Große Künstler und ihr Umgang mit der eigenen Lebenszeit

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Professor Roland Doschka (Foto: Goebel)

Flucht vor dem Tod auf der einen und gläubige Hingabe an die göttliche Bestimmtheit des Lebens auf der anderen Seite: Die beiden Maler Pablo Picasso und Marc Chagall trennte nicht nur ihre konträre künstlerische Auffassung. Laut Referent Roland Doschka hatten sie auch eine völlig andere Empfindung für das Verstreichen der Zeit. In seinem Vortrag im Rahmen der Lindauer Psychotherapiewochen mit dem Titel „Picasso, Chagall, Miró das Diktat der Zeit“ verglich er auf sehr persönliche und einfühlsame Art und Weise die großen Lebensstationen dieser prägenden Künstler der klassischen Moderne. Besonders unterhaltsam gestaltete sich der Vortrag durch private Details, die der seit vier Jahren im Stadtmuseum Lindau wirkende Kurator über das Leben der Künstler zu berichten wusste.

„Tempus fugit“, dachte sich wohl der Maler, Grafiker, Illustrator und Keramiker Pablo Picasso (1881 bis 1973), der ein immenses Gesamtwerk hinterlassen hat und die Kunstgeschichte grundlegend umkrempelte. Pablo Picasso befand sich laut Doschka immerfort auf der Flucht vor der Zeit und dem ersten schrecklichen Todeserlebnis, das er bewusst miterlebte: Seine geliebte kleine Schwester Conchita starb 1895 auf qualvolle Weise an der Diphtherie. Die eigene Geburt stand ebenfalls unter keinem guten Stern: „Pablo Picasso war eine Totgeburt“, erzählte Doschka und berichtete noch weitere, selten gehörte Einzelheiten aus dem Leben des berühmten Malers. Der beste Freund seiner frühen Malertage in Barcelona, ein spanischer Künstler namens Carlos Casagemas, tötete sich mit 21 Jahren selbst. Seine unerfüllte Liebe zu Picassos Modell Germaine Gargallo trieb ihn in die Alkoholabhängigkeit, und im Jahr 1901 erschoss er sich im Café de L’Hippodrome in Paris. Picasso ging der Tod des Freundes und Malerkollegen sehr zu Herzen: Das abrupte, selbst gewählte Ende seiner Lebenszeit inspirierte Picasso zu einem Meisterwerk seiner „Blauen Periode“, dem Ölgemälde „La vie“ (1903). In kühlem Blau, das Doschka als Gegensatz des „chagallesken, warmen Blaus“ charakterisierte, setzte er in diesem Werk seinem Freund und dem Modell Gargallo ein Denkmal. „Picasso empfindet ein kafkaeskes Geworfensein in das Chaos des Lebens“, fasste Doschka das Lebens- und Zeitgefühl des berühmten Malers zusammen.

Dessen Zeitgenosse Marc Chagall (1887 bis 1985) nahm das Verfliegen der Zeit wohl eher als natürliches Fließen wahr. „Chagall, das war ein gläubiger Mensch, der das Diktat der Zeit nicht fürchtete“, betont Doschka den grundlegenden Unterschied der beiden Künstler. Besonders eindrücklich schilderte Doschka das „Diktat der Zeit“ über den Künstler anhand eines tragischen Schicksalsschlags, den Chagall erlitt: Seine Frau Bella starb 1944 an einem Virusinfekt, nachdem das Medikament aus Europa nicht schnell genug nach New York geliefert werden konnte. Dem jüdischen Künstler, der „seiner eigenen Zeit entfliehen musste“, gelang es trotzdem, den Faktor Zeit als positiv zu empfinden.

Der Spanier Joan Miró (1893 bis 1983) dagegen beobachtete und analysierte die verrinnende Zeit geradezu wissenschaftlich. Durch ein gefühlvolles Gedicht des französischen Lyrikers und Politikers Alphonse de Lamartine (1790 bis 1869) über die Wahrnehmung verstreichender Zeit illustrierte Doschka das Zeitgefühl Mirós. „Die Zeit fliegt, und wir mit ihr“, endet Lamartine sein Gedicht und genau dieses Gefühl soll Miró als so erdrückend empfunden haben. Seine Kunst widmete sich dem „Kosmos der fliehenden Zeit“ und er versuchte immer wieder, große und kleine Welten, Makro- und Mikrokosmos, in seinen Bildern zu vereinen. Auf seinen Werken findet sich deshalb das Universum in Form von Sternen und Sonnen genauso wie die kleinste Ameise.

Die Besucher in der gut gefüllten Inselhalle erlebten einen außergewöhnlich unterhaltsamen, mehr biografisch als wissenschaftlich orientierten Vortrag. „Sie haben es auf einzigartige Weise geschafft, diese drei großen Künstler für uns lebendig werden zu lassen“, lobte der wissenschaftliche Leiter und Moderator Professor Manfred Cierpka. Diesem Lob schloss sich das Publikum durch langen Applaus an.

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