Ich bin nicht der Schmerz, unter dem ich leide

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Professor Stefan Büchi erklärt PRISM, ein grafisches Modell für die Lebensaspekte, die von einer Krankheit betroffen sind. (Foto: Katrin Seglitz)
Schwäbische Zeitung
Katrin Seglitz

„Resignation – Empörung – Zuversicht“ lautet das Thema der diesjährigen Tagung der Tiefenpsychologen. Bürgermeister Karl Schober begrüßte die Teilnehmer im Namen der Stadt Lindau und Verena Kast im Namen der Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie. Resignation definierte Kast als gefühlte Hilflosigkeit. In dem Moment, in dem wir uns empören, beginnen wir, aktiv zu werden. Manchmal verpufft Empörung, handlungsleitend wird sie dann, wenn sie mit Zuversicht verbunden ist – einer von Vertrauen getragenen Sicht auf die Zukunft.

In den kommenden Tagen wird das Thema umfassend und interdisziplinär beackert. Stefan Büchi hielt den Eröffnungsvortrag. Er ist Leiter des Kompetenzzentrums Psychosomatik an der Klinik Hohenegg. Büchi sprach über die „Herausforderungen chronischer Krankheiten: Von Chaos, Widerstand und Akzeptanz“ und begann mit einem Zitat: „Das Ziel der Medizin ist es, zu heilen und – wo das nicht möglich ist – Leiden zu lindern.“ Das Erstaunliche sei, so Büchi, dass in Medizin und Psychologie zwar viel von Schmerzen die Rede sei, aber wenig von Leiden. Obwohl „Leiden“ im Internet ein häufig gesuchtes Stichwort ist.

Für Büchi ist Leiden ein Zustand tiefgreifender Verunsicherung. Er hat ein grafisches System entwickelt, mit dessen Hilfe sich erkennen lässt, welche Aspekte das Leiden für einen Menschen hat. Er nennt es PRISM, Abkürzung für Pictorial Representation of Illness and Self Measure.

Auf einer weißen Tafel befindet sich in der rechten unteren Ecke ein gelber Kreis, der für das Selbst steht. Und dann gibt es noch andersfarbige Kreise, die beweglich sind. Ein roter Kreis steht für die Krankheit. Je näher der rote Kreis an den gelben heranrückt, desto höher ist der Leidensdruck. Die anderen Farbkreise sind Stellvertreter für Familie, Freunde, Beruf und andere Faktoren. PRISM ist ein einfaches Mittel, so Büchi, um mit den Patienten ein Bild der Bedeutung einer Krankheit zu erarbeiten.

Er unterscheidet verschiedene Phasen in der Auseinandersetzung mit einer chronischen Krankheit. Die erste Reaktion ist in der Regel ein Gefühl von Überforderung und Chaos. Es folgen Abwehr und Widerstand. Die Patienten fragen sich: Warum gerade ich? Mit der Zeit jedoch verändert sich die Haltung. Akzeptanz nennt Büchi die Zauberschwelle des gelingenden Umgangs mit chronischer Krankheit. Er spricht von aktiver Resignation, wenn der Kampf gegen die Krankheit aufgegeben und begonnen wird, nach Wegen zu suchen, mit der Krankheit zu leben.

PRISM habe sich immer wieder als hilfreiches Diagnoseinstrument bewährt, so Büchi. Er berichtete von einem Patienten, der wegen Rückenschmerzen in die Klinik kam. Als er erfuhr, dass der Grund Metastasen eines Prostatakarzinoms waren, hielt er die Schmerzen kaum noch aus. In seinem Leiden aktualisierten sich vergangene Kränkungen und Zurücksetzungen. Das grafische Modell PRISM ermöglichte, genauer zu unterscheiden, welche Aspekte in seiner Leidenssituation wirksam waren. Die einen konnten somatisch behandelt werden, die anderen psychotherapeutisch.

Die Angehörigen spielen eine wichtige Rolle in der Akzeptanz einer chronischen Krankheit. Auch sie bedürfen der Unterstützung. Man habe festgestellt, dass die Symptombelastung bei Angehörigen oft höher ist als bei den Betroffenen. Grundsätzlich gelte: Jeder Krankheitsverlauf ist anders. Oft sei Begleitung wichtiger als Beratung.

Es gibt Schmerzen, die lassen wenig Raum für anderes. Man kann sich identifizieren mit Leiden, so Büchi. Man könne aber auch versuchen, sich zu desidentifizieren. Es könne erleichternd sein, wenn man sich klar mache: „Ich bin nicht die Krankheit, unter der ich leide.“ Er schloss mit einem Zitat von Erasmus von Rotterdam: „Der Kern des Glücks ist, der sein zu wollen, der du bist.“ Er fügte hinzu: „Trotz deiner Probleme – und mit deinem Schatten.“

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