Gelbwesten auch in Lindau?

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 Peter Ziegler, Geschäftsführer der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung in Augsburg und der Gastredner bei der Maikundgebung des
Peter Ziegler, Geschäftsführer der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung in Augsburg und der Gastredner bei der Maikundgebung des DGB - Lindau, polarisiert mit seiner Verteilung gelber Westen an die Zuhörer. Nicht alle sind damit einverstanden, sehen eher bei Gelbwesten den Versuch von Rechtsaußen, dieses Thema an sich zu reißen. (Foto: Christian Flemming)
Schwäbische Zeitung

Selten wohl hat die traditionelle Kundgebung des DGB in Lindau das Publikum im Anschluss kontrovers diskutieren lassen, wie in diesem Jahr. Dabei war das Thema unstrittig: „Europa. Jetzt aber richtig!“ Hier in Lindau aber war da einiges missverständliches bei der Veranstaltung, was die Zuhörer teilweise ratlos zurückließ, wenn sie nicht, wie beispielsweise Max Strauß, laut ihre Missgunst äußerten.

Was aber war der Grund für diese gespaltene Reaktion? In seiner Mairede hatte der Geschäftsführer der katholischen Arbeitnehmerbewegung, Peter Ziegler, seine Bewunderung für die Art und Weise der „gilets jaunes“, der Gelbwestenproteste in Frankreich, bekundet. Nicht aber die Gewalt, die schließlich mit einzog, aber letztendlich hätte eben die Eskalation dieser Gewalt aber die Politik gezwungen, diese Bewegung ernst zu nehmen. Ziegler sah in den Protestierenden Menschen, die auf sich selbst hinweisen würden als Menschen, die am Rande der Gesellschaft liegengeblieben sind. „Ich finde es gut, wenn sich Menschen nicht frustriert und verärgert zurückziehen, sondern aufbegehren“, so der Gastredner. Gleichzeitig bewunderte Ziegler aber auch die Reaktion des französischen Präsidenten Macron, der unter dem Motto „le grand débat“ durch das ganze Land gezogen sei und bei über 10 000 Diskussionen erst einmal zugehört habe und dann nicht den Menschen nach dem Mund geredet habe, sondern deutlich seine Positionen vertrat.

Nun verteilte Ziegler seinerseits gelbe Westen, weil er wollte, „dass von dieser Veranstaltung ein starkes Signal ausgeht und ein neues Gefühl für eine teilnehmende Demokratie“, und dafür seien diese Westen ein Symbol. Doch längst nicht alle sahen darin ein Symbol dafür, sondern äußerten ihren Unmut, dass diese gelben Westen bereits ein braunes Geschmäckle hätten.

Ziegler hatte schon vorher für missbilligendes Erstaunen gesorgt, als er forderte, „dass wir uns wieder mehr um Rentner und weniger um Bienen, mehr um das gesellschaftliche als um das Weltklima kümmern müssen“. Da hatten viele vergessen, dass sie vorher seine Forderungen nach mehr sozialer Gerechtigkeit und gerechte Löhne, seine Mahnungen zur schwindenden Tarifbindung – nur noch jeder vierte Betrieb und jeder zweite Arbeitnehmer arbeite nach Tarifvertrag – beklatscht hatten.

Die Veranstaltung eröffnet hatte der Lindauer DGB-Vorsitzende und ehemalige Betriebsratsvorsitzender bei Cofely Lindau, Ernst Laufer, zu der rund 50 Menschen gekommen waren, darunter SPD-Bürgermeister Uwe Birk, Stadträte der SPD und Bunten Liste. Laufer ließ noch einmal die Bemühungen Revue passieren, sich gegen den Ausstieg aus der Tarifbindung von Engie – früher Cofely – zu wehren. Er beklagte dabei: „Was mich schon immer gewundert hat, auch noch in meiner Zeit als Betriebsrat: Fürs Nichtrauchen, Legehühner, für oder gegen Windräder oder Flüchtlinge, für alles mögliche lassen sich Menschen mobilisieren. Nur wenn es um Arbeitnehmerrechte, Entlohnung und Tarifbindung, also um ureigene Interessen geht, bekommen die Leute den Hintern nicht auf die Straße“. Er schloss mit dem alten Spruch „Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren“.

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