Im Internet beichtet es sich leichter

Lesedauer: 6 Min
Pfarrer Martin Steiner von St. Georg aus Wasserburg legt Wert auf eine persönliche Beziehung zu Gott: Im Internet ist die kaum m (Foto: Michael Scheyer)
Schwäbische Zeitung
Videoredakteur

Als ihr Ehemann sich abfällig über ihre Figur geäußert hatte, ließ sie seine Hosen vom Änderungsschneider verkleinern. Nur ein bisschen zwar, trotzdem hätte sie es nicht tun sollen. Das ist eines von über 17000 Geständnissen auf dem Internetportal Beichthaus.com. „Beichthaus ist für jeden Menschen gedacht, der anonym seine Seele reinigen möchte“, gibt der Gründer Robert Neuendorf an.

Pfarrer Martin Steiner von St. Georg aus Wasserburg bringt die humorige Beichte ebenfalls zum Lachen. Obwohl er dem Internet nicht besonders viel abgewinnen kann: Persönliche Begegnungen sind ihm wichtig, und diese biete das Internet nur in reduzierter Form. Trotzdem will er die Geständigen nicht verurteilen. Die virtuellen Beichten sind für ihn Ausdruck eines menschlichen Bedürfnisses: sich die Sorgen von der Seele zu reden. Sich zu offenbaren, befreie. „Man müsste die Leute mal fragen, was sie dabei empfinden“, sagt Steiner jedoch, denn ohne echte Reue, ist eine Beichte dem katholischen Glauben nach nutzlos.

„Die Echtheit der Reue besteht darin, einen guten Vorsatz zu haben“, erklärt Nikolaus Maier, Leiter der Gebetsstätte Wigratzbad. Zu diesem Vorsatz gehört, dass der Sünder Buße tut, sich entschuldigt, wieder in Ordnung bringt, was er getan hat und sich vornimmt, es zu unterlassen. „Mit dem Beichtstuhl ist es für den Katholiken nicht getan“, sagt Maier. Ob das alles im Beichthaus gegeben ist, bezweifelt er. Streng Katholisches hat Beichthausbetreiber Neuendorf gar nicht im Sinn: „Den Nutzern ist es selbst überlassen, ob sie mit dieser Beichte Gott um Vergebung bitten.“

Mit dem Aschermittwoch beginnt heute die 40-tägige österliche Fastenzeit. Traditioneller Grund für gläubige Katholiken, das Beichtsakrament zu empfangen. Denn nur wer frei von schweren Sünden ist, darf an Ostern zur Kommunion gehen. Direktor Maier erklärt, dass es tatsächlich sogar ein Gebot ist zu beichten, wenigstens einmal im Jahr. Wer nicht bekennt, begeht eine weitere Sünde. Ein anonymes Geständnis im Beichthaus ersetze nicht diese Pflicht.

Der Klick ist einfacher

Die Trends sind derweil gegenläufig: Immer weniger Menschen gehen zur Beichte in die Kirche. Sie ziehen den virtuellen Beichtstuhl vor. Laut Neuendorf gehen bei Beichthaus täglich durchschnittlich 300 Sünden ein. 50 davon werden veröffentlicht, nachdem die Einsendungen auf rassistische, pornografische, beleidigende oder erfundene Inhalte überprüft wurden. Häufigste Vergehen seien Fremdgehen, Ehebruch und Wollust, gefolgt von Diebstahl, Rache und Trunksucht.

Für das iPhone gibt es sogar eine richtige Beicht-App: „Amen ist eine gesegnete Applikation, mit der nicht nur Christen ihre Verfehlungen mobil bekennen und bereuen können“, heißt es in der Beschreibung. Wer daran glaubt, kann die App für 1,59 Euro kaufen. Hat der Sünder dann die beiden Felder „Vorsatz“ und „Reue“ angeklickt, darf er auf den großen Button am unteren Ende tippen: „Ich habe gesündigt und bereue.“ Selbsterklärend. Martin Steiner lacht, als er die App sieht und sagt: „Damit kann ich gar nichts anfangen.“ Aber man dürfe sich vor der neuen Technik auch nicht verschließen. So sei das eben heutzutage, wenn auch bedauerlich: In der Kirche teile der Pfarrer dem Beichtenden mit, dass seine Sünden vergeben seien, und lege ihm seine Hand auf, um das zu verdeutlichen. Eine App kann keine Hand auflegen.

Der Pfarrer schätzt, nur noch fünfmal monatlich die Absolution zu erteilen. Im Gegensatz zu früher, als der gesellschaftliche Druck die Gemeindemitglieder in den Beichtstuhl trieb, erlebe er die wenigen freiwilligen Bekenntnisse heutzutage als ehrlich und authentisch. Nikolaus Maier gibt zu, dass es Überwindung kostet, zur Beichte zu gehen. „Aber zu allem Großen muss man sich überwinden“, sagt er. Es sei ähnlich wie beim Sport: je öfters man trainiere, umso leichter fiele es einem. Wer sage „Ich bin halt so“, der habe sich aufgegeben. Diese Gefahr sieht er beim Beichthaus: dass sich die Menschen mit dem öffentlichen Bekenntnis allein zufrieden geben. Die Frage nach dem Sinn stellt er: „Wem nützt das? Den Voyeuren.“

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen