Heinz Erhardt klingt auf Schwäbisch gleich viel harmonischer

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Hat vermutlich nur vergessen, sich zu rasieren: Bernd Gnann.
Hat vermutlich nur vergessen, sich zu rasieren: Bernd Gnann. (Foto: cf)
Christian Flemming

Der Schauspieler und Kabarettist Bernd Gnann hat dem Publikum im Lindauer Zeughaus einen hinreißenden Abend beschert. Einziger bitterer Beigeschmack: Die Vorstellung hätte ein paar mehr Zuschauer verdient gehabt.

Wer sich an dem Abend Zeit nahm, erlebte einen Abend, der zwar als Heinz-Erhardt-Abend irgendwie tituliert war, aber von echter und inszenierter Spontaneität erfüllt jeden mitriss. Die Erhardt-Gedichte wurden nebenbei eingestreut.

Kurz nach acht kam Gnann eilig zum Eingang des Zeughauses herein, mit Videokamera und Möhren unterm Arm, während der Gitarrist, von Gnann – „Igor, den habt ihr doch sicher vorhin unten am Hafen als Straßenmusiker gesehen, den hab ich halt mal mitgenommen“ – in die Saiten greift. Ein paar von den Möhren verteilte Gnann im Publikum und lernte so einige Frauen gleich namentlich kennen, Namen, die er den ganzen Abend nicht mehr vergessen sollte und ins Programm einbaute. Ebenso die Möhren, von denen alsbald ein jeder eine in der Hand hielt. Beim Lied über Horst den Hahn, das erste Tier, das nach Aufgabe der Viehhaltung auf dem heimischen Bauernhof geschlachtet wird, durften alle kollektiv und herzhaft in die Möhre beißen, dass es knackt – und schon hörten alle das knackende Geräusch des gebrochenen Halses des armen Federviehs. Das lässt auf eine derbere Art Humor schließen und trifft das auch im Kern. Der Schwabe als solcher ist da nicht übertrieben zart besaitet, aber das kennen die Lindauer auch von Jockel Tschiersch oder von bayerischen Kollegen wie Gerhard Polt, den diversen Gruppierungen der Well-Familie und anderen. Und auch Bernd Gnann versteht es prächtig, einerseits badische Witze über den Sauschwoben vorzulesen, sodass sich die Zuhörer vorsichtshalber den Bauch halten, um gleich darauf ein Heinz-Erhardt-Gedicht folgen zu lassen.

Gnann ist ausgebildeter Schauspieler, der eine fundierte Stimmbildung genossen haben muss, denn er weiß hervorragend mit seiner Stimme umzugehen, selbst beim Singen. Es ist müßig, hier das Programm aufzuzählen. Wer es erlebt hat, hat einen enormen Informationsvorsprung vor all denen, die nicht gekommen sind und daher nicht wissen, wie harmonisch Heinz-Erhardt-Werke mit Schwäbisch harmonieren, dass „Igor“, der eigentlich Georg Stankalla heißt, der Cousin von Gnann ist und nach Jahren erstmalig wieder mit von der Partie war.

Amüsante Interviews

Vor der Pause dann die Auflösung, warum Bernd Gnann zu Beginn mit der Kamera unterm Arm hereinkam. Ungefähr eine halbe Stunde vor Beginn seines Auftritts war Gnann auf der Insel unterwegs und filmte Interviews mit Passanten, Einheimischen und Touristen. Das Resultat, ungeschnitten und unbearbeitet, war köstlich. Gnann, der neben seiner Schauspielerei und seinen Kabarettauftritten derzeit das Kammertheater in Karlsruhe leitet, hielt nach seiner letzten Zugabe, einer umwerfenden Parodie auf Schlager, Playback und dessen Tücken als Mireille Mathieu verkleidet, einen flammenden Appell ans Publikum, das Zeughaus künftig richtig zu füllen, den Verein und seine Arbeit dadurch zu unterstützen: „Macht das Zeughaus bekannter“, rief er von der Bühne und erinnerte an das Interview mit den zwei jugendlichen Mädchen aus Lindau, die vom Zeughaus noch nie etwas gehört hatten. So etwas dürfe nie mehr passieren. Es sollte auch nie mehr passieren, wenn Bernd Gnann nach Lindau kommt, dass das Zeughaus nur knapp zur Hälfte gefüllt ist.

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