Gardi Hutter, eine Riesen-Gaudi

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Es bestehen eindeutig Ähnlichkeiten: Gardi Hutter nebst einer Venus-Figur.
Es bestehen eindeutig Ähnlichkeiten: Gardi Hutter nebst einer Venus-Figur. (Foto: babette caesar)
Babette Caesar

Sie hat kaum die Bühne betreten und schon fliegen ihr die Herzen zu. Wie macht sie das bloß? Die Schweizer Clownin Gardi Hutter gilt weithin als die beste ihres Genres. Vielen ist sie durch ihre Solo-Auftritte als „die unsterbliche Putzfrau Hanna“ bekannt. Doch nun gibt es sie mitsamt dem Ensemble Onyrikon aus Tanz, Musik und Maskentheater zu sehen. „Gaia Gaudi“ nennt sich ihre aktuelle Produktion, mit der sie am Mittwochabend im gut besuchten Stadttheater gastierte.

Gardi Hutter ist und bleibt unverwechselbar. Rote Clownsnase, zu Berge stehende Wuschelhaare, den Körper nach vorn und hinten dick gepolstert, Dabei trägt sie eine Mimik zur Schau, die Zuschauer umgehend schwach werden lässt. Zwischen bitterböse mit gnadenlos heruntergezogenen Mundwinkeln und überbordendem Gegacker ist alles dabei, was diese Clownin zur Clownin macht, um dem Tod ein weiteres Mal die Kante zu zeigen. Denn tot ist Gardi Hutter gleich von Anfang an. Während sie vorne am Bühnenrand noch munter vor sich hin brabbelt und wild gestikuliert, fällt der Blick unweigerlich auf ihr Pendant, aufgebahrt auf dem Thespiskarren. Verherrlicht das Drama doch à la Shakespeare die Urmutter-Komödie – „La Mamma“, die den Kindern den Weg frei machen darf, nötigenfalls wird nachgeholfen. In dem Fall von einem Ensemble, das sich gänzlich familiär zusammensetzt. Sohn und Perkussionist Juri Cainero, Tochter und Sängerin Neda Cainero, Schwägerin und Tänzerin Beatriz Navarro sind die Protagonistinnen und Protagonisten, die dem Stück unter der Regie von Michael Vogel einen neuen, ungewohnten, aber zweifelsohne Hutter-typischen Charakter verleihen.

Die Überraschung gelingt perfekt

Sie bleibt stets Mittelpunkt, wenn sie sich fassungslos ihrem Double zuwendet. Sich neben es bettet, ihm das Kopfkissen zwecks höherer Bequemlichkeit wegzieht. Und dann die gerade noch für leblos gehaltene Puppe aufspringt. Die Überraschung gelingt so perfekt, dass man selbst vom Sitz hochschreckt. Ist Gardi tot oder lebt sie in einem Zwischenreich, welches sich in kurzen eingeschobenen Szenen im Bühnenhintergrund abzeichnet? Fragen über Fragen, die den Drive des Stückes vorantreiben, angesiedelt zwischen Galgenhumor und überschäumender Lebenslust, die jede Hürde nimmt. Denn will Hutters Körperumfang beim besten Willen nicht in den Sarg passen, drückt und quetscht sie solange, bis der Deckel zuklappt. Mystisch wird’s beim Trommel- und Posaunenklang als obertoniger Abgesang auf die zu Grabe Getragene. Im Jenseits angekommen, entfacht das Ensemble rund um Gardi einen verzaubernden Maskentanz aus ominösen unterweltlerischen Urviechern, von Michael Vogel als ausgestattet mit überdimensionalen Rabenschnäbeln. Doch „La Mamma“ dreht dem Tod immer wieder eine lange Nase. Stilisiert sich zur großen Göttin hoch, umgeben von ihren Untertanen, und genießt es, sie und das Publikum herumzukommandieren. Aufstehen, setzen und dazwischen jodeln. Da kennt sie nichts. „Amuse me“, brüllt sie vom Thron herunter und stopft sich den „Cheesecake“ hinein. Teller und Töpfe, die La Mamma auf dem Sargdeckel ihren Rabenkindern auftischt, formieren sie zu einem südamerikanisch tönenden Drumset, in das Gardi wutentbrannt hineinschlägt. Ein Wunder, dass die Löffel heil bleiben.

„La Mamma“ bereut nichts

„Non, je ne regrette rien“, steht sie nach dieser Eskapade am Bühnenrand. Nein, wirklich gar nichts bereut sie, und das den ganzen Abend über. Denn nach der Pause wartet sie mit der Urgöttin, der Gaia Gaudi, schlechthin auf. Eine monströse „Venus von Willendorf“. Eine umwerfende Szene, sobald ihr gewaltiger Korpus mit „Klein“-Gardi zum Tanz anhebt. Aus diesem heraus sich Queens „We will rock you“ gebiert und Hutter sich mir nichts dir nichts zwischen die Zuschauerreihen mengt, um die Haare einiger Besucherinnen durchzuwuscheln oder ein gemeinsames Pferdewiehern auszutesten. Bliebe da noch der rote Koffer, den sie mit sich herumschleppt und den ihre Kinder, nunmehr alle vereint in derselben Garderobe, öffnen und aus dem sie gen Schluss eine Narrenkappe zieht. Gardi, die Närrin? Die Gaia Gaudi, die komisches Theater macht ohne Worte, mit Musik, inmitten ihrer Kinderschar. Ist sie wirklich tot, wenn das Ensemble zum tanzfreudigen Finale einlädt und sich mit einem Blick durch den Bilderrahmen von ihrem applaudierenden Publikum verabschiedet? Wohl kaum, es lebe die beste komische Figur weit und breit.

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