Gesellenbrief mit 47: Weiterbildung sichert auch in diesem Alter berufliche Zukunft

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Lindaus Arbeitsagenturleiterin Susanne Müller-Koberstein (rechts) und ihr Stellvertreter Björn Patzer (links) freuen sich, dass
Lindaus Arbeitsagenturleiterin Susanne Müller-Koberstein (rechts) und ihr Stellvertreter Björn Patzer (links) freuen sich, dass Elena Fabrikantow und Wolfgang Hannemann nach zwei Jahren Aus- und Weiterbildung ihre Abschlusszeugnisse haben. (Foto: Evi Eck-Gedler)

Obwohl die Arbeitslosenzahl im Kreis Lindau im Juli von 886 auf 917 gestiegen und deshalb auch die Quote höher als Ende Juni ist, liegt Lindau im Vergleich mit den anderen Geschäftsstellen des Arbeitsagenturbereichs Kempten-Memmingen weiter an zweiter Stelle. Die Zahlen im Einzelnen:

Juni 2018  Juli 2018

Mindelheim    1,9 %  2,0 %

Lindau     2,0 %  2,1 %

Memmingen   2,0 %  2,1 %

Marktoberdorf   2,0 %  2,2 %

Füssen     2,2 %  2,3 %

Sonthofen     2,4 %  2,3 %

Kempten     2,4 %  2,6 %

Kaufbeuren     2,8 %  3,0 %

Allgäu gesamt   2,2 %  2,3 %

Susanne Müller-Koberstein, die Leiterin der Lindauer Arbeitsagentur, hat ein neues Ziel: Sie will jene Kräfte, die regelmäßig im Spätherbst ihre befristeten Stellen verlieren, möglichst ganzjährig beschäftigt sehen. Und außerdem Kräfte aus dem Helferbereich gezielt fördern. Das erfordert vielfach vor allem eines: den Willen zur Weiterbildung. Doch das lohnt sich, ist Wolfgang Hannemann überzeugt: Er hat den Mut gehabt, mit 45 Jahren eine Ausbildung zum Maurer zu beginnen. Jetzt, zwei Jahre später, hält er stolz seinen Gesellenbrief in Händen – und eine Prämie der Arbeitsagentur für den erfolgreichen Abschluss seiner Umschulung.

Eigentlich hat die Agenturleiterin bei der Lindauer Arbeitslosenquote für Ende Juli auf eine „1“ vor dem Komma gehofft. Stattdessen hat sich die Quote in den vergangenen vier Wochen sogar um einen Zehntelprozentpunkt verschlechtert. Eine Ursache dafür hat Müller-Koberstein ziemlich schnell ausgemacht: „Es melden sich jetzt schon die ersten Wiedereinsteller für den Herbst bei uns arbeitslos.“

Im Helferbereich oft nur befristete Verträge

Zum Jahresende sind es im Kreis Lindau regelmäßig 150 bis 200 Menschen, die von der Agentur ein befristetes Arbeitslosengeld beziehen. Angesichts der Tatsache, dass den 917 Erwerbslosen Ende Juli immerhin 1392 offene Stellen gegenüberstehen, viele Firmen händeringend nach Personal suchen, ist es in den Augen der Agenturleiterin ein Unding, dass sich jeden Winter eine ganze Reihe von Kräften bis zu vier Monate arbeitslos melden: „Wir können die nicht mehr in Ruhe lassen“, sagt Susanne Müller-Koberstein.

Vielfach erhielten diese Mitarbeiter auch deshalb nur befristete Verträge, weil sie nur angelernte Kräfte sind. Diese nehme die Agentur jetzt genauer ins Visier: „Sie müssen sich weiterbilden, ob EDV-Kenntnisse, Fachwissen oder auch nur bessere Sprachkenntnisse.“ Qualifikation hält Müller-Koberstein für einen ganz wichtigen Aspekt: Drei bis vier Monate zu Hause sitzen, wie bisher oft im Hotel- und Gastronomiebereich üblich oder auch in der Baubranche, das will die Agenturleiterin nicht mehr hinnehmen.

Dass sich Qualifikation und Weiterbildung lohnen, dafür gebe es immer wieder gute Beispiele, sagt Müller-Koberstein. Aktuell sind es ein Maurer und eine Altenpflegerin, die sie als „Umschulungsbotschafter“ vorstellt: Wolfgang Hannemann hat sich mit 45 Jahren dafür entschieden, endlich eine Ausbildung zu machen – und jetzt strahlende Augen, weil er nach zwei Jahren seinen Gesellenbrief erhalten hat. Genauso lange hat Elena Fabrikantow an einer Berufsfachschule gebüffelt: Sie hat jahrelang nur als Helferin im Pflegedienst gearbeitet und sich jetzt zur Altenpflegefachkraft ausbilden lassen.

„Möglichst schnell Geld verdienen“

Hannemann gibt zu, dass der Weg bis zum Gesellenbrief nicht ganz einfach war: Insbesondere die Zeiten in der Berufsschule in Immenstadt hätten ihn gefordert. „Im ersten Lehrjahr saß ich da mit 15- bis 17-Jährigen in der Klasse“, blickt der Maurer zurück. Damals, nach seinem eigenen Schulabschluss, habe er nur eines im Kopf gehabt: „Möglichst schnell Geld verdienen.“ Deswegen jobbte er jahrelang mal hier, mal dort. Das Thema Lehre schob er weit weg. Zuletzt arbeitete der dreifache Vater zehn Jahre lang als Asbestsanierer. „Irgendwann machst du dir dann schon Gedanken, wie das eines Tages beruflich weiter geht.“

In der Arbeitsagentur schlug ihm sein Sachbearbeiter dann eine Ausbildung zum Maurer vor. Hannemann stimmte zu. Finanziell sei das mit Hilfe der Agentur machbar gewesen. Jetzt hat der 47-Jährige von seinem Ausbildungsbetrieb in Schlachters einen unbefristeten Arbeitsvertrag erhalten hat, wie übrigens auch Elena Fabrikantow von einem ambulanten Pflegedienst – das löst genauso Glücksgefühle aus wie das Abschlusszeugnis. Und das „Zuckerl“ der Arbeitsagentur: Die zahlt beiden für ihren erfolgreichen Weiterbildungsabschluss jeweils noch 1500 Euro Prämie.

Obwohl die Arbeitslosenzahl im Kreis Lindau im Juli von 886 auf 917 gestiegen und deshalb auch die Quote höher als Ende Juni ist, liegt Lindau im Vergleich mit den anderen Geschäftsstellen des Arbeitsagenturbereichs Kempten-Memmingen weiter an zweiter Stelle. Die Zahlen im Einzelnen:

Juni 2018  Juli 2018

Mindelheim    1,9 %  2,0 %

Lindau     2,0 %  2,1 %

Memmingen   2,0 %  2,1 %

Marktoberdorf   2,0 %  2,2 %

Füssen     2,2 %  2,3 %

Sonthofen     2,4 %  2,3 %

Kempten     2,4 %  2,6 %

Kaufbeuren     2,8 %  3,0 %

Allgäu gesamt   2,2 %  2,3 %

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