Gesungenes Gebet in vokaler Vollendung

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Chorleiter, Organist, Sänger Jeremy Winston improvisiert mit seinem Chor leidenschaftlich.
Chorleiter, Organist, Sänger Jeremy Winston improvisiert mit seinem Chor leidenschaftlich. (Foto: Christiane Link-Raule)
Schwäbische Zeitung
Christiane Link-Raule

Opulent, außergewöhnlich, bezaubernd: Mit diesen drei Adjektiven ist die Qualität des Konzerts nicht ausreichend beschrieben, aber es ist eine Annäherung an ein unglaublich überraschendes und brillantes Chorkonzert. Auf Einladung der „Christrose“, einer gemeinnützigen Organisation, die soziales Handeln und Kulturarbeit verbindet, um karitative Projekte zu unterstützen, konzertierte die „Jeremy Winston Chorale“ unter Leitung von Jeremy Scott Winston zum zweiten Mal im Lindauer Münster. Das Benefizkonzert „Gospel meets Classic“ zu Gunsten des Münster Pfarrhauses und des Vereins für Sehbehinderte und Blinde riss das Publikum von den Kirchenbänken.

Wer von diesem stimmgewaltigen Chor aus den USA die gängigen Gospels und Spirituals erwartet hatte, wurde enttäuscht. Alle anderen erlebten einen konzertanten Abend mit grandiosen Sängerinnen und Sängern. Schon erstaunlich, wie ein einfaches Wort wie Halleluja auf die schönste vokale Weise so oft variiert werden kann, dass das Gesamtwerk zu einem choralen Ohrwurm der Extraklasse wird. Die Sängerinnen und Sänger füllten den Kirchenraum nicht nur mit ihren fantastischen Stimmen, sondern auch mit einer Innigkeit, die zu Herzen ging, manches Mal sogar zu Tränen rührte. Jeden Ton, jede Regung, jede an Gott gerichtet Lobpreisung nahm man ihnen ab: es war nicht nur gesungenes, es war gelebtes Gebet in rhythmischer und dynamischer Vollendung.

Eine interessante Mischung aus Klassik und afro-amerikanischer Chortradition präsentierte die „Jeremy Winston Chorale“. Die Moderation und Übersetzung übernahm charmant Tithey Schulz von „Christrose“, die Begleitung am Piano konzertant Janet Cooper. Spontan entschied Chorleiter Winston, seinen Solisten auf der Orgel zu begleiten. So sanft wie ein Vogel mit hellklingenden Tönen, die dem Himmel entgegenschweben, schraubte sich Countertenor William Ramsey in ungeahnte Höhen bei „Even me“ und erntete lautes Jubeln für dieses begnadete Solo. Begeisterung ebenso für den jungen Tenor Merkell William und die wunderbare Vernetta Willet, die ihre Seele stimmlich in „My Soul has been Anchored“ offenbarte. Den Psalm 23 schließlich, „Der Herr ist mein Hirte“ sang der inspirierende Jeremy Winston selbst und hinterließ nach seiner aufrüttelnden Frage „How long must I suffer“ die besänftigende und Seelen tröstende Gewissheit, dass kein Mangel sein wird.

Jede Stimme der Sängerinnen und Sänger einzeln ein Genuss, zusammen ein Kunstwerk. besonders bei „Elijah Rock“, einem Spiritual, vom Chor genial interpretiert. Doch weil bei einem Gospelkonzert die klassischen Nummern nicht völlig fehlen dürfen, heizte Robert Grant zum Abschluss ein mit „Oh Happy Day“. Und alle im Münster sangen hingerissen mit.

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