Hier darf jeder in die Tasten hauen

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„Jetzt machen wir mal was Modernes“: Sebastian Reisch aus Feldkirch spielt am Lindauer Hafen „Mad World“. Groß und Klein finden
„Jetzt machen wir mal was Modernes“: Sebastian Reisch aus Feldkirch spielt am Lindauer Hafen „Mad World“. Groß und Klein finden das Freiluftklavier klasse. Im Gitarrenkoffer sammeln die Initiatoren Geld für Musikprojekte mit Flüchtlingen. (Foto: Katrin Neef)
Schwäbische Zeitung

Unter freiem Himmel Klavier spielen: Beim „Open Piano for Refugees“ am Lindauer Hafen sind noch bis Sonntag alle eingeladen, in die Tasten zu hauen. Mit dem Projekt wollen die Initiatoren Leute durch Musik zusammenbringen. Mit den gesammelten Spenden finanzieren sie außerdem Musikprojekte für Flüchtlinge.

„Die spielen total schön“, sagt Laura Wolfbauer aus Weiler. „Und wir haben sogar schon einen Musikwunsch erfüllt bekommen.“ Zusammen mit einer Freundin macht sie einen Ausflug nach Lindau und ist am Hafen an dem Klavier gestrandet, das neben der Eilguthalle beim Leuchtturm auf dem Kies steht. Zwei junge Männer spielen gerade vierhändig. Geht ein Ton daneben, sagen sie sich gegenseitig lachend die Tonart an. Auch die Zuhörer rundum nehmen die Improvisation nicht übel. Als die beiden fertig sind, klatschen sie Beifall.

„Die Atmosphäre ist traumhaft“

Um perfekte Kunst geht es nicht an diesem Klavier, das im Freien steht. „Jeder darf spielen, die Leute sollen hier zusammenkommen, ins Gespräch kommen, gemeinsam Musik machen“, sagt Florian Palatz. Er betreut die Aktion, die sich „Open Piano for Refugees“ nennt. Was Flüchtlinge mit den Freiluft-Konzerten zu tun haben, erklärt er so: „Musik verbindet. Wir wollen einerseits Begegnung hier vor Ort fördern, außerdem sammeln wir Spenden, mit denen zum Beispiel Instrumente für Flüchtlingen gekauft werden.“ Auch die Klaviere werden an den verschiedenen Standorten „gespendet“: Klavierbauer stellen sie für die Aktion kostenlos zur Verfügung.

Florian Palatz ist selbst erst vor zwei Wochen in Bregenz auf das „Open Piano“ gestoßen, als das Klavier in der österreichischen Nachbarstadt stand. „Ich bin mit meiner Freundin gerade auf Europatour, und wir haben beschlossen, eine Weile beim Projekt mitzumachen“, erzählt er. Ins Leben gerufen haben die Aktion die beiden in Wien lebenden Vorarlberger Nico Schwendinger und Udo Felizeter.

Und noch jemand ist aus Österreich nach Lindau gekommen: Sebastian, ein junger Mann im grünen T-Shirt, setzt sich auf den Klavierhocker und stimmt „Mad World“ an. Applaus ist auch ihm sicher. „Ich hab schon in Bregenz auf dem Klavier gespielt und dachte, ich komme nach Lindau und spiele nochmal“, sagt der 22-Jährige Feldkircher. Musik macht er seit knapp zehn Jahren, doch Publikum hat er selten. „Es ist schön, für die Leute hier zu spielen, und die Atmosphäre am See ist traumhaft.“

Einer, der Sebastians Konzert beklatscht hat, ist Ulrich Block. Der Lindauer wollte eigentlich nur kurz Pause machen und etwas trinken. Doch jetzt verfolgt er gebannt das Geschehen am Piano. „Das ist genial, ich bin selbst Musiker“, sagt er. „Ich würd’ auch gern spielen, aber ich trau mich nicht ran, Klavier kann ich nicht so gut.“ Dafür reift eine andere Idee: „Ich bin Schlagzeuger und mach Percussion, am liebsten würd’ ich sofort meine Instrumente holen und die Klavierspieler begleiten.“ Florian Palatz hört das und steigt sofort ein: Ja, klar, das machen wir!“ Die beiden Männer verabreden sich für den nächsten Tag.

Begeistert ist Ulrich Block aber nicht nur vom Musizieren. Auch die Idee hinter dem Freiluftklavier findet er unterstützenswert: „Unter den Flüchtlingen gibt es jede Menge guter Musiker. Die können bei den Musikprojekten zeigen, was sie können.“ Das gebe den Außenstehenden einen anderen Blickwinkel auf die Geflüchteten, ist sich Block sicher. „Und außerdem ist es gut für den Stressabbau. Diese Leute kommen ja oft aus Ländern, in denen Krieg herrscht.“ Dann eilt er nach Hause, um seine Trommeln einzupacken.

Das „Open Piano“ reist nach dem Wochenende weiter nach Wien.

Das „Open Piano for Refugees“ steht noch den ganzen Samstag und den ganzen Sonntag, 27. und 28. August, am Hafen neben der Eilguthalle beim Leuchtturm. Jeder ist eingeladen, zu spielen oder zuzuhören.

Wie es klingt, wenn Sebastian „Mad World“ auf dem Freiluftklavier anstimmt, kann man im Video erleben, unter www.schwaebische.de/lindau

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