Herkunft des jüdischen Namens Lindauer

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Neogotisch verzierter Grabstein des Salomon Lindauer (1832 – 1905) auf dem jüdischen Friedhof in Buttenhausen im Jahre 2011. De
Neogotisch verzierter Grabstein des Salomon Lindauer (1832 – 1905) auf dem jüdischen Friedhof in Buttenhausen im Jahre 2011. Dessen Söhne gründeten 1910 die Zigarrenfabrik S. Lindauer. (Foto: Schweizer)

Der Europäische Tag der jüdischen Kultur wird am Sonntag, 3. September, begangen. Er steht dieses Jahr unter dem Motto der jüdischen Diaspora. Dass jüdische Familien im 19. Jahrhundert häufig ihren Herkunftsort als Familiennamen übernahmen ist bekannt, dass es seit knapp 200 Jahren auch eine weit verzweigte schwäbisch-jüdische Familie Lindauer gibt, weniger.

Wer den gut erhaltenen, gepflegten jüdischen Friedhof des Dorfes Buttenhausen in der Schwäbischen Alb unweit von Münsingen betritt, trifft auf Grabsteine der Familie Lindauer. Darunter sind jene von Simon Lindauer, von Salomon Lindauer (1832 bis 1905), Sara Veni, geborene Lindauer, Karoline Lindauer (1845 bis 1933). Außerdem gibt es Gräber der beiden, durch den NS-Terror zum Selbstmord getriebenen, Moritz (1874 bis 1942) und Elisabeth Lindauer (1880 bis 1942). Sie mussten damals heimlich bestattet werden.

Dem jüdischen Talmud entsprechend soll den Toten im Gegensatz zur Vergänglichkeit der eigenen Körper die Unversehrtheit ihrer irdischen Gräber auf Ewigkeit gewährt werden. Mit der Judenemanzipation im 19. Jahrhundert deutschten viele Familien ihre hebräischen Namen ein. Die Grabsteine wurden auf Hebräisch und Deutsch beschriftet, zu Beginn des 20. Jahrhunderts öfter nur noch deutsch.

Wie kam es zum Namen Lindauer im rund 150 Kilometer entfernten Buttenhausen? 1777 erließ Freiherr von Liebenstein als Territorialherr zuerst in seiner Herrschaft Jebenhausen bei Göttingen einen „Judenschutzbrief“, welcher jüdischen Menschen das Recht gab, sich an zugewiesenen Orten niederzulassen. Sie unterstanden dem Schutz des Herren und hatten durch Abgaben dessen Finanzen aufzubessern. Dies lief so erfolgreich, dass von Liebenstein einen Schutzbrief 1787 für die Herrschaft Buttenhausen erließ.

Die Familie des 1759 in Hohenems geborenen Salomon Manasse kam Ende des 19. Jahrhunderts zu Fuß über Jebenhausen als eine der ersten jüdischen Familien nach Buttenhausen, begründete die Familientradition der Lindauer. Salomon starb dort 1817. Durch Napoleons Gnaden hatte der württembergische Kurfürst Friedrich 1806 den Titel eines Königs und Territorien des Freiherrn von Liebenstein für sein Königreich erhalten. Die Regelungen der bisherigen „Schutzbriefe“ wurde aufgehoben, durch „Judenordnungen“ ersetzt, im neuen Königreich Bayern 1813. Das Königreich Württemberg regelte dies zwischen 1808 und 1828. Ab 1828 beispielsweise mussten jüdische Familien Württembergs deutsche Namen annehmen. Simon Manasse (1799 bis 1872) entschied sich den Namen der Stadt anzunehmen, in der sein Vater erstmals deutschen Boden betrat. Dies war Lindau.

Es entwickelte sich in Buttenhausen mit eingeheirateten Frauen der Familien Bernheimer, Österreicher, Kahn und Lang ein verzweigter Familienstammbaum der Lindauer mit heutigen Familien bis in die USA. Überregional am bekanntesten wurde die Buttenhausener Zigarrenfabrik S. Lindauer, gegründet 1910 durch die Brüder Karl, Max und Moritz Lindauer. Sie wurde für christliche und jüdische Arbeiter und Angestellte Buttenhausens zur Arbeitsmöglichkeit und existierte bis 1928. 1910 waren 40 Prozent der Menschen Buttenhausens jüdischen Glaubens mit einen Anteil am Steueraufkommen von 64 Prozent.

Heute können in Buttenhausen der jüdische Friedhof, die Schule, das rituelle Mikwe-Bad, Häuser jüdischer Menschen besichtigt werden.

Informationen sind online unter

www.muensingen.de/museum

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