Historischer Garten erwacht aus Dornröschenschlaf

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Isabel Kubeth de Placido

Jede Menge Lavendel, Rosen, Storchschnabel und sogar zwei Palmen samt blühenden Stauden hat ein sechsköpfiges Team der Lebenshilfe zusammen mit 15 Mitgliedern des Fördervereins Gartendenkmal Lindenhofpark gepflanzt. Gemeinsam wollen sie die rekonstruierte Gartenanlage in eine Augenweide verwandeln.

Bereits an zwei Tagen im Juni waren die Helfer aktiv und es wird sicher noch ein Weilchen dauern, bis die kleinen Pflänzchen zu stattlichen Pflanzen herangewachsen sind. Monika Illerhaus von der Lebenshilfe lIndau ist überzeugt: „Es wird eine Augenweide werden.“ Sie lässt den Blick über die Gartenanlage mit ihren Beeten, Brunnen, Bögen, Wegen und Treppenstufen schweifen.

Marigret Brass-Kästl schwört Bilder von Müttern herauf, die am Brunnenrand oder auf den Treppenstufen sitzen. Kinder plantschen im Wasser oder spielen Fangen auf der Wiese. Die Vorsitzende des Fördervereins Gartendenkmal Lindenhof und Gruber-Nachfahrin zeigt großformatige Kopien sepiafarbener Fotografien aus den beiden letzten Jahrhunderten, bei denen ihre Vorfahren durch den Ökonomiegarten der Villa Lindenhof lustwandeln.

Den Nutzgarten hatte der Gartenkünstler Maximilian Friedrich Weyhe zwischen 1842 und 1845 geplant, als er im Auftrag des Kaufmanns Friedrich Gruber, das aus dem vormals aus zahlreichen kleineren Reb- und Obstgärten bestehende Gelände in eine Parklandschaft im sogenannten „gemischten Stil“ verwandelte. Der Ökonomiegarten bildete einen Teil davon und war in kleinere Flächen unterteilt. Durch diesen und um ihn herum führte ein Wegenetz.

Ein prächtiger, mit Rosenstöcken und Weinreben der Lindauer blauen Rebsorte „Amerikanertraube“, bewachsener Laubengang verlief von Ost nach West. Ein Spring- und ein Laufbrunnen markierten seinen Anfang und sein Ende. Treppenstufen führten zu den Gewächshäusern, die an der oberer Längsseite lagen. Die Eigentümer ließen bereits 1925 die Gewächshäuser abreißen und die Stadt löste den Nutzgarten 1960 auf.

Was blieb war seine Struktur. Überwuchert von Gras seien die Fundamente des Wegenetzes zumindest bei Schnee oder vom Flugzeug aus immer zu sehen gewesen, erzählt Brass-Kästl: „Von 1960 bis 2014 hat der Garten geschlummert.“ Solange bis ihn der Förderverein wieder aus dem Dornröschenschlaf küsste und jede Menge Anstrengungen unternahm, um ihn für die Lindauer und ihre Gäste zu rekonstruieren.

Mit der Kooperation der Lebenshilfe ist zudem ein sozialer Aspekt hinzu gekommen. „Der ist uns sehr wichtig geworden, auch wenn die Förderungen mittlerweile nicht mehr unter ,soziale Projekte’, sondern unter ,Tourismus’ laufen“, sagt Brass-Kästl. Illerhaus wiederum betont, wie gerne die Lebenshilfe ihr Engagement für dieses Projekt einbringe. „Wir werden von Lindau und dem Landkreis immer sehr unterstützt. Da geben wir gerne etwas zurück.“

Dann erzählt sie, dass die Lebenshilfe ihren Arbeitsschwerpunkt bisher eher in der Werkstattarbeit gehabt habe. Trotzdem hätten die sechs Mitarbeiter, die unter der fachlichen Anleitung von Maximilian Hornung vom Büro Wiegel Landschaftsarchitektur aus Bamberg und Udo Frank von der Lindauer Stadtgärtnerei, das Pflanzen übernommen hatten, diese neue Aufgabe bestens gemeistert.

Sie hätten auch viel Freude dabei gehabt an diesem besonderen Ort mit seinem wunderbaren Ambiente, arbeiten zu dürfen. „Für unsere Leute ist das schön“, sagt Illerhaus. Dazu trage auch die Wertschätzung der Leute bei, die die Beete bewundern. „Das bürgerschaftliche Engagement ist groß“, stellt Brass-Kästl fest. Allein 15 Mitglieder des Vereins hätten bei der Pflanzaktion angepackt. Sie lädt alle anderen Gartenliebhaber aus Lindau dazu ein, mitzugestalten.

Die beiden nördlichen Flächen sind mit einer Grundbepflanzung bestückt, der im Herbst Rosenstöcke folgen. Im südlichen Bereich sei vorerst nur Wiese vorgesehen. „Die Leute sollen sagen: Das ist unser Garten“, wünscht sich Brass-Kästl. Insbesondere angesichts einzelner Kritik der vergangenen Jahre. Sie sieht im Nebeneinander von Garten und Freizeitverhalten von Parkbesuchern und des Bads keinen Widerspruch. „Es wird doch niemandem etwas weggenommen, sondern etwas dazu geschenkt“, sagt Illerhaus.

Damit die Gartenanlage bis spätestens zur Gartenschau ein Hingucker wird, werden im Herbst, als abschließende Aktion der Wiederherstellung, die Bögen des Laubengangs bepflanzt. Und zwar mit eben jener Weinrebe, die den Weg schon immer beschattete: Mit der „Amerikanertraube“. Der originalen sogar. Denn bevor der Garten 1960 aufgelöst wurde, hatte sich Brass-Kästl einen Ableger an ihr Haus gepflanzt.

Winzer Haug habe davon jede Menge Ruten geschnitten und jene Jungpflanzen gewonnen, die die Mitglieder des Vereins pflanzen werden. „Dann wächst die alte Rebe wieder an ihrem ursprünglichen Ort.“

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