Hedwig Strauß und Maria Jeck ziehen 1952 als erste Frauen in den Lindauer Stadtrat ein

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Karl Schweizer

Bei der Wiedergründung der Parteien nach dem NS-Regime ab Dezember 1945 waren Frauen immer noch nur Ausnahmeerscheinungen auch in der Lindauer Lokalpolitik. In der Christlich Demokratischen Partei CDP, der späteren CSU, befand sich unter den Gründungsmitgliedern keine Frau. Bei der Demokratischen Volkspartei DVP, der späteren FDP, war Clara Speer unter den Gründungsmitgliedern. Den Anmeldebrief unterschrieb als einzige Frau Helene Speer. Bei den beiden Arbeiterparteien war es in der Sozialdemokratischen Partei SPD Maria Sedlmeier, welche zu den Gründungsmitgliedern zählte. Bei der Kommunistischen Partei Deutschlands KPD, gehörte Johanna Glöckler als Kassiererin zum ersten örtlichen Parteivorstand.

Zur ersten freien Wahl der Gemeinderäte, dem heutigen Stadtrat, im September 1946, stellten die CDP und die SPD keine Frauen als Kandidatinnen auf. Für die DVP kandidierte als einzige Frau neben sieben Männern Clara Speer. Für die KPD war Rosa Baßmann die einzige Frau neben fünf kandidierenden Männern. Gewählt aber wurden nur Männer. Zu den einen Monat später stattfindenden Kreistagswahlen stellten von jeweils 20 möglichen Listenplätzen nur die DVP mit Klara Speer, die SPD mit Maria Sedlmeier und die KPD mit Fanni Huber wenigstens einer Frau einen Listenplatz zur Verfügung. Gewählt wurde wiederum keine.

Auf die 20 Sitze bei den Stadtratswahlen von 1948 kandidierten bei der CSU als erste Frau Bärbel Menge, für die DVP Elisabeth Abler und Renate Klein, für die KPD Barbara Lehr und Margarethe Böck, für die Überparteiliche Liste Margarete Kaufmann, für die Bayernpartei keine Frau und für die SPD Hedwig Strauß, welche zwar 3676 Stimmen erhielt, aber wie alle anderen Kandidatinnen auch, nicht in den Stadtrat kam.

Die ersten Erfolge bei Wahlen

Erst bei den Stadtratswahlen vom Oktober 1952 erhielten Hedwig Strauß mit 6311 Stimmen für die SPD und Maria Jeck mit 4707 Stimmen für die CSU als erste Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg einen Stadtratssitz. Über ihre dortige Arbeit berichteten beide im Jahr 2000.

Hedwig Strauß (1920 bis 2010): „Mit der Kollegin Jeck verstand ich mich gut. Jede von uns ließ die andere bei ihrer Partei, was uns trennte. Aber wir haben uns nicht bekriegt. Es war gut, dass wir als Frauen in den Stadtrat kamen. Zunächst aber wählten uns die männlichen Kollegen noch in keinen Ausschuss. Einmal unterstützte mich aber direkt auch Max Baldauf von der CSU. Zu meinen besonderen Anliegen gehörte, dass in Lindau eine Kindertagesstätte und städtische Kindergärten errichtet werden. Die Kindergärten waren damals ausschließlich kirchlich geleitet. Das wollten die Konservativen in der CSU und bei den anderen Bürgerlichen aber nicht antasten. Generell war deren Auffassung so, dass die Frauen eben zu Hause und bei den Kindern bleiben sollten. In den Jahren nach 1972 äußerte sich sogar noch eine SPD-Kollegin in diesem Geiste. Ähnlich war dies ja in den 80er-Jahren auch mit deren Ablehnung eines Lindauer Frauenhauses für Frauen in Not. Als erster städtischer Kindergarten wurde dann ja auch erst 1993 der in der Villa Engel eröffnet. Auch wollte ich, dass die Öffnungszeiten frauenfreundlicher gestaltet werden. Durch die Zunahme der Industrie nach dem 2. Weltkrieg suchten die Betriebe händeringend Arbeitskräfte. Typische „Frauenbetriebe“ waren Bahlsen, Kunert, die Nähereien und Reichart, also vor allem die Betriebe mit Schichtarbeit. Für die Kinder dieser Frauen wollte ich die Kindertagesstätte. Ich hatte auch erfahren, dass es Betriebe außerhalb Lindaus gab, wie beispielsweise die Firma Reich in Lindenberg, die selbst Kindertagesstätten unterhielten. Außerdem unterstützte ich die Initiativgruppe für den Lindauer Kinderhort, welcher inzwischen von der Arbeiterwohlfahrt geleitet wird. Das Ehepaar Cornelia und Helmut Lindemann und deren Lindenstiftung half uns dabei finanziell wesentlich. Vorläuferinitiative war der vorschulische Spielkreis in der Maxkaserne. Auch als Vorsitzende des Kinderschutzbundes konnte ich damals diese Aktivitäten anderer engagierter Frauen effektiv unterstützen.

Die Stadtratskollegen meiner damaligen Fraktion, wie Gustav Röhl, Max Dittrich und Max Bucher, unterstützten mich. Die hatten schon irgendwie erkannt, dass man auch Frauen in der Politik brauchte. Weitere Schwerpunkte waren die Themen Industrieansiedlung, privater und städtischer Wohnungsbau und andere soziale Probleme. Die Stadt hatte damals noch ein eigenes Sozialamt.

An einer verstärkten Industrieansiedlung waren in den 50er-Jahren ältere Lindauer Betriebsleitungen gar nicht so interessiert, wie beispielsweise jene von Reichart und der Pfannenfabrik, weil sie dadurch befürchteten, die bisher niederen Löhne nicht halten zu können.

Auch für die Einführung der Gemeinschaftsschule beider christlichen Konfessionen und den Volksentscheid dazu trat ich ein. Ebenso unterstützte ich die Aktivitäten „Am See Natur und nicht Beton“ gegen die Errichtung eines Tagungshauses an der Stelle der früheren Livana-Fabrik. Auch für ein Kaufhaus an der Stelle der heutigen Inselhalle zur Stärkung der Insel und ein Tagungszentrum auf der Hinteren Insel war ich. Uns wäre viel erspart geblieben, wenn Karstadt hätte bauen dürfen. Aber Lindauer Einzelhändler und Bewohner im benachbarten städtischen Warmbad verhinderten dies.

Im Aufsichtsrat der GWG trat ich dafür ein, dass familienfreundlicher gebaut wurde, beispielsweise im Zech und in Reutin. Einmal zogen wir Stadtratskolleginnen zusammen los, um den Kindern zu ermöglichen, dass sie die Grünflächen zwischen den Häuserblöcken auch betreten und darauf spielen durften.

Als ich später Mitglied des Hauptausschusses war, setzte ich mich dafür ein, dass Frauen bei der Neubesetzung besonders von besseren Stellen in der Stadtverwaltung mehr berücksichtigt werden, nicht nur als „Tippsen“, sondern in richtig interessanten Laufbahnberufen. Gerade meine eigenen Erfahrungen im Krieg, als ich bei VOLTA die Arbeit des an die Front gezogenen kaufmännischen Betriebsleiters übernahm, machten mich in dieser Hinsicht aufmerksam. Auch heute ist in der Verwaltung bei den leitenden Stellen immer noch ein Manko zum Nachteil der Frauen vorhanden. Manchmal aber trauen sich die Frauen so etwas auch leider gar nicht zu.

Wichtig ist heute noch, dass an den Schulen eine Mittagsbetreuung für bedürftige Schüler eingeführt wird. Aber ich befürchte, dass in der Bevölkerung und auch bei den Frauen nur eine Minderheit ein Bedürfnis danach hat. Die Frauen, die Geld haben, bezahlen statt dessen eben ein Dienstmädchen oder eine Tagesmutter, weil sie es sich leisten können. Da ist das Problembewusstsein bei denen, die eine bessere Bildung haben und sich eher durchsetzen könnten, nicht groß genug. Und die tatsächlich bedürftigen Frauen schimpfen eher privat, wissen aber nicht, wie sie sich dafür einsetzen sollen.

Geboren wurde ich 1920 in Lindau. Während des Dritten Reiches lief ich oft dicht hinter meinen Eltern her, um zu verstehen, wie sie sich beim Bummel über die Hafenpromenade mit dem ebenfalls sozialdemokratischen Ehepaar Dittrich heimlich über Politik unterhielten. Mit 14 Jahren trug ich im Auftrag meiner Eltern im Turnbeutel versteckt oft ein antifaschistisches Buch über den Reichstagsbrand von 1933 zu den bekannten noch zuverlässigen Genossen in der Stadt und las es auch einmal heimlich selbst.

Meine kaufmännische Ausbildung erhielt ich bei Volta in Lindau, arbeitete dann kurz bei BMW in München und kam während des Zweiten Weltkrieges zurück zu Volta.

Mein Mann erlitt 1955 wegen andauernder Überarbeitung beim Arbeitsamt eine halbseitige Lähmung, wurde mit 35 Jahren Frührentner und erhielt eine monatliche Rente von zunächst 7 D-Mark. 1956 wurde ich trotz zweier Kinder und meinem pflegebedürftigen Mann nochmals zu einer Stadtratskandidatur gedrängt, kam aber nicht mehr hinein. Meine Nachfolgerin wurde 1966 Emilie Röhl, die aber leider bereits 1968 starb. Erst 1972 wurde ich wieder Mitglied des Stadtrates und blieb dies zunächst bis 1984 und noch einmal von 1991 bis 1996. 1980 beendete ich meine berufliche Arbeit im Lindauer Arbeitsamt, die ich nach der Erkrankung meines Mannes dort hatte aufnehmen können.“

Mit alten Antragsbriefen geheizt

Maria Jeck (1911 bis 2005) blickte im Jahr 2000 ebenfalls auf ihr politisches Engagement zurück: „Von 1952 bis 1972 war ich Stadträtin. 1960 kam für die CSU Erika Wagner dazu. Ich wurde für viele Jahre Mitglied und Vorsitzende im Wohnungsvergabeausschuss. Oft hatten wir für eine zu vergebende Wohnung 50 Anträge. Heute noch wohnen manche Leute in den damals erhaltenen Wohnungen. Waschkörbeweise musste ich nach den Sitzungen oft abgelehnte Antragsbriefe verbrennen. Die durfte ja niemand sonst lesen. Ich konnte oft freitags damit den Badezimmerofen heizen. Wir vergaben die Wohnungen in der Regel an die Familie, die größer war. Gerade die ärmeren Familien waren teilweise schon sehr groß für die Zwei- oder Dreizimmerwohnungen. Immer wieder schrieben mir Menschen Dankesbriefe, welche auch durch meine Arbeit eine Wohnung erhalten hatten. Es gab auch unschöne Briefe. Doch wusste jeder, dass eine Wohnung immer nur an eine Bewerberfamilie vergeben werden konnte. Mit den Herren Ringold und Ruhland vom Wohnungsamt konnte ich gut zusammen arbeiten. Einmal brauchte ich zu Fuß zweieinhalb Stunden von der Landtorbrücke bis zum Hauptpostamt, weil ich andauernd von Menschen angesprochen wurde, wegen Wohnungssachen oder einer Sozialbetreuung. Einige hatten zu wenig Einkommen. Da konnte ich schon immer wieder Zuschüsse durch die Stadt vermitteln.

Auch hatten wir viel mit städtischem gemeinnützigem Wohnungsbau zu tun. Die Wohnungsnot war damals schon recht groß. Zum Teil waren die Wohnungen auch schlecht. Doch manchmal wollten die Menschen aus diesen billigen Wohnungen auch nicht raus.

Außerdem war ich in sämtlichen Sozialausschüssen, auch beispielsweise für die Kindergärten. Lange versuchte ich für Hoyren einen Kindergarten zu erreichen. Doch wurde zuerst der Aeschacher erweitert. Ich war schon a bissel was unterwegs. Heute noch habe ich elf Ordner mit Stadtratsunterlagen zu Hause.

Mit der Frau Strauß von der SPD verstand ich mich ganz gut. Gustav Röhl von der SPD stimmte sogar im Ausschuss einmal für meinen Antrag. Parteipolitisch hat es damals nicht so viel Streit gegeben. In Wahlkampfzeiten hatte jede Stadträtin ihre Parteirichtung. Das ist ja auch gut so. Die hat man dann auch fest vertreten.

Die Männer verhielten sich uns Frauen gegenüber ganz prima. Es war schon eine kleine Sensation, als wir 1952 in den Stadtrat kamen.

Besondere Frauenthemen hatten wir damals im Stadtrat nicht. Da waren wir schon wieder etwas in Sorge, man könnte da einen der männlichen Stadtratskollegen etwas verletzen. Dabei waren wir von fraulicher Seite doch vielleicht etwas zu mild oder zu rücksichtsvoll. Auch unser CSU-Fraktionsvorsitzender war da manchmal nicht ganz einfach. Aber große Streitigkeiten gab es nie in der Fraktion und im Stadtrat.

1911 wurde ich als Tochter der Familie Dreher geboren. Mit zwölf Jahren verließ ich das Institut der „Englischen Fräulein“. Die Helene Helmensdorfer aus der Grub war in unserer Klasse die einzige Evangelische. Meine Mutter hatte insbesondere darauf geachtet, dass ich gut rechnen konnte. Auf dem Reichsplatz lernte ich heimlich in den Schulpausen das Radeln. In der Metzgerei meiner Eltern lernte ich den Beruf der Verkäuferin. Meine Mutter war oft krank. 1933 heiratete ich, wurde Hausfrau und Mutter von zwei Buben. Meine Schwägerin wurde im elterlichen Geschäft meine Nachfolgerin.

40 Jahre lang war ich ab 1946 die Vorsitzende des Katholischen Frauenbundes im Bezirk Lindau. Während dieser Zeit half ich bei zwölf Gründungen weiterer Zweigvereine mit. Von Anfang an unterstützte mich in dieser Arbeit die Diözesanvorsitzende Scherer aus Augsburg. Über 800 Mütter, Männer und Kinder konnten wir in dieser Zeit in Erholungskuren vermitteln und sie bei der Finanzierung unterstützen.

Nach dem Krieg wurde ich immer wieder gedrängt, kommunalpolitisch aktiv zu werden und mich für den Stadtrat aufstellen zu lassen. Durch den Frauenbund bin ich dann einfach auch dort noch hineingeschlittert. Eisenbahner Karl Braun von der CDP und CDP-Kreisrat Wilhelm Göttler, Wirt vom Gasthaus Langenweg, überzeugten mich davon.

1958 gründeten elf Frauen und ich die Frauen-Union der CSU im Kreis Lindau. Vorsitzende wurde als evangelische Frau Erika Wagner.

Ich erhielt das silberne Ehrenzeichen der CSU und 1973 aus den Händen von MdL Dr. Franz Heubl das Bundesverdienstkreuz als Anerkennung meines Engagements.“

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