Gemälde statt Pakete: Frühere Lindauer Hauptpost rüstet sich für die Kunst

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 Freuen sich auf die neuen Räume im Erdgeschoss der ehemaligen Hauptpost (von links): Alexander Warmbrunn, Leiter des Kulturamte
Freuen sich auf die neuen Räume im Erdgeschoss der ehemaligen Hauptpost (von links): Alexander Warmbrunn, Leiter des Kulturamtes, Hilmar Ordelheide, Leiter des Hochbaus, und sein Mitarbeiter Jan Netzer. (Foto: Christian Flemming)

Wo einst Pakete am Schalter aufgegeben wurden, werden in wenigen Wochen wertvolle Kunstwerke in Millionenhöhe hängen. Damit die Wandlung von einem Postgebäude in einen modernen Ausstellungsraum gelingt, sind jetzt vor allem die Handwerker gefragt. Sie arbeiten rund um die Uhr, um Auflagen einzuhalten, die selbst erfahrene Kunstschaffende staunen lassen. Denn wer teure Kunstwerke aus der Hand gibt, der stellt Ansprüche – vor allem in Punkto Sicherheit und richtiger Aufbewahrung. Die LZ hat sich vor Ort umgeschaut.

Die großen Fenster des alten Postgebäudes sind blind. Kein Sonnenlicht, kein neugieriger Blick dringt mehr durch die großen Scheiben. Im gesamten Erdgeschoss gibt es keine Außenfenster mehr. Sie sind zugemauert nach einem speziellen System, das ein Durchdringen unmöglich macht. Nicht alle Sicherheitsvorkehrungen sind so offensichtlich. Aber es gibt sie, reichlich.

„Ich kann aus Versicherungsgründen keine Details verraten“, sagt Lindaus Kulturamtsleiter Alexander Warmbrunn, der nur so viel preisgibt: „Der Ausstellungsraum ist auf höchstem internationalem Standard.“ Ein Thema, das Warmbrunn schon lange beschäftigt. Gleich zu Beginn, als das Postgebäude als Interimslösung für die Ausstellungen im Gespräch war, habe es eine Begehung mit Kunstsachverständigen gegeben. „Da wurde genau besprochen, was gemacht werden muss“, sagt Warmbrunn. „Diese Vorgaben können die meisten Provinzmuseen nicht leisten.“ Lindau hat seine Hausaufgaben gemacht, bekam die höchste Sicherheitsklasse. „Da kann keine Maus mehr rein.“ Ein strahlungsarmes LED-System und eine hochwertige Klimaanlage gehörten auch zu den internationalen Standards, die Lindau erfülle.

Für Warmbrunn ist das Postgebäude ein Glücksfall. Denn das alte bayerische Königliche Postamt aus der Belle Époque ist nicht nur architektonisch imposant. Es steht auch zentral, mitten auf der Insel, und bietet Besuchern eine gute Anbindung mit Zug und Schiff. Und es wird, da ist er sich sicher, im Hinblick auf die Gartenschau und die Umgestaltung der Hinteren Insel ein „wichtiger Schnittpunkt“.

Wir haben viel Hirnschmalz investiert.

Rund eine halbe Million Besucher haben die acht Lindauer Ausstellungen bislang gesehen, 400 bis 500 Schulklassen pro Ausstellung haben Führungen und Workshops besucht: Eine Interimslösung zu suchen für die Zeit, in der der Cavazzen ausgebaut wird, dafür sprachen schon die nackten Zahlen. Es wäre aber auch schwierig, nach fünf Jahren Abstinenz wieder mit großen Ausstellungen zu starten, räumt Warmbrunn ein. „Wir sind froh, diesen Raum gefunden zu haben“, sagt er. Der Mietvertrag geht über fünf Jahre.

Die Frage, wie sich die Schalterhalle der Post als Ausstellungsraum nutzen lässt, stellte Warmbrunn, aber auch die Mitarbeiter des Lindauer Hochbauamtes vor eine Herausforderung. Wichtige Faktoren waren die Sicherheit und die Klimatechnik. Aber auch über Hängeflächen und die Gestaltung von Besucherführungen haben sie gegrübelt. „Wir haben viel Hinrschmalz investiert“, sagt Warmbrunn, der die Räume so planen musste, dass sie nicht nur für zukünftige Ausstellungen nutzbar sind, sondern auch noch schön sind, aber nicht zu teuer werden. Denn das Budget sei mit 320 000 Euro Umbaukosten „überschaubar“.

Das alte Postgebäude ist mehr als eine Notlösung. 250 Quadratmeter und hundert Laufmeter Hängefläche haben die neuen Räume zu bieten. Er könne hier also rund 40 Prozent mehr Bilder aufhängen als im Cavazzen, rechnet Warmbrunn vor, und mehrere Besuchergruppen gleichzeitig durch die Ausstellung führen. Die über vier Meter hohen Decken ließen zudem ein anderes Raumgefühl als im gedrungenen Gewölbe des Cavazzen entstehen. „Da sind ganz andere Formate möglich“, freut sich Warmbrunn. Der Ausstellungsraum mit nur sechs festgefügten Säulen lasse es zu, flexibel zu agieren. So können die Kunstmacher von Ausstellung zu Ausstellung variabel die Wände setzen. Für Hundertwasser soll mit Zwischenwänden eine Art Labyrinthcharakter entstehen, das mit einem „interessanten Farbkonzept“ abgerundet wird.

Handwerksfirmen hatten „Lust auf dieses Projekt“

„Der Zeitplan war sportlich“, sagt Hilmar Ordelheide, Leiter des Hochbauamtes. Denn die Entscheidung für die frühere Post ist erst im Oktober gefallen. Von Vorteil war, dass sie in dem Gebäude schon viel Infrastruktur nutzen konnten, um die Technik einzubauen. „Die größte Herausforderung war die Koordination der Firmen“, sagt sein Mitarbeiter Jan Netzer. Teilweise seien fünf Gewerke gleichzeitig am Arbeiten gewesen. Man habe gespürt, dass die Firmen „Lust auf dieses Projekt“ hatten. Mitte März müssen sie fertig sein. Es sieht gut aus: Bisher sind sie im Zeit- und im Kostenplan, betont Warmbrunn.

Wer das barrierefreie Gebäude betritt, trifft zunächst auf den Kassen- und Shopbereich. Im früheren Arkadengang kommen nun Schließschränke und Garderobe unter. Zudem wird es einen extra Medienraum geben, der akustisch und optisch von der Ausstellung getrennt ist. Schulklassen sollen nebenan bei der Stadtbücherei im gläsernen Atelier ihre Workshops abhalten. Zugang zu den Postschließfächern gebe es weiterhin.

„Großstädtische-internationale Ästehtik“ treffe nun auf den Charme der Lindauer Ausstellung, freut sich Alexander Warmbrunn, der an der Ausstellungskonzeption nichts ändern will. 50 bis 60 Werke sollen Besucher in knapp einer Stunde erleben, eine „Retrospektive im Kleinformat“ eben: „Wir wollen die Leute nicht erschlagen.“

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