Gemeinsam wird aus der Utopie Wirklichkeit

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Christian Flemming

Es gibt Wege aus dem Hamsterrad, das hat die erfolgreiche Sanierung des Rainhauses bewiesen. Mit einer feierlichen Einweihung und einem Tag der offenen Tür wurde diese Maßnahme, mit der die Lebenshilfe nun ein Haus für inklusives Wohnen hat, offiziell beendet.

Was aber hat ein Hamsterrad mit dem Rainhaus zu tun? Frank Reisinger, Geschäftsführer der Lebenshilfe Lindenberg-Lindau, gab bei seinem Rückblick über die Finanzierung und Realisierung des Projektes Rainhaus die Antwort darauf. Bevor die ersten Eimer mit Schutt aus dem baufälligen, Ende des 16. Jahrhunderts gebauten Gebäude getragen werden konnten, musste natürlich die Finanzierung stehen. Dazu wurden alle möglichen Stellen wegen Finanzhilfe abgeklappert. Und da begann das Hamsterrad: Die einen wollten nur Geld geben, wenn die anderen mitmachten, die wiederum auf weitere verwiesen – und schließlich landete man wieder beim ersten. Bis es hieß, „wenn die Stadt das Gebäude, den Grund und 550 000 Euro schenken, dann geben wir auch Mittel“. Dies schien ein utopisches Verlangen, auch zögerte der Vorstand der Lebenshilfe zunächst, eine Million aus Eigenmittel in dieses waghalsige Projekt zu investieren, erzählte Reisinger. Als das Ehepaar Maria und Werner Berschneider aber selbst eine halbe Million für die Rainhaussanierung stifteten, war zumindest der Vorstand überzeugt. Und dann das: Der Stadtrat stimmte einmütig fürs Rainhaus.

Auch Werner Berschneider erinnert sich: „Im Vorfeld dachte niemand, dass die Zusage der Stadt bei diesem Stadtrat möglich wäre.“ Er führte die Ehrengäste in die Historie des weit über 400 Jahre alten Rainhauses ein. Zur Sanierung berichtete er, dass die Verantwortlichen hier eine hochwertige Renovierung, eng mit dem Denkmalschutz koordiniert, wollten. „Und im Gegensatz zu vielen anderen kritischen Stimmen über die Denkmalschutzbehörde kann ich nur durchweg Positives sagen“, so der Vorsitzende der Lebenshilfe und des Rainhausvereins. Ebenso lobte er die Architekten Anja und Markus May, die die Sanierung „termingerecht und sogar unterm Budget realisiert haben“. Auch die so oft gescholtenen Handwerker lobte Berschneider in höchsten Tönen. Trotz Ausschreibungszwang konnten ausschließlich heimische Handwerksbetriebe eingesetzt werden, die „hoch motiviert waren, sich gegenseitig geholfen und ein großes Interesse an der Historie des Hauses gezeigt haben. Wir hatten nur beste Erfahrungen mit ihnen“.

Das Architektenehepaar May berichtete über den Grundriss des alten Rainhauses, der sehr geeignet für die Bedürfnisse der Lebenshilfe war. Es musste nur wenig geändert werden, und die Tatsache, dass die Treppen und der Fahrstuhl nach außen verlagert werden konnten, kam auch dem Brandschutz sehr entgegen. Probleme bereitete das Fundament, das auf Bodenseesediment ruht und in schlechtem Zustand war. May bewunderte die Arbeit des „Bautrupps“, lauter freiwillige Helfer um das Ehepaar Berschneider, der Tonnen von Schutt in über 2000 Arbeitsstunden aus dem Gebäude geschleppt habe. Das Fundament steht nun laut May auf einem Floß, das auf dem schlechten Untergrund schwimme. Dank der Dachziegelerneuerung der Stadt in den 1990er -Jahren seien noch größere Schäden im Dachgebälk vermieden worden, die Ziegel sind wieder verbaut.

Aus einem alten Dachbalken hat der Gitarrist, Gitarrenbauer und Musikpädagoge Otto Kondzialka eine Gitarre und eine Tischharfe gebaut, zusammen mit Isa Debusmann, einer künftigen Bewohnerin des Rainhauses, führte er die beiden Instrumente mit einem Musikstück vor. Nicht nur optisch, auch klanglich ein Genuss. Apropos musikalischer Genuss: Die Werkstattband der Lebenshilfe Lindau heizte zu Beginn des Festaktes so kräftig ein, dass die Gäste eifrig mitklatschten und -sangen. So konnte dies nur ein gelungener Start in eine neue Ära des Rainhauses werden, dem die beiden Pfarrer Eberhard Heuß und Dariusz Niklewicz den kirchlichen Segen erteilten.

Maria Berschneider steckte ihre Alterssicherung in das Projekt

Reisinger lüftete noch ein Geheimnis, denn mit der halben Million, die Berschneiders zur Realisierung des Rainhauses beigetragen hatten, hatte Maria Berschneider auf ihre Alterssicherung verzichtet. Sie konnte die Vollendung der Sanierung nicht mehr erleben, ihr zu Ehren trägt der Begegnungsraum ihren Namen.

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