„Ich bin heute sehr stolz auf Wir helfen“

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Sie hat mit der LZ.-Bürgeraktion Wir helfen eine Erfolgsgeschichte angestoßen: die frühere Sozialarbeiterin der Lindauer Sozial
Sie hat mit der LZ.-Bürgeraktion Wir helfen eine Erfolgsgeschichte angestoßen: die frühere Sozialarbeiterin der Lindauer Sozialstation, Uschi Krieger. (Foto: Evi Eck-Gedler)

Ein Gespräch auf dem Wochenmarkt hat den Grundstein gelegt für eine in Lindau und Umgebung sehr wichtige Hilfsaktion: Weil die Sozialarbeiterin Uschi Krieger Familien und Rentnern in Not helfen wollte, spricht sie im Spätsommer 1993 beim Samstagseinkauf LZ-Redakteur Michael Urbanzyk an. Zusammen haben die beiden kurze Zeit später die LZ-Bürgeraktion Wir helfen ins Leben gerufen. Heute, 25 Jahre später, zieht die frühere Stadt- und Kreisrätin Krieger Bilanz: „Ich bin heute sehr stolz auf Wir helfen und die Akteure, die diese Bürgeraktion tragen.“

Wenn Uschi Krieger an die Anfänge der Aktion Wir helfen denkt, dann blendet sie weit zurück, bis ins Jahr 1975: Da hat sie als junge Sozialarbeiterin bei der Lindauer Sozialstation angefangen. Nebenbei engagierte sie sich im Reutiner Altenclub – „daraus ist die Sozialberatung der Sozialstation entstanden”, schildert die heute 74-Jährige. Denn Sozialdienste habe es zu der Zeit nur im Gesundheits- und im Jugendamt gegeben. Auch freie Träger hätten dieses Aufgabenfeld erst etwas später aufgenommen.

Vor diesem Hintergrund habe sie anfangs bei der Sozialstation ein breites Spektrum an Aufgaben gehabt: Das reichte nach Kriegers Worten von Mütterkuren über die Betreuung Suchtkranker bis eben zur Altenarbeit. Bei all diesen Menschen merkte die Sozialarbeiterin immer wieder: „Es gibt in Lindau zahlreiche Menschen, die in Not leben, die sich selbst einfache Dinge nicht leisten können.”

Krieger kümmert sich um Rentner, Familien und Alleinerziehende mit Kindern „in absoluter Notlage”. Auf dem Wochenmarkt kommt sie mit dem damaligen LZ-Redakteur Michael Urbanzyk ins Gespräch: „Er ist betroffen gewesen – und beschloss zu helfen.” So heben die beiden im Herbst 1993 Wir helfen aus der Taufe.

Urbanzyk habe unter anderem seine Kontakte in die Lindauer Wirtschaft genutzt, schildert Krieger. „Und er holte mit Anneliese Spangehl und Georg Jäger zwei über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Persönlichkeiten ins Boot.” Die inzwischen pensionierte Rektorin und frühere stellvertretende Landrätin Spangehl engagiert sich bis heute für die LZ-Bürgeraktion.

„Menschen auch einmal eine Freude machen”

Neben den absoluten Notlagen verfolgen die Sozialarbeiterin und der LZ-Redakteur in den 90er-Jahren noch ein zweites Ziel: Sie wollen Menschen in bescheidenen Verhältnissen „auch einmal eine Freude machen”, wie es Krieger formuliert: „Senioren, Alleinerziehende und Familien sollten sich einen Wunsch außerhalb des Alltags erfüllen können.” Das kann ein Ausflug mit den Kindern sein, für den das Familienbudget zu schmal ist, oder eine Fußpflege, die mit knapper Rente nicht zu bezahlen ist.

Schon vor 25 Jahren sei schnell klar geworden: „Es gibt in der direkten Nachbarschaft viel mehr unverschuldete Not, als sich mancher vorstellen kann”, schildert Krieger. So seien hohe Nachzahlungen für Strom und Gas immer ein Problem gewesen. „Wir wollten aber die Menschen nicht aus der Verantwortung lassen”, macht die frühere Sozialarbeiterin deutlich: Die Bürgeraktion zahle – damals wie heute – nur einen Teil der offenen Schulden, den Rest müssten die Betroffenen selbst aufbringen.

Denn insbesondere in den Anfangsjahren muss das Wir-helfen-Team selbst auch sorgsam haushalten: „Unsere Budget war damals klein, die Aktion noch nicht so bekannt.” Anfangs sei nur durch die von Urbanzyk und dem LZ-Team organisierten Konzerte und Gala-Abende Geld in die Wir-helfen-Kasse gekommen. Erst im Laufe der Jahre hätten die Lindauer Firmen und Unternehmen damit begonnen, die Bürgeraktion Wir helfen mit Spenden zu bedenken. Parallel nutzt Krieger ihre Kontakte, die sie als Stadt- und Kreisrätin knüpfen kann. Auch Stadt und Landkreis unterstützen Wir helfen: „Die Behörden sind immer froh gewesen, dass wir in Notfällen schnell und unkompliziert Überbrückungshilfe leisten”, sagt Krieger. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn nicht Bürger, Vereine und Firmen in den vergangenen 25 Jahren fast 900 000 Euro für Wir helfen gespendet hätten.

„Die Anträge müssen professionell geprüft werden”

Allerdings musste das Team in den ersten Jahren erleben, dass der ein oder andere dieses System auch auszunutzen versuchte. Als sich zeigte, dass einzelne Antragsteller doch gar nicht so bedürftig waren wie sie angegeben hatten, sei klar geworden: „Die Anträge müssen professionell geprüft werden.” Das habe das ehrenamtlich engagierte Wir-helfen-Team allerdings nicht leisten können.

Deshalb sprechen Krieger und Spangehl mit der Caritas: Deren Mitarbeiterin Barbara Göhl nimmt lange Jahre den finanziellen Hintergrund der Wir-helfen-Antragsteller genau unter die Lupe. Erst danach gibt es Geld von Wir helfen. Und Krieger ist froh, dass die Caritas diese wichtige Aufgabe noch heute übernimmt. Nur wenn Behörden wie Landratsamt, Stadt oder Jobcenter die Bürgeraktion einschalten, nachdem sie die Situation eines Menschen schon geprüft haben, gibt es direkt Hilfe von der Bürgeraktion.

Krieger hat ihren Teil der Arbeit vor vier Jahren an ihre Nachfolgerin, die heutige stellvertretende Landrätin Barbara Krämer-Kubas, abgegeben. Aber noch immer ist die Bürgeraktion ein wichtiger Teil ihres Lebens. Von dem sie heute sagt: „Ich bin sehr stolz auf Wir helfen und die Akteure, die diese Aktion tragen.”

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