buch „Das Rosettenmotiv“ untersucht das architektonische Ornament der Rosette, wie es von den Fenstern gotischer Kathedralen bekannt ist, und verfolgt seine Ursprünge und seine Bedeutung bis in vorchristliche Kulturen. Zum anderen lernte er das harte Leben der Deutschen im Ausland kennen und war als Pfarrer in Paris und Lyon mit der sozialen Not deutscher „Gastarbeiter“ konfrontiert.

Gemeinde ohne Gotteshaus

Im neunzehnten Jahrhundert zogen viele Deutsche aus politischen und wirtschaftlichen Gründen nach Paris. 1848 lebten 6700 von ihnen in der französischen Hauptstadt und verdingten sich zumeist in niederen Tätigkeiten, etwa als Straßenkehrer. Während des deutsch-französischen Krieges 1870 bis 1871 verlor die Gemeinde fast 90 Prozent ihrer Mitglieder, viele wurden ausgewiesen und kehrten nie nach Paris zurück.

Georg Jakob Streng kam 1897 als Vikar nach Paris in die von Friedrich von Bodelschwingh gegründeten deutsch-lutherischen Hügelgemeinde La Vilette. 1899 erhielt er den Ruf als Pfarrer nach Lyon in die dortige deutsche evangelische Gemeinde. Diese Gemeinde besaß kein eigenes Gotteshaus und musste Kirchen und auch den Gemeindesaal anmieten. Die Gemeindemitglieder waren aus unterschiedlichen Gründen in Lyon: als Hausmädchen, Kellner, Fabrikarbeiter und Handelsvertreter.

Während seiner Zeit in Lyon heiratete Georg Jakob Streng 1900 Lina Frisius, die Tochter des evangelischen Kirchenrats und deutschen Hofpredigers in London, Friedrich Frisius. Mit ihr kehrte er 1903 nach Paris zurück, wo die junge Familie bis Kriegsbeginn 1914 lebte. Die Strengs wurden aus Frankreich ausgewiesen und fanden in Reutin eine neue Unterkunft und einen neuen Wirkungskreis. Georg Jakob Streng verstarb am 23. Juli 1918 an den Folgen einer Bauchfellentzündung.

Seine letzten Lebensjahre wirkte Georg Jakob Streng als Pfarrer in Reutin am Bodensee. In dieser Zeit verfasste er zwei Sachbücher, „Lebensproblem Sehnsucht. Goethe’s Faust als ein Versuch der Lösung“ und „Das Rosettenmotiv in der Kunst- und Kulturgeschichte“.

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