„Genau nachrechnen kann man später noch“

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Anwalt trifft auf Obstbauern: FDP-Kandidat Stephan Thomae hört sich die Sorgen der heimischen Obstbauern an.
Anwalt trifft auf Obstbauern: FDP-Kandidat Stephan Thomae hört sich die Sorgen der heimischen Obstbauern an. (Foto: Yvonne Roither)
Yvonne Roither

Für ihn ist Wahlkampf auch „ein Stück Erwachsenenfortbildung“. Am Dienstag lernte der FDP-Bundestagskandidat Stephan Thomae bei seiner Wahlkampfveranstaltung auf dem Lindauer Obsthof Nüberlin viel über den Obstbau am Bodensee. Denn beim „liberalen Hoffest“ standen vor allem die Sorgen der Obstbauern im Vordergrund – allen voran deren schlechte Ernte, der Mindestlohn und andere Wettbewerbsverzerrungen auf dem Weltmarkt. In lockerer Runde vor rund 25 Zuhörern sprach sich Thomae gegen eine staatlich verordnete Agrarwende und für eine Beschleunigung der Digitalisierung in Deutschland aus.

„Ich habe mit dem Obstbau nicht jeden Tag zu tun“, räumte der Kemptener Jurist ein. Deshalb sei es ihm „wichtig, Impulse mitzukriegen“. Die bekam er von den rund 20 Obstbauern, die zu der Veranstaltung gekommen sind. „Wir freuen uns, wenn auch die hohe Politik Interesse an der Landwirtschaft hat“, sagte Martin Nüberlin, der mit FDP-Stadtrat Ulrich Jöckel die Veranstaltung organisiert hatte. Er hoffe aber, dass das Interesse daran auch nach der Wahl nicht nachlässt – denn aktuelle Probleme gebe es hier wahrlich genug.

Sorgen bereiten den Bauern die Ernteausfälle nach dem Frost im Frühjahr. Die Politik habe zwar rasche Hilfe versprochen, doch bis Geld fließe, sei viel Bürokratie und Zeit zu überwinden, bedauerte Martin Nüberlin. Obstbauern müssten das Buchhaltungsergebnis diesen Jahres einreichen, das dann mit den Ergebnissen der letzten fünf Jahre verglichen werde. Die Zahlen werden aber frühestens nächstes Jahr vorliegen. Dabei dränge die Zeit, mahnte Nüberlin: „Wir haben reichlich Probleme, über die Runden zu kommen.“

„Das haben wir bisher noch nie so gehabt“, gab Helmut Jäger, Vorsitzender des Bayerischen Erwerbsobstbau-Verbandes, in Sachen Frost zu bedenken. Problematisch sei, dass es in Deutschland für Kernobst keine entsprechende Frostversicherung gebe – im Gegensatz zu anderen Ländern. „Da gibt es bezuschusste Mehrgefahrenversicherungen“, erklärte Jäger. So etwas wünscht er sich auch für Deutschland: „Wir stellen uns das so vor, dass Bund und Land je 25 Prozent und wir Produzenten 50 Prozent der Gesamtprämie aufbringen.“

Ein weiteres Problem ist der Mindestlohn. „Die Kosten laufen uns davon“, so Nüberlin. In Polen liege der Lohn für Erntehelfer bei zwei Euro, in Deutschland bei 8,50 Euro. Die groteske Folge: „In Polen ernten Ukrainer, während die Polen bei uns zum Ernten kommen.“ Dass die Obstbauern den Mindestlohn nicht einfach auf die Ware umschlagen können, machte Andreas Willhalm deutlich: „Wenn es Erdbeeren für 99 Cent in großen Discountern gibt und die hiesigen Erdbeeren drei Euro kosten, klafft es immer weiter auseinander.“ Jetzt droht eine weitere Verschärfung in Sachen Mindestlohn: Die Übergangsregelung, nach der bestimmte Personengruppen für 70 Tage sozialversicherungsfrei arbeiten können, läuft nun ab. „Wenn man die lassen könnte, wäre uns sehr geholfen“, appellierte Klaus Strodel in Richtung Politik.

Keine Unterscheidung in „gute“ und „böse“ Bauern

Eine weitere Hilfe wäre eine steuerfreie Risikorücklage, so die Obstbauern weiter. Sie prangerten auch die fehlende Kennzeichnungspflicht für das Herkunftsland der Früchte in Säften sowie die teuren und im Vergleich zu anderen Ländern komplizierten Zulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel an. Thomae sprach sich für schnelle und unbürokratische Hilfen aus. „Es geht hier nicht um Unternehmerversagen, sondern um Strukturprobleme. Genau nachrechnen kann man später noch“, sagte Thomae, der die Landwirtschaft entbürokratisieren will. Er unterscheide nicht zwischen „guten“ Biobauern und „bösen“ konventionellen Bauern.

Jeder Bauer solle selbst entscheiden, wie er seinen Hof führen wolle. Wichtig für den Verbraucher sei nur, dass klar deklariert werde, wie ein Produkt erzeugt wird. Eine staatlich verordnete Agrarwende halte er für ebenso unsinnig wie seinerseits die verordnete Energiewende oder das jüngste Beispiel „Dieselwende“, die allesamt ohne großen Masterplan gestartet worden seien. Auf schwierige Fragen gebe es keine einfache Lösungen, sagte Stephan Thomae, der sich für eine differenzierte Politik einsetzen will: „Ein Obstbauer am Bodensee braucht eine andere Lösung als Landwirte in Niedersachsen.“

Was jedoch ganz Deutschland brauche, sei eine flächendeckende Glasfaserverkabelung und schnelles Internet. Digitalisierung ist für den FDP-Mann eine Infrastrukturaufgabe. Sie müsse bereits in der Schule beginnen.

Der FDP-Kandidat ließ seine „Erwachsenenfortbildung“ in Lindau vor dem Obsthof mit lockeren Gesprächen ausklingen. Er versprach, die Sorgen der Obstbauern ernst zu nehmen – und verriet unschlüssigen Wählern den Weg zur Glückseligkeit. „Glauben Sie mir. Es ist ist ein Glücksgefühl, ja ein erhabenes Gefühl, zum ersten Mal im Leben FDP zu wählen.“

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