„Hier kann man wirklich versinken“

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 Das Leitungsteam der Friedensräume freut sich über den neu bestückten „Hörraum“ (von links): Barbara Stoller, Elisabeth Schedle
Das Leitungsteam der Friedensräume freut sich über den neu bestückten „Hörraum“ (von links): Barbara Stoller, Elisabeth Schedler, Waltraud Bube, Gertrud Fersch, Cornelia Speth und Christian Artner-Schedler. (Foto: isa)
Isabel de Placido

Wenn schon in diesem Jahr das längst schon fertig vorbereitete und prall gefüllte Veranstaltungsprogramm coronabedingt abgesagt werden musste und auch erst mal weiterhin ausfallen wird – eines freut das Friedensräumeteam umso mehr: Dass die Friedensräume seit Montag wieder geöffnet haben und dass damit jetzt wenigstens der neu bestückte Hörraum zugänglich ist.

„Das Programm ist bis Ende August gecancelt“, sagt Friedensräumekoordinatorin Cornelia Speth der LZ Reporterin gleich zu Beginn jenes Gespräches, das eigentlich bereits vor drei Monaten hätte stattfinden sollen. Jedes Jahr im März treffen sich nämlich die Mitglieder des Leitungsteams mit der Journalistin, um das Programm für die neue Saison vorzustellen und die Highlights hervorzuheben. Doch weil kurz vor dem Termin der Lockdown wegen der Corona-Pandemie verhängt wurde, wurde nichts daraus. Weder mit dem Gespräch, noch mit dem Programm.

Und dass es mit den Lockerungen gleichzeitig auch mit dem Programm losgeht, ist nicht vorgesehen. Denn: „Wir können hier einfach nicht die Abstände einhalten“, nennt Christian Artner-Schedler den Grund und erklärt, dass etwa die Vorträge, die ja einen Großteil der Veranstaltungen ausmachen, im Salon der Friedensräume stattfinden. Weil der Salon aber klein ist und zwischen jedem Stuhl der vorgeschriebene Abstand einzuhalten ist, wäre die Teilnehmerzahl dann doch recht überschaubar. Ausfallen wird zudem auch der „interreligiöse Friedenslauf“ samt pädagogischem Begleitprogramm im Juli, bei dem jedes Jahr Hunderte Kinder und Jugendliche für den Frieden um den kleinen See laufen. Und obwohl die „Sommerserenade“ eine Veranstaltung ist, die traditionell immer auf der Freitreppe der Lindenhofvilla und damit draußen stattfindet, müssen auch die „Töne und Texte“ ausfallen. Allein schon aus dem ganz pragmatischen Grund, den Gertrud Fersch, ebenfalls Mitglied des Leitungsteams und gleichzeitig auch eine der Sänger des Orthausquartetts, nennt: „Die Musiker dürfen ja nicht üben.“

Doch damit genug der schlechten Nachrichten. Zwar ist noch nicht gewiss, was ab September möglich sein wird, aber zumindest ziemlich wahrscheinlich wird die geplante große Kundgebung am Hafen stattfinden. Am 21. September wird dann auf der Hafenpromenade und im Rahmen der bundesweiten Kampagne „Aktion-Aufschrei-Stoppt den Waffenhandel“ die Kunstaktion mit Performance „Game over „Eiserner Waffenthron““ auf die Problematik von Rüstungsexporten aus Deutschland aufmerksam machen.

Aber die beste Nachricht ist, dass die Räumlichkeiten der Friedensräume seit ein paar Tagen und dank ausgetüffeltem Hygienekonzept wieder geöffnet haben. Und dass sich aus dem 49-köpfigen Pool an ehrenamtlichen Mitarbeitern 29 bereit erklärt haben, die Aufsicht an den Öffnungstagen zu führen, freut das Leitungsteam besonders. „Das ist bemerkenswert, denn die meisten haben sich gemeldet, obwohl sie der Risikogruppe angehören“, betont Cornelia Speth und freut sich insbesondere auch darüber, dass sich trotz Corona-Zeit sogar fünf neue Mitglieder gefunden haben, die sich gleich schon bei den Aufsichten engagieren wollen.

Und besonders freut das ganze Team, dass die Friedensräume ihren Besuchern heuer wenigstens und als Highlight etwas Neues zeigen können. Ganz neu ist der sogenannte „Hörraum“, in dem sich der Frieden mit dem Sinnesorgan „Ohr“ erleben lässt, zwar nicht. Bereits seit 2001 ist er Bestandteil des interaktiven Museums, das darüber hinaus auch die Sinne „sehen“ und „fühlen“ anspricht. Schon damals hat ihn die aus Bregenz stammende und heute in Münster lebende Musikwissenschaftlerin Mirijam Streibl konzipiert. Jetzt hat sie ihn komplett mit neuen Inhalten ausgestattet und mit zahlreichen neuen Texten, Liedern verschiedener Musikgenres und Gedichten versehen, damit die Besucher dem Frieden auf ganz verschiedene Weise hörend begegnen und in eine eigene Auseinandersetzung gehen. An sieben verschiedenen Stationen können die Besucher Hörbeispiele zu sieben verschiedenen Themen anhören. So beschäftigen sich vier Stationen mit „Gerechtigkeit“, „Erde“, „No Borders“ und „Friede“. Eine fünfte Station widmet sich komplett dem Friedensräume-Hauptthema, nämlich dem israelisch-palästinensischen Konflikt.

Die sechste Station mit mehreren Kopfhörern wendet sich an Jugendliche, indem sie etwa mit dem Hit „Liegen ist Frieden“ einen etwas anderen Friedensaktionismus vorschlägt oder Greta Thunbergs Rede „Wake up“ einspielt. Wurde die Jugendstation erweitert, so haben die Kinder nun eine ganze Station für sich bekommen. Ein Hörwürfel, den die Kinder mit einer Figur steuern, erzählt Geschichten von fremden Ländern und außergewöhnlichen Freundschaften und singt alte Kinderlieder. Doch nicht nur alle Inhalte, auch die Technik und die Kopfhörer sind neu. Und die extra dafür bereit stehenden Desinfektionsmittel sowieso.

„Inspiration und Denkanstöße, die über die Musik das Herz treffen, sind das Besondere an diesem Raum“, fasst Mirijam Streibl zusammen, die über Telefon in die Friedensräume zugeschaltet ist. „Hier kann man wirklich versinken“, findet Cornelia Speth und Barbara Stoller bestätigt, dass das Zusammenspiel von Hörraum und gleichzeitigem Blick in das Grün der Bäume des Parks die zum Ort passende, „richtige Friedensstimmung“ aufkommen lassen.

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